Das erste Rolling Stones-Album, das auschließlich Jagger / Richards-Kompositionen enthielt, war gleichzeitig ihr erstes, das in Stereo erschien, und mit für damals ungewöhnlichen 54 Minuten Spielzeit war es 20 Minuten länger als das durchschnittliche Beatles-Album. Es enthält mit Lady Jane, Out of Time und Mother's little Helper einige Stones-Klassiker, und Under my Thumb ziert heute noch ihr Live-Repertoire. Brian Jones sorgt mit Dulcimer (Lady Jane) und Marimba (Under my Thumb, Out of Time) für sehr innovative bzw. düstere Klangfarben.
Auffallend ist hier, wie häufig sich die Stones in den Songtexten einerseits ungewohnt zart (Lady Jane, I am waiting), aber auch geringschätzig und abfällig über Frauen äußern (Stupid Girl, Under my Thumb, Out of Time).
Goin' home ist zwar ein sehr mutiges und meinetwegen auch spontanes Studio-Experiment; über die gut 11 Minuten zieht es sich aber doch ganz schön. (Bei Midnight Rambler und Can't you hear me knocking hört man wenige Jahre später, was die Stones dann bei längeren Stücken dazugelernt haben.) Jagger klingt hier noch sehr jung, und da es sich de facto nach 3 Minuten um eine Zweispur-Aufnahme handelt, klingt es recht dünn und kann (in stereo zumindest) einfach nicht den nötigen Druck entfalten. Trotzdem als Experiment seiner Zeit einmalig (wer hat damals schon so lange Studiotitel veröffentlicht? The End von den Doors war zeitgleich im Entstehen) und unverzichtbar!
Das Album ist musikalisch sehr abwechslungsreich, hätte aber einen etwas höheren Qualitätsstandard erreichen können, wenn man es um ein paar Minuten gekürzt hätte. Seite 2 kann die Qualität von Seite 1 nicht ganz halten: High and dry ist nicht wirklich ein Gewinn, auf Think hätte man ebenfalls verzichten können, und What to do war ein unnötig schwacher Schlußpunkt für das Album - so, als hätte man "Rubber Soul" von den Beatles mit P.S. I love you beendet.
Die definitive Version des Albums ist zweifellos die UK-Ausgabe. Erstens bekommt man hier mit 14 gegenüber 11 Titeln (US-Ausgabe) mehr für's Geld, und zweitens ist dies die von den Stones selber zusammen gestellte und autorisierte Version. Unter der Unart amerikanischer Plattenfirmen, Alben zu "melken", d.h. willkürlich einige Titel wegzulassen und dafür weniger und andere hinzuzufügen und somit das Originalkonzept gründlich zu vermasseln, litten in den Sechzigern nicht nur Stones und Beatles (erst ab 1967 konnten beide durchsetzen, dass ihre Alben weltweit einheitlich erschienen). Und wenn ich das übrigens richtig überblicke, gibt's im gesamten 2002-Remaster-Katalog nur auf der UK-Version den Stereo-Mix von Mother's little Helper!
Die 2002er Remasters klingen erheblich besser als die erste CD von 1985; es würde meinen persönlichen Hörgenuss jedoch keineswegs schmälern, wenn man der CD mit 19th Nervous Breakdown, Sad Day, Paint it black, Long long While, Have you seen your Mother, Baby und Who's driving your Plane? die '66er Singles anfügen würde!
"Aftermath" ist das letzte und reifste Werk der "frühen" Stones; ein Jahr später folgte eine Übergangsphase mit der etwas unausgegorenen "Between the Buttons" und der bedröhnten "Satanic Majesties", und 1968 sollten die Rolling Stones dann mit Jumpin' Jack Flash ihren endgültigen Stil definieren, dem sie im Grunde bis heute treu geblieben sind.