Kurzbeschreibung
Liebe war das Codewort, das Tresore in Ministerien und bei der NATO öffnete. Warum untadelige Sekretärinnen sich vom vermeintlichen Mann ihres Lebens zur Spionage verführen ließen und ihre Existenz riskierten, hat nicht nur den Verfassungsschutz Jahrzehnte beschäftigt. Um die Halbwelt der Spioninnen, die Psychologie der Verführung, der Verstrickung und des Verrats auszuleuchten, hat die Bonner Journalistin Marianne Quoirin über die wichtigsten Prozesse berichtet, Gespräche geführt mit den verurteilten Frauen, den Anklägern, Richtern und Verteidigern und Dokumente ausgewertet, die erst seit der Wende zugänglich sind. Die von ihr zusammengetragenen Geschichten erzählen von den persönlichen Katastrophen mitten im politischen Geschehen, vom manchmal schmalen Grat zwischen Lebenstraum und Lebenslüge.
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"Die Anmache Sommer 1957. Nach einem arbeitsreichen Tag im Auswärtigen Amt klingelt es abends an der Wohnungstür von Leonore H. in Bonn-Duisdorf. Ein Mann steht mit einem Strauß roter Rosen davor. Er lächelt und bittet höflich, "mit der Dame sprechen zu dürfen, die ich gestern abend kennengelernt habe". Frau H. bedauert, nicht jene Dame zu sein, glaubt an eine Verwechslung und bittet schließlich den offenbar enttäuschten Rosenkavalier herein. Sie findet Gefallen an seiner Gesellschaft, läßt sich die Blumen schenken und nimmt seine Einladung zum Abendessen an. Leonore H., von Freunden und Bekannten nur Lore genannt, hat so ihrer besten Freundin und Kollegin Ada M. die erste Begegnung mit dem Fotografen Heinz Sütterlin geschildert und von dem "glücklichsten Zufall ihres Lebens" geschwärmt. Zufall? Glück? Der geflüchtete KGB-Oberstleutnant Jewgenij Runge hat, als er sich im Oktober 1967 der US-Mission stellte und unter anderem das Agenten-Ehepaar Sütterlin der CIA als Morgengabe offerierte, eine andere Variante des ersten Treffens zu Protokoll gegeben. Heinz Sütterlin, 1924 in Freiburg geboren, im Krieg als Fahnenjunker verschüttet, wurde 1956 von der HVA angeworben. 1957 forderte der Zweite Sekretär der Sowjet-Botschaft und KGB-Geheimdienstoffizier, Leonid Prochorow, die Überstellung Sütterlins zum KGB. Wie immer, kam die HVA dem Verlangen des sowjetischen Geheimdienstes ohne Widerspruch nach. Sütterlin erhielt umgehend von Prochorow den Auftrag, eine Sekretärin in Schlüsselstellung des Auswärtigen Amtes zu umgarnen, sie zu heiraten und für die Spionage zu gewinnen. Zur Auswahl soll Prochorow Sütterlin drei Kandidatinnen genannt haben, darunter Leonore H., "die warmherzige und kameradschaftliche Sekretärin aus guter Familie, die zwei unglücklich verlaufene Liebesaffären hinter sich hatte, die sich ungeschickt anzog und zur höchsten Klasse der Geheimnisträger im Auswärtigen Amt gehörte" (Runge). Warum Sütterlin, dessen Anziehungskraft auf Frauen vielfach dokumentiert ist, sich für Lore H. entschied, anstatt für eine der anderen unverheirateten Zielobjekte, weiß niemand. Die Sekretärin H. saß seit 1955 im Vorzimmer des Chefs der Unterabteilung Verwaltung, der Personal- und Verwaltungsabteilung des AA, zu der auch die Referate Chiffrier- und Fernmeldewesen wie der Geheimschutz gehörten. In dieser Position war Lore H., nach einer Unbedenklichkeitserklärung des Bundesamtes für Verfassungsschutz, für den Umgang mit Vorgängen bis hin zur höchsten von vier Geheimhaltungsstufen ("nur für den Dienstgebrauch", "vertraulich", "geheim", "streng geheim"), der sogenannten Verschlußsachen-Vorschrift, zugelassen. Aus der vom KGB eingefädelten Komplizenschaft zwischen dem Fotografen, der sich mit Public-Relations-Aufträgen für den Zivilen Bevölkerungsschutz und für das Bundespresseamt über Wasser hielt, und der Sekretärin mit dem Schlüssel zum Panzerschrank entwickelte sich ein Liebesverhältnis - zumindest aus der Sicht von Lore H ..."