Im Rahmen einer breiten angelegten Literaturrecherche hatte ich aufgrund des Titels das vorliegende Buch als Einstiegspunkt zum Thema "Vorgehensmodelle in der Softwareentwicklung" gewählt, da es wenig alternative Bücher gibt die mehr als ein Vorgehensmodell beleuchten.
Um ein Fazit vorneweg zu nehmen: ich halte das Buch in der vorliegenden Form für nicht veröffentlichungswürdig. Positiv anzumerken ist, dass die drei Methoden XP, Scrum und Crystal alle kurz dargestellt werden. Die zu dem Methoden gehörenden Techniken und Artefakte (z.B. User Stories, CRC Karten etc) werden aufgelistet und definiert. Auf diesen ersten Seiten des Buches wurde sauber mit Literaturangaben gearbeitet, so dass es die Rolle als Einstiegspunkt zumindest teilweise erfüllen kann. Bei der Vorstellung der einzelnen Methoden hätte ich mir deutlich mehr Tiefe gewünscht, einige Vorlagen sowie positive und negative Beispiele für die Ausführung der Artefakte, mit Begründung.
Problematisch wird das Buch sobald es zur Beurteilung verschiedener Methoden kommt. Agile Methoden sind grundsätzlich alternative Vorgehensweisen. Alternativ in dem Sinne, dass sie im Gegensatz zu klassisichen Vorgehensmodellen stehen und von den Erfindern auch bewusst als Gegenentwurf gesehen werden. Dementsprechend macht eine Vorstellung agiler Methoden nur Sinn in Form einer vergleichenden Vorstellung zu klassischen Vorgehensweisen. Auf genau diese alternative Gegenüberstellungen zu klassisichen Vorgehensmodellen wird leider konsequent verzichtet. Statt dessen scheint der Autor eine Vorgehensweise "ohne definierte Vorgehensweise" oder "ganz ohne Modell" als implizite Alternative zu sehen, eine Sicht die an verschiedenen Stellen durch das Buch durchschimmert.
Gänzlich unseriös sehe ich das Vorgehen des Autors verschiedene Vorgehensmodelle in einem studentischen! Labor auszutesten. Laut Buch soll unter anderem die Frage geklärt werden, "ob der Ansatz der Prozessmodelle überhaupt der richtige ist. Wird das Team dadurch nicht zu sehr eingeschränkt?". Die Fragestellung ist aus Sicht industrieller Software Entwicklung vollkommen falsch gestellt und praxisfern. Prozessmodelle sind offensichtlich unverzichtbar. Die Frage kann ja nur lauten: welche Prozessmodelle sind die richtigen? Welche Elemente klassischer oder agiler Vorgehensmodelle machen in welchen Projektsituationen und in welcher Kombination und Ausprägung Sinn?
Dementsprechend erwarte ich zu den Fragen in einem Buch Aussagen projekterfahrener Profis die zumindest über einige Jahre hinweg verschiedene Vorgehensmodelle gelebt haben. Das Verfahren diese dann per Fragebogen zu befragen und die Ergebnisse wissenschaftlich auszuwerden ist ja durchaus positiv zu sehen. Das Problem ist nur, dass hier Personen gefragt wurden, die gerade zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Vorgehensmodell in der Softwareentwicklung zu tun hatten. Gerade bei agilen Vorgehensmodellen spielt aber der richtige Erfahrungsmix der Teammitglieder und der Reifegrad der ausführenden Organisation eine entscheidenende Rolle. Von deren Befragung von Studenten ist dementsprechend auch bei der tollsten Auswertung wenig Erkenntnisgewinn zu erwarten.
Ein letzter Kritikpunkt an diesem Buch sind die Abbildungen. Ein Großteil der Grafiken besteht aus Photos von Studenten in dem Softwarelabor bei verschiedenen Tätigkeiten, überraschenderweise meist sitzend vor dem Monitor, gelegentlich auch sitzend auf dem Tisch oder stehend bei einer Präsentation. Mein persönlicher Favorit ein Photo mit dem Titel: "Kunden warten auf das Sprint Review", das tatsächlich ein paar Studenten zeigt die demotiviert auf Stühlen sitzen und warten. Was bitte sollen uns diese Abbildungen sagen?
Fazit: der Autor hat einen interessanten Titel gewählt. Fehlt leider noch das Buch dazu. Die vorliegende Sammlung von Text und Photos hat leider bestenfalls den Charakter "erste Ideensammlung". Der Grundgedanke Studenten zu ihren Erfahrungen zum Thema Prozessmodelle in der Softwareentwicklung zu befragen hinkt halt nun mal daran, dass diese den Berufseinstieg erst noch vor sich haben.