Cara Dillons lang erwartetes neues Album wird es CD-Shop Besitzern schwer machen, es in ein bestimmtes Genre-Regal einzuordnen. Mit "After the Morning" haben Cara und Sam Lakeman, ihr Co-Autor, Produzent und Ehemann, endgültig die Deckung der Folk-Szene verlassen und sich bewusst einem Publikum gestellt, dass sich sicher nie freiwillig in der Folk-Ecke eines CD-Ladens aufgehalten hätte.
Schon das erste Lied "Never in a million years", die erste Single-Auskopplung des Albums, ist das bisher am stärksten dem Mainstreamgeschmack angepasste Stück, das Cara und Sam je geschrieben haben. Ein Pop-Song, mit einer sehr eingängigen Melodie, der es sicherlich auch in die Single-Charts schaffen kann. Außerdem ist bei einigen Liedern auch ein deutlicher Bluegrass-Einfluss zu erkennen. Zum Beispiel bei einem meiner Favoriten, "I wish you well", das durch den Banjo-Einsatz einen ganz besonderen Reiz erhält. Damit nicht genug, ließen es sich Cara und Sam nicht nehmen, sich für das traditionelle "The snow they melt the soonest" der Streicherbegleitung des Tschechischen Symphonieorchesters zu versichern! Alle, die Caras bisherige Alben mochten, seien aber beruhigt. Auch wenn es bisher so klang, als sei "After the Morning" ein experimentelles Album, sind alle Ausflüge in andere Musikstile wohl dosiert und werden wie immer durch Caras kristallklare, engelsgleiche Stimme und Sams beeindruckende Arrangements und sein gefühlvolles Pianospiel zusammengehalten. "Bold Jamie", ein rein tradtionelles Stück, verführt dazu zu überlegen, wie wohl das Original heißen mag und wer es bisher sonst noch gesungen hat. Umso überraschter ist man, wenn man erkennt, dass es ein selbstgeschriebenes Lied ist. Dougie MacLeans "Garden Valley" wird von Cara glänzend interpretiert. Ihre Stimme passt einfach einmalig gut zum Text dieses schönen Liedes. Mit "The streets of Derry", machte sich Cara selbst ein Geschenk, indem Sie Paul Brady für ein Duett gewinnen konnte und so diesem alten nordirischen Lied mit seiner bewegenden Geschichte, neues Leben einhauchte. Ganz besonders berührte mich "October Winds". Zunächst ein trauriges, modern arrangiertes Stück. Als ich das Lied aber ein zweites Mal sehr aufmerksam hörte und zur letzten Strophe kam, bekam mein Herz einen Stich und ich erinnerte mich daran, was im Oktober 2003 passierte. Von diesem Moment wusste ich, worum es Cara mit dem Lied ging...
Auch die übrigen Stücke, seien es nun traditionelle Lieder wie "Brockagh Braes" oder Caras interpretationen von Liedern anderer Künstler, wie "Walls", auch eines meiner Lieblingsstücke, fügen sich harmonisch in das sehr gute Gesamtbild dieses Albums ein. Es gibt kein Lied auf dieser Platte, das ich beim Hören bisher überspringen wollte. Abschließend kann ich "After the Morning" nur allen bedenkenlos empfehlen. Bisherigen Fans von Caras Musik, genauso wie Leuten, die eigentlich keine Folkmusik mögen und allen anderen die sich einfach nur von einer der schönsten Stimmen auf dieser Welt gefangen nehmen lassen wollen!