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Aggression als Chance: Be-Deutung und Aufgabe von Krankheitsbildern wie Infektion, Allergie, Rheuma, Schmerzen und Hyperaktivität
 
 
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Aggression als Chance: Be-Deutung und Aufgabe von Krankheitsbildern wie Infektion, Allergie, Rheuma, Schmerzen und Hyperaktivität [Gebundene Ausgabe]

Ruediger Dahlke
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Ruediger Dahlke ist Vordenker der Psychosomatik und Autor zahlreicher Grundlagenwerke. »Krankheit als Weg« hat vielen Menschen geholfen, körperliche Leiden als Symptome von Lebensproblemen zu begreifen und zu behandeln. In seinem neuen Werk trifft er wieder den Nerv der Zeit. Sein Thema: Aggression. Nach außen gerichtet ist sie in Form von Schreckensbildern täglich in den Nachrichten präsent. Wird Aggression jedoch nach innen gerichtet und verdrängt, verlagert sich das Schlachtfeld in den Körper. So deutet Dahlke etwa das Krankheitsbild Heuschnupfen als Folge eines Aggressionsstau im körperlich-seelischen Bereich. Ziel seines Buches ist es, Aggression als Teil des Lebens zu akzeptieren und verständlich zu machen, dass die eigenverantwortliche Bewältigung dieses mächtigen Urprinzips zur Quelle von Energie und Lebensqualität werden kann.


Klappentext

"Erst wenn wir bereit sind, uns auch mit Wut und Ängsten auszusöhnen, können wir an Leib und Seele gesunden."
DR. RUEDIGER DAHLKE IN DER ZEITSCHRIFT BIO -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Dr. med. Ruediger Dahlke, Jahrgang 1951, studierte Medizin in München und bildete sich zum Arzt für Naturheilweisen und Psychotherapie fort. Von 1978 bis 2003 war er als Psychotherapeut tätig, 1989 gründete er zusammen mit seiner Frau Margit das Heil-Kunde-Zentrum Johanniskirchen. Heute ist er als Fastenarzt, Seminarleiter und Vortragender international tätig. Seine Bücher zur Psychosomatik unter Einbezug spiritueller Themen sind Bestseller und liegen in 22 Sprachen vor.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Woher kommt die Aggression und besonders deren negative Seite, die Gewalt? Diese Frage hat Wissenschaftler zu allen Zeiten beschäftigt. Nachdem wir in letzter Zeit ganz neue Facetten des Terrors in so erschreckender Weise kennen lernen, tauchen immer wieder Vermutungen auf, die modernen Möglichkeiten der Technik hätten mit der Zunahme von Aggression zu tun. Tragen wirklich Videospiele und die Abenteuer im Cyberspace oder die immer noch wachsende Macht der Massenmedien zur Gewaltbereitschaft bei? Herbert Marcuse, der Vordenker der Studentenrevolte von 1968, wäre sicher dieser Meinung. Er glaubte, dass Gewalt überhaupt die geheime Botschaft der Massenmedien sei. In ihren Konfliktlösungsmodellen werde sogar der präventive Gebrauch von Gewalt ermutigt. Die Helden der Massenmedien würden öfter, schneller und erfolgreicher zu brutalen Mitteln greifen.
