Mithen legt mit diesem Buch eine aus archäologischen Funden rekonstruierte, alle fünf Kontinente umfassende Menschheitsgeschichte des Mesolithikums (20.000 - 5.000 vor unserer Zeit) vor.
Um diese schwer zugängliche und wenig erforschte Epoche dem Leser nahezubringen, wählt der Autor eine doppelte Strategie: (1) Er schickt den viktorianischen Politiker und Universalgelehrten John Lubbock, der sich mit seinem Buch "Prehistoric Times" (1865) einen Namen gemacht hat, an jeden wissenschaftlich bedeutsamen Schauplatz und läßt ihn dort - unsichtbar aber sehr lebhaft - die Freuden, Sorgen, Nöte und vielfältigen Lebensbedingungen der Menschen miterleben. (2) Er begründet das jeweilige von ihm vorgeschlagene farbenfrohe Szenario mit der archäologischen Fundlage, die er im Kontext der Hilfsdisziplinen seines Faches interpretiert. Diese Deutungen problematisiert er im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses, dessen häufige Unabgeschlossenheit er keineswegs verschweigt.
Mithen stellt das für die Datenerhebung unerläßlich Instrumentarium des Archäologen vor: Astronomische, geologische und meteorologische Berechnungen, Radiokarbonmessungen, Dendrochronologie, Pollenanalyse, die Wanderungsbewegungen von Pflanzen aber auch Käfern und Säugetieren als Reaktion auf ökologische Veränderungen, DNA-Analysen zur Feststellung der Unterschiede zwischen Wild- und Zuchtformen von Pflanzen und Tieren, Untersuchungen des Skeletts und besonders der Zähne von Menschen und Tieren, Analyse von Eisbohrkernen und Sedimenten, ethologische Vergleiche mit heute noch lebenden Jäger-und-Sammler-Kulturen.
Im Zentrum der Untersuchung liegen vier Klimaepochen: 20.000-12.700: Letztes Glaziales Maximum (Kaltzeit), 12.700-10.800: Spätglaziales Interstadial (Warmzeit), 10.800-9.600: Jüngere Dryas (Kaltzeit), 9.600 bis heute: kontinuierliche Erwärmung des Holozäns. Mithen entwickelt die komplizierten Auswirkungen dieser Klimaschwankungen auf Bodenbeschaffenheit, Flora, Fauna und Überlebensstrategien der Menschen. Das Abschmelzen der Eisschilde ließ die Weltozeane um 120 Meter ansteigen, was katastrophale Folgen für die hauptsächlich in den Küstengebieten lebenden Jäger-und-Sammler-Kulturen hatte. Der Autor beschreibt die höchst unterschiedlichen Jagdpraktiken in Eiszeit und Warmzeit nebst ihrer weitreichenden sozialen Konsequenzen, den hohen Anspruch der mesolithischen Steinwerkzeugtechnologie und die konfliktreichen Auseinandersetzungen um die nacheiszeitlichen Ressourcen. Er erklärt, weshalb die Tradition der Höhlenmalerei abrupt endete, wie und warum die Domestikation von Wildtieren und die Kultivierung von Wildpflanzen möglich und leider auch notwendig wurden und welche sozialen und psychischen Folgewirkungen die allmähliche Seßhaftigkeit mit sich brachte. Die frühen Siedlungen des Mesolithikums, welche die Hochkulturen vorbereiteten, erweisen sich als eine Anpassungsleistung an Erderwärmung und Bevölkerungswachstum, eine Anpassungsleistung allerdings, die bereits damals alles andere als im Gleichgewicht mit der Natur erfolgte. Mithen scheut nicht den Vergleich mit der Gegenwart: Auch heute bringen (selbstverschuldete!) Klimaveränderungen und Bevölkerungswachstum den Homo Sapiens in eine Zwangslage, und es ist durchaus zweifelhaft, ob er für diese rechtzeitig eine lebensdienliche Anpassungsleistung erbringt.
Die weltumspannende Weite der Thematik, die detailreiche Tiefe der Analyse, die Präzision des wissenschaftlichen Diskurses - Mithen erfüllt diesen unglaublich hohen Anspruch nicht nur vorbildlich, sondern schafft es darüber hinaus auch noch, den Leser mit ergreifenden und farbenprächtigen Szenarien am Leben der Menschen teilhaben zu lassen. Ja, das Buch ist "populär", aber populär im besten Sinne des Wortes. So sollte Wissenschaft vermittelt werden! Wer etwas über die uns bevorstehende Zukunft erfahren möchte, sollte die hier beschriebene Vergangenheit kennen. Als wertvolle Ergänzung empfehle ich: Jost Herbig: "Am Anfang war das Wort" (1984) und "Nahrung für die Götter" (1988), wo auch der Aufstieg der frühen Hochkulturen entwickelt wird.