Wer kennt wirklich Südamerika? Als Tourist sieht man nur die prächtigsten Seiten dieses Kontinents. Wer aber etwas über die Eingeborenen erfahren möchte, braucht Jahre, um die Geheimnisse und Mythen der Indios kennenzulernen und zu verstehen. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen hat Eddy Langer die Erlebnisse einer europäischen Familie, die aus politischen Gründen nach Ecuador auswandern mußte, in einen Roman verwandelt, der uns diese Welt näher rücken läßt und damit auch mehr Verständnis für andere Kulturen weckt. Daher: schauen Sie zum Beispiel den Indiofrauen zu, wie sie mit ihren hochgebundenen Röcken im Wasser stehen und die auf Steinen ausgebreitete Wäsche mit einem Holzknüppel bearbeiten. Als Seife dient der dickflüssige Saft der Agaven. Während die Wäsche auf den Sträuchern der Uferböschung trocknet, suchen sie sich gegenseitig nach Läusen ab, die sie kurzerhand essen. Schließlich ist das die einfachste Art, das Ungeziefer zu vernichten... Der in Florida lebenden Eddy Langer ist mit "Agaven am Fluss" der Roman eines Emigrantenschicksals gelungen, der sich vornehmlich nicht durch dramatische Zuspitzung, sondern durch den ruhigen Blick einer unbestechlichen Beobachterin und kritischen Sympathisantin auszeichnet, der es dem Leser ermöglicht, eine Terra incognita zu betreten, die ein unablässiges Abenteuer bedeutet.
"Quito - Der alte Kachelofen verbreitete eine wohlige Wärme im verdunkelten Wohnzimmer meiner Eltern. Flackernde Kerzen, die sich in tanzenden Schatten an der Wand widerspiegelten und immer neue Bilder schufen, gaben dem Raum eine behagliche Atmosphäre. Meine Augen wanderten langsam über die mir liebgewonnenen antiken Möbelstücke, als wäre es ungeheuer wichtig, mir jede Einzelheit ganz genau einzuprägen.
Dieser verdammte Krieg! Alles machte er zunichte! Wolf und ich hatten unsere Heirat seit langem geplant. Unsere Verwandten schickten Geschenke in unsere Wohnung, in die wir noch einziehen wollten. Und plötzlich brach alles zusammen. Wolf gelang in allerletzter Minute die Flucht. Sein Leben war in höchster Gefahr, weil er zu den Kritikern des Hitlerregimes zählte. Ich blieb in größter Sorge zurück, weil ich nicht wußte, ob er es geschafft hatte sich durchzuschlagen. Später erreichten mich Nachrichten aus Prag, aus Italien und der Schweiz von ihm, in denen er mir mitteilte, daß er al les gut überstanden und eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung in Ecuador bekommen habe. In jedem seiner Briefe leuchteten mir seine mit rot geschriebenen Sätze entgegen:
Wirst du das Leben auch jetzt noch mit mir teilen wollen? Wirst du mit mir gehen und mich nicht verlassen?
Oh Wolf, welch eine Frage, auf jeden Fall würde ich zu dir kommen, noch nie war ich mir so sicher. Das war der Weg, den ich zu gehen hatte, und ich ging ihn gerne.
Dann erreichten mich verzweifelte Briefe, in denen Wolf mir nicht zumuten wollte, ein unsicheres Emigrantenleben zu führen.
Habe ich hier in Österreich eine Heimat? Man hat sie uns genommen! antwortete ich darauf. Wir sind jung, wir werden es schon schaffen. Der Krieg wird bestimmt nicht ewig dauern.
Die alte India, die den Küchenbereich beherrschte, war die Großmutter des Hauses, also die Mutter der Hausfrau. Zur Großmutter gehörte ein uralter Indio, der Großvater, der ständig betrunken in einer Ecke des Hinterhofes, von niemandem beach tet, vor sich hindöste. Von Zeit zu Zeit führte er Selbstgespräche. Sein Essen wurde ihm in die Ecke gebracht. Einige Male am Tag wankte er zittrig und halbblind zur Straße, um kurz darauf nach Zuckerrohrschnaps riechend in seine Ecke zurückzukehren. Der Alte tat mir leid. Aber die Großmutter erzählte jedem, der es hören wollte, daß er sie ein Leben lang nur verprügelt und sich mit anderen Weibern herumgetrieben hätte. Jetzt würde nur noch der Teufel in der Hölle auf ihn warten. Sie sagte das so zufrieden, als würde es ihr Spaß machen, daß besagter Teufel ihm alles heimzahlen würde, was er an ihr gesündigt hatte.
Carmen, das Dienstmädchen, war die rechte Hand der Großmutter. Sie kochte, kaufte ein und wusch. Sie trug ihr kleines Kind in einem Tuch auf den Rücken gebunden.
"Der Vater des Kindes ist unbekannt", erzählte mir empört die Oma, "trotz schärfster Bewachung hat sie ein Kind bekommen, diese unverschämte Person!" ..."