Dass der Mensch brutal sein kann, bestreitet niemand. Aber ist er im Laufe seiner Geschichte brutaler geworden, wie es - statistisch gesehen - den Anschein hat? Ist er eher ein Homo brutalis als ein Homo sapiens sapiens? Es scheint so, als ob diese Wiederholung des Attributs »weise« (sapiens) mehr Beschwörung als Beschreibung darstellt. Zwar müssen wir davon ausgehen, dass in dem halben Jahrhundert von 1920 bis 1970, in dessen Verlauf sich die Lebenserwartung verdreifacht hat, der zeitliche Abstand zwischen zwei Morden auf ein Drittel geschrumpft ist. Aber gab es nicht im Mittelalter noch viel mehr unkontrollierte Gewalt?
Man könnte die Bevölkerungsexplosion und die damit verbundene Vermassung der Menschheit für die Gewaltzunahme verantwortlich machen. Immerhin reagieren Ratten im Experiment ebenfalls deutlich aggressiver, wenn es in ihrem Territorium enger wird.
Auch wird die Schuld bei Erbfaktoren - im Sinne angeborenen aggressiven Verhaltens - gesucht; aber mindestens so vehement wird Aggression als gelernt hingestellt und der Erziehung angelastet. In diese Richtung zielen auch diejenigen, die die Gesellschaft als Quelle der Aggression entlarvt haben wollen. Doch auch Hormone und Strukturen des Zentralnervensystems kommen als Auslöser für aggressives Verhalten in die engere Wahl.
Diese wenigen, beliebig ausgewählten Ansätze und Argumente haben sicher etwas für sich, ohne jedoch das Ganze erklären zu können. Das allerdings ist auch gar nicht zu erwarten, wenn man bedenkt, welche und wie viele Erklärungsebenen infrage kommen. Es gibt eine solche Fülle von Fächern und Forschungsrichtungen, die sich zur Lösung des Problems aufgerufen fühlen, dass es nicht weiter erstaunt, wenn die Zahl von einschlägigen Büchern und Erklärungsmodellen in die Tausende geht.
Neben den Genetikern bieten Biologen, und hier besonders Ethologen wie Konrad Lorenz, ihre Deutungen an. Natürlich steuern auch Mediziner, und unter ihnen besonders Psychiater, Argumente bei; darüber hinaus lassen sich die Stimmen von Pharmakologen und Psychologen, Anthropologen und Soziologen vernehmen. Theologen und Philosophen, Kommunikationswissenschaftler und Historiker beschäftigen sich ebenfalls mit dem großen Thema Aggression. Kaum jemand, der nicht irgendetwas dazu zu sagen hätte. Da aber jede Disziplin für sich arbeitet und selbst an Universitäten längst die Versität, die Verschiedenheit, im Mittelpunkt steht und die Einheit des Ganzen (Uni) aus den Augen verloren wurde, ergibt sich kein überzeugendes Konzept, das alle Phänomene im Zusammenhang mit der Aggression abdecken könnte. Das Fehlen des alten Ideals von Humboldt, der noch von einer Universität im wörtlichen Sinne ausging, macht sich nun unangenehm bemerkbar.
Im Folgenden kann es nur darum gehen, die wichtigsten der Theorien kurz zu skizzieren, um dann später ihre Anteile zum Gesamtbild auf der Basis des umfassenderen Urprinzipien-Verständnisses einordnen zu können.

