Agnes ist die jüngere Tochter eines Pfarrers. Als sie mitbekommt, dass ihre Eltern finanziell zu kämpfen haben, fasst sie den kühnen Plan, sich eine Stelle als Gouvernante zu suchen. Agnes hat sehr idealistische Vorstellungen über ihre Tätigkeit, doch schon in ihrer ersten Stelle, bei den Bloomfields, lernt sie schmerzlich die Realität kennen: Die Kinder sind hoffnungslos verzogen, weil die Eltern ihnen jede Neigung durchgehen lassen. Agnes wird zwischen den Fronten der Kinder, der Eltern und erwachsenen Verwandten und der Dienerschaft zerrieben und scheitert in ihrer ersten Stelle. Bei der nächsten Familie, den Murrays geht es besser: Zwei Mädchen stehen unter Agnes' Obhut. Rosalie, die Ältere der Schützlinge, ist eine Schönheit und hat nichts anderes im Sinn, als zu gefallen und sich einen reichen Mann zu angeln. Wider besseres Wissen, gedrängt von ihrer ehrgeizigen Mutter, heiratet Rosalie einen unsympathischen, hässlichen Nachbarssohn, der einen großen Gutshof und viel Geld besitzt. Rosalies Mann ist Alkoholiker und Spieler. Er lässt seine junge Frau allein zu Hause bei seiner Mutter, einer unangenehmen kalten Person, und treibt sich in Kneipen und Bordellen herum. Rosalie fühlt sich mit Anfang 20 schon lebendig begraben. Während Rosalie ins Unglück rennt, entsteht in Agnes eine Verliebtheit und Neigung für den neuen Hilfspfarrer des Ortes, Mr. Weston. Der ist selbstverständlich ein charakterfester Mann durch und durch. Die Leserin ahnt, dass Weston auch eine Zuneigung für Agnes hat, doch da der Roman nur aus der Sicht der Ich-Erzählerin Agnes geschrieben ist, durchleben wir zusammen mit Agnes alle Ängste, Unsicherheiten, Zweifel, die sich aus den unausgesprochenen Liebesgefühlen für sie ergeben.
Im Gegensatz zu Anne Brontës zweitem Buch, "Die Hüterin von Wildfell Hall", erregte die Geschichte der Agnes Grey wenig Aufsehen.
An einigen Stellen enthält das Buch jedoch schon den gesellschaftlichen Sprengstoff des Nachfolgebuches: Erziehungsziele, Werte der Gesellschaft, Unterdrückung und Demütigung der unteren Klassen, damit setzt Anne Brontë sich auseinander. Ungewohnt für die Entstehungszeit des Buchs ist die sehr realistische Beschreibung des Lebens der arbeitenden Bevölkerung, hier der Gouvernante. Man könnte das Buch als einen Vorläufer des späteren Sozialromans begreifen. Unerreicht scharfsinnig beobachtet sind einige Charakteristiken von Personen, die Agnes begegnen.
Das Buch Agnes Grey kommt weniger spektakulär und brillant daher als die Werke der beiden berühmten Schwestern Annes (Charlotte und Emily Brontë), hat aber durchaus seinen eigenen Charme.