Wie einfach wäre es doch, wenn die Welt schwarz/weiß wäre oder sich eben in gut und böse unterteilen ließe! Wie in schlechten Western. Hier die lieben Siedler, dort die bösen primitiven Rothäute, die obendrein kein Feuerwasser vertragen und dann nur noch herumpöbeln.
So ähnlich kommen einem auch viele westliche ( die östlich sind oft noch schwarz-weißer! ) Publikationen über den Kalten Krieg des Westens mit der DDR vor. Diese ist zwar seit dem 3.10.1990 mausetot, nicht aber der Kalte Krieg, der weiterhin mit ihr ausgefochten wird, meistens: postum.
Hier der immer gute freiheitliche Westen, dort das DDR-SED-Stasi-Unrecht, in dieser komparativen Schmähfolge. Als immer voll deutsch und demokratisch bezeichneten sich gleich beide Staaten, meinten damit aber jeweils wohl was anderes.
Dies vorausgeschickt, um damit das vorliegende Werk Sieberers auf den Punkt zu bringen. Er (Autor ) und es ( sein Buch ) verfallen nirgendwo in dieses lächerliche bis empörende kaltkriegerische Schwarz-Weiß-Denken.
Hier wird realitäts-bezogen und sachlich berichtet, wie der Westen sich mit seinen Spionen, sonen und solchen, der DDR heimlich und penetrant immer wieder näherte, so zwischen 1948 und 1989. Ab Anfang 1990 gab es de facto keine Stasi mehr und die westlichen Geheimdienste konnten in der DDR ein- und ausgehen, wie es ihnen beliebte: Die DDR hatte leise, unauffällig, versteckt, aber doch höchst real kapituliert, bedingungslos und vollständig. Der Westen hatte, aber vollauf, gesiegt.
Nun ja, wir wissen, daß dies nicht das Ende der Geschichte bedeutete, der Kampf ging weiter, aber an anderen Orten, auf anderen Ebenen und mit zumeist auch anderen Akteuren. Spionage, jeder gegen jeden, wird ein Teil der Menschheits-Geschichte bleiben, noch sehr lange.
Das vorliegende Buch berichtet, wie der Westen gegen die DDR spionierte, dargestellt an etlichen sehr spannend geschriebenden Berichten.
Dabei fiel mir vor allem die Lässigkeit der westlichen Dienste auf, mit der man seine eigenen Leute behandelte, die man über die Grenze, über den Eisernen Vorhang in die DDR schickte, wie wenig man sie vorbereitete, wie wenig man auf ihre Sicherheit und ihr Nicht-in-die-Fänge-Gehen der Stasi-Spionage-Abwehr achtete. Man nahm in vielen Fällen ihr Verhaftet- und Eingebuchtet-Werden billigend oder leichtfertig in Kauf.
Man fand anscheinend immer wieder genügend viele Bürger der DDR und auch Westler, welche bereit waren, für den Bund, für die Amis oder auch für die Briten oder sonstwen in DDR zu spionieren.
War es im Einzelfall die Lust auf Abenteuer, auf ein paar Mark extra auf die Hand, oder mag es auch aus politischer Überzeugung gewesen sein, dem Westen in seinem Wettkampf gegen den Osten, gegen die Kommunisten, gegen die Diktatur Der Russen, gegen das SED-Unrecht etc. selbst aktiv handelnd zur Seite stehen zu wollen. Vielleicht als einer, der "gegen das Unrecht da drüben" halt auch was aktiv unternahm.
Geht man die im vorliegenden Buch geschilderten Einzelfälle durch, dann fragt man sich immer wieder: " Die Motive der West-gegen-Ost-Spione, die mögen ja ganz ehrenwert, nachvollziehbar und menschlich verständlich gewesen sein, war aber das System der West-gegen-OSt-Spionage insgesamt und so von der tatsächlich ausgeübten Methode her denn überhaupt sinnvoll, professionell aufgezogen, oder war es im großen ganzen doch auch nur so etwas wie ein blinder und sinnloser Aktionismus ohne greifbaren Erfolg, der in seiner Nebenwirkung vielen gutmeinenden, aber naiven Möchte-gern-Spionen nur etliche wertvolle Jahre ihres Lebens kostete. Niemand von ihnen wurde von der Stasi getötet, aber jahrelang in Bautzen II und anderswo hinter Gefängnismauern eingesperrt festgehalten, und kann man deren Leben der Jahre als Zonenhäftling oder als (politischer?) Knacki in der DDR denn als Leben bezeichnen?
Auch Sinnlosigkeit ist wie ein kleiner Tod.
Und das alles kommt im vorliegenden Buch sehr gekonnt zum Ausdruck, auch wenn es sich vorwiegend um ganz sachlich und eng fachbezogen geschriebene
Berichte handelt. So sind sie doch oft erschütternd und insgesamt unbequem zu begreifen: " Nein, wir haben uns das Wirken als West-Spion in der DDR zwar nicht mit " James Bond " vergleichbar vorgestellt, aber so, wie es dann real ablief, eben auch nicht: triste verwahrt, aber stets korrekt und stets frei von Mißhandlungen aller Art, jahrelang zu Bautzen II, also im " Gelben Elend " ( wegen der Farbe seiner Backsteine ) einhucken müssen, nur, um ein paar sinnlose wertlose Berichte an die gar nicht so netten Vertreter einiger westlicher Dienste geliefert zu haben? - Nein, diese Strapazen waren es nicht wert, dafür nie und nimmer. Hätten wir sowas doch bloß unterlassen, alles dankend abgelehnt, denn dazu gezwungen hatte uns ja niemand, wir taten alles, was wir taten, immer völlig freiwillig, und umso mehr müssen wir uns heutzutage über unsere unfaßbare Dummheit nur ärgern, daß wir uns selbst in sowas mal haben hineinmanöverieren lassen. - Immerhin hat uns keiner jemals gehauen, Gefolter gab es schon gar nicht, und dann wurden wir ja irgendwann nach Ewigkeiten, vom Westen wieder freigekauft. Immerhin! ".
Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung. Man kann aus ihm viel lernen, vor allem, sich nie aus Abenteuerlust noch aus gutgemeintem Mitmachen-Wollen irgendwelchen Diensten anzudienen noch verwenden zu lassen.