Der Mensch - ein Raubtier?
Einseitig der Biologie verpflichtete Forscher versuchen nachzuweisen, dass der Mensch von fleischfressenden Raubtieren abstammt, worauf etwa noch seine Eck- oder Hundszähne hinweisen würden, und er aus diesem Grund immer gewaltsam und aggressiv bleiben müsse. Im Gegensatz zum Tier sei er aber durch den Mangel an aggressionshemmenden Instinkten zu einer Art außer Kontrolle geratener Bestie verkommen. Gewalt ist damit sein ererbtes Wesen, das immer wieder hinter der Fassade aus Kultur und Zivilisationsanstrengungen hervorlugt. Niko Tinbergen, der finnische Vater der vergleichenden Verhaltensforschung, soll den Menschen einen »aus den Fugen geratenen Mörder« genannt haben. Die Großhirnentwicklung habe den Menschen zu dem gemacht, was er heute sei: sein eigener größter Feind. Die Tatsache, dass der Mensch als einziges Wesen aufgrund seines hoch entwickelten Intellekts in der Lage ist, sowohl als Individuum als auch kollektiv Selbstmord zu verüben, könnte als Beleg dienen.
Diese Betrachtungsweise ist besonders pessimistisch, weil die menschliche Gewaltnatur als etwas Unveränderliches erscheint. Aus derselben Ecke kommen Stimmen, die das Recht des Stärkeren predigen und im Sozialdarwinismus ihre krasse Ausformung finden. Demnach ist das Gesetz des Dschungels das einzig beherrschende und Aggression so alt wie der Mensch - selbst wenn Letzteres stimmt, muss Ersteres deswegen jedoch noch lange nicht zutreffen. Vielfach wird hervorgehoben, dass die menschliche Aggression nur kurzzeitig zu befrieden sei und umso sicherer wieder hervorbreche, wenn sie vorher gehindert werde.
Das Recht auf sein Territorium werde von jedem Menschen genauso natürlich verteidigt wie vom Hund, heißt es. Wie für jeden anderen Ansatz lassen sich auch für diese aus der Tierbeobachtung stammende Theorie Argumente finden, man braucht nur Menschen in einem Zugabteil zu beobachten, die »ihr« Abteil sogleich gegen jeden neu hereindrängenden Reisenden zu verteidigen suchen. Allerdings lässt sich auch diese Theorie mit ihren eigenen Argumenten leicht erschüttern, wenn nicht sogar widerlegen. Denn was als Territorium gilt, ist auch bei Tieren sehr beliebig definiert. Als Baguira, der große Hund meiner Mutter, der jahrelang ihren Garten als sein Revier betrachtet hatte, in eine kleine Wohnung nach München umgesiedelt wurde, erkannte er plötzlich den viele Hektar großen Englischen Garten als sein Territorium, das zu verteidigen er sich sogleich anschickte. Der territoriale Anspruch mag ja angeboren sein, aber er ist mit Sicherheit stark von den jeweiligen Umständen abhängig. Das wird auf der menschlichen Ebene noch deutlicher, wenn man bedenkt, wie die Engländer und Franzosen ihre Kolonien in Übersee, die Deutschen einst ihren »Lebensraum« im Osten, die Sowjets ihr Reich in Ungarn und der Tschechoslowakei, aber auch in Afghanistan verteidigten und die USA heute fast die ganze Welt als ihre Interessensphäre erkannt haben.
Als biologisch argumentierende Forscher das so genannte Aggressions-Gen als zweites Y-Chromosom bei einigen Gewaltverbrechern identifiziert zu haben glaubten, witterten gewisse Politiker bereits die Chance zur Früherkennung und Ausschaltung aller Verbrecher gleich bei der Geburt. Inzwischen gibt es Untersuchungen, die einen angeblichen Zusammenhang zwischen einem zweiten Y-Chromosom und Gewaltverbrechen ein für alle Mal widerlegt haben dürften.
Andererseits ist unbestritten, dass zum Beispiel Schmerzen Aggressionen bei Tieren und Menschen auslösen. Die Schmerzintensität bestimmt dabei das Ausmaß der Aggression. Das Marsprinzip, mit dem wir uns noch ausführlich beschäftigen werden, macht sich dabei auf verschiedenen Ebenen bemerkbar. Sogar der warme Südwind Föhn ist in der Lage, zerstörerischen Aggressionen Vorschub zu leisten. Von Alkohol und Drogen wie den Amphetaminen ist das ebenso bekannt.
Der bekannte Biologe Desmond Morris geht ebenfalls in diese Richtung, wenn er annimmt, dass in der dekadenten, gelangweilten modernen Gesellschaft das biologisch verankerte Bedürfnis nach Gewalt gleichsam automatisch wachse und sich irgendwann zu seinem Recht...

