Das zweite Sigur Ros-Album "Agaetis byrjun" bietet faszinierende Klangwelten, die schwer zu beschreiben oder einem Genre zuzuordnen sind.
Beim ersten Hören wirkt die Musik der Band, die sich aus einem Gitarristen und Sänger, einem Bassisten, einem Keyboarder und einem Schlagzeuger zusammensetzt, sehr experimentell.
Die verwobenen, geheimnisvollen Klangteppiche, die enorme Länge der Stücke, die Verwendung der isländischen Sprache in Verbindung mit der sehr feminin wirkenden Stimme des Sängers, all dies wirkt auf den "Mainstream-Hörer" erstmal exotisch und irgendwie nicht von dieser Welt.
Genau das ist die Atmosphäre, die in den einerseits düsteren, aber andererseits auch sehr viel Wärme ausstrahlenden Kompositionen erzeugt wird. Man fühlt sich mindestens auf die einsame Nordsee, wenn nicht sogar in die unendlichen Weiten des Alls versetzt - man sollte diese Musik also vor allem nachts im Bett genießen; ich würde sogar dazu raten, sie niemals bei Tageslicht zu hören, das wirkt dem Flair der Platte entgegen.
Doch all diese ungewöhnlichen Attribute täuschen bei oberflächlicher Betrachtung leicht darüber hinweg, dass es sich bei den Kompositionen der genialen Isländer um Stücke mit eingängiger, ja sogar sehr simpler und gut nachvollziehbarer Song-Struktur handelt. Redundante Akkordfolgen und prägnante Melodielinien kennzeichnen die Musik ebenso wie die aufwändigen und prachtvollen, komplex wirkenden Arrangements.
Der Sound des Albums ist einzigartig: Über allem schwebt stets ein geheimnisvolles Rauschen, wie der Wind oder das Meer.
Des weiteren erzeugen Orgel-artige Sounds oftmals den Basis-Sound des Songs, begleitet von einem wuchtigen Bass und einem meist dezent-jazzigen, an den richtigen Stellen aber auch brachial zuschlagenden Schlagzeug-Sound. Aber der Hammer ist die mit einem Cello-Bogen gespielte E-Gitarre; dieses mehr als gelungene Klangexperiment zieht sich als Stilmittel durch den Großteil der Songs. Der dabei erzeugte Sound gleicht einem wuchtigen Klangteppich, irgendwo zwischen E-Bass und verzerrter E-Gitarre, stets mit langgezogenen Tönen eingesetzt, einem E-Bow-Sound ähnelnd und kraftvoller und packender als die genialsten Rückkopplungen von Peter Buck.
Für die filigranen Momente sorgen das gute alte Pianoforte sowie ein Streichersatz. Letzterer sorgt jedoch auch gern mal für packende, laute Momente.
Dabei wird bereits nach wenigen Hördurchläufen deutlich, dass "Agaetis byrjun" ein Gesamtkunstwerk ist, das mit dem berühmten roten Faden ausgestattet ist und bei dem der feste Albumzusammenhang oberste Priorität hat:
Das Ganze beginnt mit einem rückwarts abgespielten Teil des Titeltracks, der recht schnell in die geheimnisvollen Akkorde des ersten Songs "Svefn g-englar" übergeht, welches der unheimlichste Track der Scheibe ist, allein schon wegen der sehr einprägsamen Gesangsmelodie...
es folgt das prägnanteste Stück "Staralfur", welches komplett auf einem Streichermotiv aufbaut und sehr schöne Melodien in Gesangs- und Instrumentalpassagen enthält.
Bei "Fluglufrelsarinn" handelt es sich um ein relativ "poppiges" Stück, das aus Strophen und Refrains besteht und dessen Reiz sich vielleicht am schnellsten erschließen lässt, gerade wenn man andere Klänge gewohnt ist.
"Ny batteri" hingegen besticht durch sehr dunkle und verwobene Gesangspassagen sowie sehr simpel aufgebaute, aber ebenso kraftvolle, brachiale Schlagzeug-Kicks.
Dieses Stück ist zusammen mit "Hjarto hamast" das verstörendste Lied der Platte. Bei letzterem geben sich ein recht jazzig wirkendes Riff, über das höchst unheimlicher, jammernder Gesang gelegt wird, sowie ein hoch über der Erde schwebender, hymnischer Refrain die Klinke in die Hand.
Der Song endet mit einem Störgeräusch, das vielleicht den Urknall oder eine Supernova akustsich repräsentieren könnte.
Wenn man sich die CD erschlossen hat, greifen all diese auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich wirkenden Stilmittel so ineinander, dass man das Album nur noch für ein perfektes Kunstwerk halten kann.
Die vielleicht schönsten Stücke sind "Vidlar vel til loftarasa" und "Olsen olsen"; zwei Songs, die von herrlichen, warmen Melodien geprägt sind und vom Arrangement her so angelegt wurden, dass sie sich spannungsvoll und langsam einem Höhepunkt nähern, an dem die ganze Energie der Leitmotive explodiert und dem Hörer einen kalten Schauer den Rücken hinunter laufen lässt.
Den Abschluss machen der von Klavier und Akustikgitarre dominierte, verhältnismäßig "normal" klingende Titelsong sowie das Stück "Avalon", welches nichts anderes ist als ein unendlich verlangsamt abgespielter Instrumentalauszug aus "Staralfur".
Musik aus einer anderen Welt, ja aus einer anderen Dimension!
Wirklich? Vielleicht von ihrer Wirkung her, ihre Machart ist jedoch gut nachvollziehbar! Sigur Ros - mehr als ein Geheimtipp aus dem wunderschönen hohen rauhen Norden!