Aus der Amazon.de-Redaktion
Den Blick, den der Erzähler mit uns einnimmt, kommt von oben. Die Stadt liegt vor uns ausgebreitet wie ein riesiges Gebilde -- ein Gebilde, das leuchtet. Denn es ist Mitternacht, das Datum schlägt bald um. Dann senkt sich der Blick des beschreibenden Wie-Erzählers wie in einer langen Kamerafahrt auf den hellsten Punkt, das Zentrum seines Interesses, die Welt der Vergnügungsviertel, Love Hotels, Schnellrestaurants und Workoholics. Hier werden Prostituierte misshandelt, tanzen Schwangere zur Freude von Voyeuren in den Nachtbars und finden Begegnungen zwischen Großstadt-Zombies statt, die keiner so erwarten konnte. Von nichts anderem erzählt
Afterdark, den man am ehesten mit einem Quentin-Tarantino-Film vergleichen kann:
Pulp Fiction, wieder zu Literatur gemacht.
Afterdark, der Roman des japanischen Kultautors Haruki Murakami (Gefährliche Geliebte, Sputnik Sweetheart, Kafka am Strand, Tony Takitani), beginnt etwas schwach, gewöhnlich und vielleicht sogar ein wenig billig. Aus der Höhe wirkte die Stadt wie ein riesiges Lebewesen. Oder wie eine künstliche Ansammlung unendlich vieler ineinander verschlungener Existenzen, steht da zu lesen. Das erste Bild ist inzwischen ein Topos geworden, der sich bis in die Trivialliteratur erstreckt -- und der von Murakami mit Vergleichen wie Adern (für Straßen) oder Pulsschlag (für das urbane Leben) noch weiter ausgereizt wird. Der zweite Satz wäre schlichtweg banal -- eröffnete er nicht bereits zu Beginn den Blick auf die poetische Struktur von Afterdark: Unendlich viele Existenzen, deren Biografien und Schicksale ihr Wohnort ebenso wie die Hand des Erzählers zusammen hält. Diese Perspektive beherrscht Murakami auf unnachahmliche Art und Weise. Sie macht Afterdark zu einem kleinen Meisterwerk. --Stefan Kellerer
Wenn es einen Konsensautor der Nuller-Jahre gibt, dann ist das Haruki Murakami - und nichts erklärt das besser als sein neuester Roman. Afterdark" begleitet seine einsamen Helden nur für eine Nacht und zeichnet dabei das eindrucksvollste Großstadtporträt seit langer Zeit. Wie mit dem Objektiv einer Kamera zoomt der Erzähler auf die 19-jährige Mari, die wegen ihrer wunderschönen Schwester Eri unter Komplexen leidet und gleichzeitig die Entfremdung von der Schwester betrauert. In einem Love-Hotel trifft Mari auf eine misshandelte Prostituierte, im Schnellrestaurant schüttet sie einem jungen Musiker ihr Herz aus. Auch Model-Schwester Mari ist auf der Flucht. Mit ununterbrochenem Schlaf versucht sie sich ihrem oberflächlichen Model-Leben zu entziehen. Plötzlich verliert sich der scheinbar objektive Blick in einem Grenzgang zwischen Realität und Traum. Murakami hält mit trocken-realistischer Sprache dagegen, und bei Sonnenaufgang entlässt er seine Helden - ohne Gewissheiten, aber mit neuer Hoffnung. (cs)
Kurzbeschreibung
Geschichten zwischen Mitternacht und Morgengrauen, die sich in unseren Fantasien weiterspinnen.
Afterdark - nach einer Jazznummer - heißt der neueste Roman von Haruki Murakami. Und: Afterdark ist das spannungsvolle Buch einer Nacht, erzählt wie durch das Auge einer Kamera. Diese streift über das Panorama der nächtlichen Großstadt: Leuchtreklame und digitale Riesenbildschirme, Hip-Hop aus Lautsprechern, Ströme erlebnishungriger Angestellter und weißblonder Teenager in Miniröcken. Wie mit einem Zoom beobachten wir die Orte nächtlicher Handlungen, die sich dramatisch verbinden und entfalten. Wir begegnen dem jungen Mädchen Mari mit einem Musiker in der Filiale einer Restaurant-Kette sowie der Geschäftsführerin eines Love-Hotels, in dem gerade eine chinesische Prostituierte von einem Freier misshandelt wurde. Wir sehen im 24-Stunden-Supermarkt einen Büroangestellten, wie er das Handy der Chinesin aus dem Love-Hotel in ein Kühlregal legt. Und wir haben die Videoüberwachung bemerkt und dass ihm bereits der Zuhälter auf der Spur ist. Außerdem betritt der junge Musiker diesen Supermarkt und hört das fremde Handy läuten, während das wunderschöne Mädchen Eri, die Schwester von Mari, seit Monaten ununterbrochen schläft.
Afterdark bleibt voller Geheimnisse. Am Ende der sich überstürzenden und mysteriösen Ereignisse schickt uns Haruki Murakamis beunruhigende Prosa in den Tag zurück.
Klappentext
"Murakami entführt seine Leser in verstörende Welten."
Rheinischer Merkur
"Der japanische Kultautor beweist hier einmal mehr seine brillante Technik."
Buchprofile
"Auf so etwas muss man sich einlassen, verstehen muss man es nicht."
Brigitte
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Über den Autor
Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, die Eltern sind Lehrer für japanische Literatur. Studium der Theaterwissenschaften und des Drehbuchschreibens in Tokyo, aufkeimendes Interesse an amerikanischer Literatur und Musik. 1974 Gründung des Jazzclubs "Peter Cat", den er bis 1982 betreibt. 1978 erste erfolgreiche Buchveröffentlichung. In den 80er Jahren dauerhaft in Europa ansässig (u. a. in Frankreich, Italien und Griechenland), geht er 1991 in die USA, ehe er 1995 nach Japan zurückkehrt. 2006 erhielt Haruki Murakami den Franz-Kafka-Literaturpreis. 2009 wurde ihm der Jerusalem Prize für sein literarisches Werk verliehen.Ursula Gräfe, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Japanologie und Anglistik und arbeitet seit 1988 als Literaturübersetzerin. Sie hat u.a. Werke von R.K. Narayan, Haruki Murakami, Yasushi Inoue und Kenzaburo Oe ins Deutsche übertragen, ist Autorin einer Buddha-Biographie und Herausgeberin mehrerer Anthologien. Jedes Jahr verbringt sie einige Zeit in Asien, vor allem in Indien. Ursula Gräfe lebt in Frankfurt am Main.