Auszug aus Aggression als Chance von Rüdiger Dahlke. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Einleitung

Kaum jemand will heutzutage etwas mit Aggression zu tun haben. Weniges ärgert und stört uns mehr. Dennoch sind wir alle ständig mit Aggression konfrontiert. Irgendwo tobt immer irgendein Krieg, meist sind es sogar mehrere gewaltsame Konflikte, von denen wir in der Zeitung lesen. Täglich müssen wir uns von neuem in Nachrichtensendungen erschütternde Bilder von Krieg und Gewalt anschauen, und denjenigen, die das inzwischen verweigern, schwant doch, dass Wegschauen keine Lösung ist.
Wir sind schon froh, wenn wir von den Kriegen auf dieser Welt nicht hautnah betroffen sind. Doch kaum hatten wir den Versicherungen der Politiker zu glauben begonnen, dass es auf europäischem Boden keinen Krieg mehr geben könne, explodierte der Balkan direkt vor unserer Haustür. Solange es nur amerikanische Schüler waren, die Mitschüler und Lehrer in einem Amoklauf töteten, wendeten wir uns erschüttert ab und konnten derlei vielleicht noch auf die laxen Waffengesetze der USA schieben. Als aber in Erfurt noch Schlimmeres geschah, erstarrten wir im hausgemachten Grauen.
Wie konnte so etwas nur passieren? - das ist nach einem Ausbruch von Gewalt die überall gestellte Frage. Diese Frage aber ist alt, ohne dass bis heute darauf wirklich befriedigende Antworten gefunden werden konnten. Man denke nur an die Gräuel der Nazizeit, an Völkermord und Judenverfolgung: Wie war so etwas nur in Deutschland möglich gewesen?
Doch solange wir nach Lösungen auf der Ebene von Schuldigen suchen, werden wir keine echten Antworten erhalten. Sind etwa - um beim Beispiel Erfurt zu bleiben - die Eltern oder die Pädagogen an dem Drama schuld? Muss man die Schuld auf die Umstände oder doch wieder auf die Politiker schieben, die bestimmte Gesetze erlassen beziehungsweise nicht erlassen haben? Selbst wenn sich Fachleute juristische Antworten auf solche Fragen abringen, kommen wir zu keiner Lösung.
Wir sollten erkennen, dass das Thema Aggression in verschiedener Hinsicht immer aktuell ist und wir ihm nicht entkommen. Die meisten Menschen bedauern das und verkennen damit den urprinzipiellen oder archetypischen Charakter der Aggression. In den modernen Industriegesellschaften hat man sich stillschweigend darauf geeinigt, dass Aggression nur böse und schlecht ist; man will sie deshalb am liebsten aus der Welt schaffen. Dabei zeigt sich auf den ersten Blick, dass kein anderes Thema das Leben mehr beherrscht. Wenn man sich vom Aggressionsprinzip tatsächlich lösen könnte, wäre es sicher schon längst geschehen.
In der Medizin finden wir eine ähnliche Situation, auch hier will man Aggression nicht wahrhaben; man versucht, sie zu unterdrücken. Seit es die so genannte Schulmedizin gibt, werden die Auswirkungen des Aggressionsprinzips etwa in Gestalt der Infektionen, aber auch der Allergien bis aufs Messer bekämpft. In all diesen Fällen handelt es sich um gleichsam kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem Immunsystem und Angreifern von außen. Die große, vielgestaltige Armada der Erreger - von den Parasiten über Bakterien bis zu Viren - ist ohne weiteres als aggressiv zu erkennen. Bei den Allergenen ist das Aggressionsprinzip schon nicht mehr so einfach wahrzunehmen, und beim körpereigenen Gewebe, das im Rahmen von Autoaggressionserkrankungen attackiert wird, erscheint der Zusammenhang schwer verständlich. Doch im Verlauf dieses Buches wird sich zeigen, wie eng all diese Probleme mit dem Thema Aggression zu tun haben. Es handelt sich bei den Krankheiten sozusagen um innere Gewalt, während die Zeitungs- oder TV-Nachrichten die äußere servieren.
Das Thema Aggression ist gut geeignet, die Aussage von Paracelsus über die Parallelität von Mensch und Welt nachzuvollziehen: Mikrokosmos ist gleich Makrokosmos. Neben internationalen Konflikten, die militärisch ausgetragen werden, ereignen sich in jedem einzelnen Land ständig viele kleine Kriege und Auseinandersetzungen, wenn man etwa an die Übernahmeschlachten in der Wirtschaft oder die unzähligen Gerichtsprozesse denkt. Und selbst bis in viele Familien hinein herrscht Aggression in Form von Streit und alltäglichem Kleinkrieg bis hin zu Tätlichkeiten. In jedem menschlichen Körper schließlich liefern sich Abwehrsystem und eine Unzahl von Erregern permanent Schlachten.
So gesehen ist kaum ein Thema wichtiger für uns. Mit kaum einem anderen tun wir uns aber so schwer. Wir wollen eigentlich gar nichts von der Aggression wissen, nichts mit ihr zu tun haben und erst recht nichts davon abbekommen. So haben wir aber keinerlei Chance, mit ihr zurecht zu kommen oder gar mir ihr fertig zu werden. Sie ist einer großen Mehrheit so verhasst, dass jeder, der auch nur versucht, ihr gerecht zu werden, sich schon verdächtig macht.
Als der österreichische Nobelpreisträger Konrad Lorenz vom Standpunkt des Biologen darauf hinwies, dass Aggression zur Natur gehöre und dort auch eine wichtige Funktion erfülle, wurde ihm faschistoides Denken unterstellt. Dabei lässt die Tatsache, dass der Faschismus wie kein anderes System Grausamkeiten hervorgebracht hat, keinesfalls den Umkehrschluss zu, dass alle Grausamkeiten faschistisch sind. Noch viel weniger wird jemand, der sich mit der Herkunft der Grausamkeiten beschäftigt und dabei das Aggressionsprinzip entdeckt, zum Faschisten, selbst wenn er erkennt, welch große Rolle dieses Prinzip im Zusammenleben der Menschen und Tiere spielt. Im Gegenteil könnte jeder Versuch, das Aggressionsprinzip zu verstehen und zu erklären, neuerliche faschistische Tendenzen schon im Keim erkennbar und besser durchschaubar machen.
Dieses Beispiel zeigt allerdings deutlich, wie groß die Angst vor Aggression ist und wie schnell diejenigen, die sich mit ihr beschäftigen, zusammen mit dem ganzen Prinzip bekämpft werden. Trotz dieser Gefahr bleibt es wichtig, sich mit Aggression auseinander zu setzen, gerade um weitere und immer unkontrollierbarere Eskalationen zerstörerischer Aggression zu verhindern.
Ein Hauptproblem im Umgang mit Aggression ist unser unverhältnismäßig großer Widerstand. Dadurch erkennen wir gar nicht mehr, dass auch dieses Urprinzip wie alle anderen Urprinzipien zwei Seiten hat. Neben der Seite der Zerstörung gibt es auch die des Mutes und der Lebensenergie. Dieses Buch widmet sich beiden Seiten der Aggression und kann damit Zugang zu deren lebensfördernden Aspekten vermitteln. So werden auch die Chancen deutlich, die in den entsprechenden Krankheitsbildern - zum Beispiel Rheuma oder Kopfschmerzen - liegen.

TEIL 1

Das Urprinzip der Aggression verstehen

Die wissenschaftliche und gesellschaftliche Sicht

Woher kommt die Aggression und besonders deren negative Seite, die Gewalt? Diese Frage hat Wissenschaftler zu allen Zeiten beschäftigt. Nachdem wir in letzter Zeit ganz neue Facetten des Terrors in so erschreckender Weise kennen lernen, tauchen immer wieder Vermutungen auf, die modernen Möglichkeiten der Technik hätten mit der Zunahme von Aggression zu tun. Tragen wirklich Videospiele und die Abenteuer im Cyberspace oder die immer noch wachsende Macht der Massenmedien zur Gewaltbereitschaft bei? Herbert Marcuse, der Vordenker der Studentenrevolte von 1968, wäre sicher dieser Meinung. Er glaubte, dass Gewalt überhaupt die geheime Botschaft der Massenmedien sei. In ihren Konfliktlösungsmodellen werde sogar der präventive Gebrauch von Gewalt ermutigt. Die Helden der Massenmedien würden öfter, schneller und erfolgreicher zu brutalen Mitteln greifen.
Dass der Mensch brutal sein kann, bestreitet niemand. Aber ist er im Laufe seiner Geschichte brutaler geworden, wie es - statistisch gesehen - den Anschein hat? Ist er eher ein Homo brutalis als ein Homo sapiens sapiens? Es scheint so, als ob diese Wiederholung des Attributs »weise« (sapiens) mehr Beschwörung als Beschreibung darstellt. Zwar müssen wir davon ausgehen, dass in dem halben Jahrhundert von 1920 bis 1970, in dessen Verlauf sich die Lebenserwartung verdreifacht hat, der zeitliche Abstand zwischen zwei Morden auf ein Drittel geschrumpft ist. Aber gab es nicht im Mittelalter noch viel mehr unkontrollierte Gewalt?
Man könnte die Bevölkerungsexplosion und die damit verbundene Vermassung der Menschheit für die Gewaltzunahme verantwortlich machen. Immerhin reagieren Ratten im Experiment ebenfalls deutlich aggressiver, wenn es in ihrem Territorium enger wird.
Auch wird die Schuld bei Erbfaktoren - im Sinne angeborenen aggressiven Verhaltens - gesucht; aber mindestens so vehement wird Aggression als gelernt hingestellt und der Erziehung angelastet. In diese Richtung zielen auch diejenigen, die die Gesellschaft als Quelle der Aggression entlarvt haben wollen. Doch auch Hormone und Strukturen des Zentralnervensystems kommen als Auslöser für aggressives Verhalten in die engere Wahl.
Diese wenigen, beliebig ausgewählten Ansätze und Argumente haben sicher etwas für sich, ohne jedoch das Ganze erklären zu können. Das allerdings ist auch gar nicht zu erwarten, wenn man bedenkt, welche und wie viele Erklärungsebenen infrage kommen. Es gibt eine solche Fülle von Fächern und Forschungsrichtungen, die sich zur Lösung des Problems aufgerufen fühlen, dass es nicht weiter erstaunt, wenn die Zahl von einschlägigen Büchern und Erklärungsmodellen in die Tausende geht.
Neben den Genetikern bieten Biologen, und hier besonders Ethologen wie Konrad Lorenz, ihre Deutungen an. Natürlich steuern auch Mediziner, und unter ihnen besonders Psychiater, Argumente bei; darüber hinaus lassen sich die Stimmen von Pharmakologen und Psychologen, Anthropologen und Soziologen vernehmen. Theologen und Philosophen, Kommunikationswissenschaftler und Historiker beschäftigen sich ebenfalls mit dem großen Thema Aggression. Kaum jemand, der nicht irgendetwas dazu zu sagen hätte. Da aber jede Disziplin für sich arbeitet und selbst an Universitäten längst die Versität, die Verschiedenheit, im Mittelpunkt steht und die Einheit des Ganzen (Uni) aus den Augen verloren wurde, ergibt sich kein überzeugendes Konzept, das alle Phänomene im Zusammenhang mit der Aggression abdecken könnte. Das Fehlen des alten Ideals von Humboldt, der noch von einer Universität im wörtlichen Sinne ausging, macht sich nun unangenehm bemerkbar.
Im Folgenden kann es nur darum gehen, die wichtigsten der Theorien kurz zu skizzieren, um dann später ihre Anteile zum Gesamtbild auf der Basis des umfassenderen Urprinzipien-Verständnisses einordnen zu können.

Der Mensch - ein Raubtier?

Einseitig der Biologie verpflichtete Forscher versuchen nachzuweisen, dass der Mensch von fleischfressenden Raubtieren abstammt, worauf etwa noch seine Eck- oder Hundszähne hinweisen würden, und er aus diesem Grund immer gewaltsam und aggressiv bleiben müsse. Im Gegensatz zum Tier sei er aber durch den Mangel an aggressionshemmenden Instinkten zu einer Art außer Kontrolle geratener Bestie verkommen. Gewalt ist damit sein ererbtes Wesen, das immer wieder hinter der Fassade aus Kultur und Zivilisationsanstrengungen hervorlugt. Niko Tinbergen, der finnische Vater der vergleichenden Verhaltensforschung, soll den Menschen einen »aus den Fugen geratenen Mörder« genannt haben. Die Großhirnentwicklung habe den Menschen zu dem gemacht, was er heute sei: sein eigener größter Feind. Die Tatsache, dass der Mensch als einziges Wesen aufgrund seines hoch entwickelten Intellekts in der Lage ist, sowohl als Individuum als auch kollektiv Selbstmord zu verüben, könnte als Beleg dienen.
Diese Betrachtungsweise ist besonders pessimistisch, weil die menschliche Gewaltnatur als etwas Unveränderliches erscheint. Aus derselben Ecke kommen Stimmen, die das Recht des Stärkeren predigen und im Sozialdarwinismus ihre krasse Ausformung finden. Demnach ist das Gesetz des Dschungels das einzig beherrschende und Aggression so alt wie der Mensch - selbst wenn Letzteres stimmt, muss Ersteres deswegen jedoch noch lange nicht zutreffen. Vielfach wird hervorgehoben, dass die menschliche Aggression nur kurzzeitig zu befrieden sei und umso sicherer wieder hervorbreche, wenn sie vorher gehindert werde.
Das Recht auf sein Territorium werde von jedem Menschen genauso natürlich verteidigt wie vom Hund, heißt es. Wie für jeden anderen Ansatz lassen sich auch für diese aus der Tierbeobachtung stammende Theorie Argumente finden, man braucht nur Menschen in einem Zugabteil zu beobachten, die »ihr« Abteil sogleich gegen jeden neu hereindrängenden Reisenden zu verteidigen suchen. Allerdings lässt sich auch diese Theorie mit ihren eigenen Argumenten leicht erschüttern, wenn nicht sogar widerlegen. Denn was als Territorium gilt, ist auch bei Tieren sehr beliebig definiert. Als Baguira, der große Hund meiner Mutter, der jahrelang ihren Garten als sein Revier betrachtet hatte, in eine kleine Wohnung nach München umgesiedelt wurde, erkannte er plötzlich den viele Hektar großen Englischen Garten als sein Territorium, das zu verteidigen er sich sogleich anschickte. Der territoriale Anspruch mag ja angeboren sein, aber er ist mit Sicherheit stark von den jeweiligen Umständen abhängig. Das wird auf der menschlichen Ebene noch deutlicher, wenn man bedenkt, wie die Engländer und Franzosen ihre Kolonien in Übersee, die Deutschen einst ihren »Lebensraum« im Osten, die Sowjets ihr Reich in Ungarn und der Tschechoslowakei, aber auch in Afghanistan verteidigten und die USA heute fast die ganze Welt als ihre Interessensphäre erkannt haben.
Als biologisch argumentierende Forscher das so genannte Aggressions-Gen als zweites Y-Chromosom bei einigen Gewaltverbrechern identifiziert zu haben glaubten, witterten gewisse Politiker bereits die Chance zur Früherkennung und Ausschaltung aller Verbrecher gleich bei der Geburt. Inzwischen gibt es Untersuchungen, die einen angeblichen Zusammenhang zwischen einem zweiten Y-Chromosom und Gewaltverbrechen ein für alle Mal widerlegt haben dürften.
Andererseits ist unbestritten, dass zum Beispiel Schmerzen Aggressionen bei Tieren und Menschen auslösen. Die Schmerzintensität bestimmt dabei das Ausmaß der Aggression. Das Marsprinzip, mit dem wir uns noch ausführlich beschäftigen werden, macht sich dabei auf verschiedenen Ebenen bemerkbar. Sogar der warme Südwind Föhn ist in der Lage, zerstörerischen Aggressionen Vorschub zu leisten. Von Alkohol und Drogen wie den Amphetaminen ist das ebenso bekannt.
Der bekannte Biologe Desmond Morris geht ebenfalls in diese Richtung, wenn er annimmt, dass in der dekadenten, gelangweilten modernen Gesellschaft das biologisch verankerte Bedürfnis nach Gewalt gleichsam automatisch wachse und sich irgendwann zu seinem Recht verhelfe.
Solche Ansätze finden wir auch in den verschiedensten Gesellschaftstheorien. Der Ahnherr des Sozialismus, Karl Marx, glorifizierte die Gewalt, indem er sie als Hebamme der neuen Gesellschaft und als unvermeidbare Entwicklungsstufe auf dem Weg zum großen Ziel ansah. Viele Revolutionäre dachten ähnlich, wobei wenige so ungeniert mit den Widersprüchen lebten wie die Anarchisten, die die absolute Freiheit von Herrschaft anstrebten, weil diese immer unmenschlich sei. Ebenso radikal, wie sie Gewalt ablehnten, wandten sie sie aber an. Bakunin, einer ihrer bekanntesten Vertreter, hielt die Lust an der Zerstörung für eine positive Tendenz. So mag es auch kein Zufall sein, dass Anarchisten kaum je etwas aufbauen konnten, aber vieles zerstörten.

Instinkte und das so genannte Böse

Anhänger der Instinkttheorie haben bis zu sieben verschiedene Arten von Aggression identifiziert, die irgendwann auch entsprechenden Arealen im limbischen System des Gehirns zuzuordnen sein sollen. Zu unterscheiden wären neben der bereits erwähnten territorialen die Rivalenaggression, die Beute-, Reizbarkeits-, Furcht-, instrumentale und mütterliche Aggression.
Für Konrad Lorenz, den bekanntesten Vertreter der Theorie angeborener Aggression, war Aggression ein Instinkt. Die zerstörerische Aggression, das heißt Gewalt, sei eine Fehlfunktion dieses Instinkts. Lorenz spricht von der Aggression als dem so genannten Bösen, das eben auch viele gute Seiten habe, zum Beispiel die Verteidigung der eigenen Jungen und die Errichtung einer Rangordnung. Für Lorenz entspringen sogar Liebe und alle persönlichen Beziehungen der Ritualisierung von Angriffs- oder Drohverhalten.
Auf diese Weise ergibt sich bei ihm auch ein wichtiger Lösungsansatz. Er richtet seine Hoffnung darauf, dass es gelingen könnte, mittels weiterer Ritualisierung menschliche Konflikte so weit zu entschärfen, dass sie auf erlöste Art und Weise zu bewältigen sind. Sportliche olympische Wettkämpfe, der friedliche Wettlauf der Wissenschaft oder der Technik wie etwa bei der Raumfahrt, aber auch Humor und Spiel könnten ritualisierbare Ventile für unsere instinktiven Aggressionen schaffen.

Der Mensch als Lernwunder und Funktion seiner Umwelt

Ein weiterer Ansatz geht davon aus, dass alles Verhalten erlernt wird und praktisch jedes menschliche Reaktionsmuster durch frühe prägende Erfahrungen und durch »Dressur« erreichbar ist. Die beiden auslösenden Ursachen für Aggression sind demnach Frustration und Bedrohung durch Gefahren. Zu Gewalt kommt es aus dieser lerntheoretischen Perspektive immer dann, wenn erstens kein anderer Ausweg mehr offen steht, und zweitens, wenn der Einsatz von Gewalt schon früher einmal Erfolg gehabt hat.
Dieses Modell macht den Menschen zu einem Objekt unbegrenzter Manipulation. Der Einzelne wird zu einer Marionette des jeweiligen Umfeldes, dem damit riesengroße Bedeutung und alle Verantwortung zukommt. Auch wenn der Einfluss der Umwelt als alleiniger Erklärungsansatz zu kurz greift, gibt es doch eine Reihe von Belegen dafür, wie er den Menschen prägen kann.
Der Psychoanalytiker und Aggressionsforscher Friedrich Hacker erwähnt in diesem Zusammenhang ein berühmt gewordenes Experiment von J.B. Calhoun. Dieser konnte nachweisen, dass die Populationsdichte bei Ratten einen erheblichen Einfluss auf deren Aggressionsverhalten hat. Im überfüllten Zentrum eines großen Geheges verhielten sich die Ratten ausgesprochen bösartig. Sie verletzten, vergewaltigten und töteten, während in den geringer bevölkerten Randgebieten durchaus Recht und Ordnung im Sinne funktionierender Rangordnungen herrschten. Ähnlich steht es bei der menschlichen Kriminalität im Vergleich von engen Großstädten und wenig bevölkerten ländlichen Gebieten.
Interessanterweise übte das gefährliche Dschungelleben des überfüllten Gehegezentrums eine große Anziehungskraft auf die »friedlichen« Ratten der ruhigen Randgebiete aus. Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch beim Menschen vermuten. Die Faszination der brodelnden Metropolen ist noch immer so groß, dass sie Menschen aus vergleichsweise friedlichen ländlichen Gebieten scharenweise anlockt - selbst angesichts der Wahrscheinlichkeit, in erbärmlichen Slums zu landen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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