Rheinischer Merkur, 24.12.1993
Doch wie war es überhaupt möglich, daß ein deutscher Kurfürst, der weder über große Seehäfen noch über eine nennenswerte Seestreitmacht verfügte, sich binnen weniger Jahre zum Herren einer - wenn auch eher bescheidenen - afrikanischen Kolonie aufschwang? Ulrich van der Heyden beschreibt in seinem reich illustrierten Buch "Rote Adler an Afrikas Küste" einen faszinierenden Abschnitt der europäischen Geschichte, an dem Deutsche sonst nur in Diensten fremder Nationen oder als Leser von Defoes "Robinson Crusoe" teilhatten. Unter der Flagge mit dem roten Adler brachen zu Beginn der achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts brandenburgische Schiffe wie der "Churprinz" und der "Morian" nach Afrika auf und gründeten das Fort Großfriedrichsburg, dessen restaurierte Gemäuer im heutigen Ghana zu besichtigen sind. Über Tausende von Seemeilen hinweg mußten Baumaterialien herangeschafft werden und es dauerte manchmal Jahre, bis wieder einmal ein Schiff aus der Heimat den Weg in die Kolonie fand. Ulrich Baron
Kurzbeschreibung
Brandenburg/Preußen eine Kolonialmacht mit eigener Flotte? Wenig war bisher über die kolonialen Unternehmungen des Großen Kurfürsten von Brandenburg (1640-1688) und seiner Nachfolger bekannt. Ulrich van der Heyden beleuchtet die Geschichte der brandenburgischen Festung Großfriedrichsburg im heutigen Ghana und des brandenburgisch-preußischen Kolonialhandels, zu dem auch ein einträgliches Sklavengeschäft gehörte. Der reich bebilderte Band - 108 Abbildungen, davon 23 in Farbe - schildert nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe dieses Unternehmens, sondern würdigt auch die bedeutenden Leistungen brandenburgischer Bauleute, Schiffbauer, Matrosen und Soldaten. Ebenso wird die frühe Begegnung von Vertretern zweier so unterschiedlicher Kulturen, wie die Brandenburg-Preußens und die der westafrikanischen Küste in der frühen Neuzeit berücksichtigt. Zahlreiche zeitgenössische Texte sowie eine Zeittafel und eine ausführliche Bibliographie machen das Buch zu einem Standardwerk. Abgerundet wird es mit Aufnahmen vom heutigen Zustand und Berichten über die aktuelle Nutzung in einem Entwicklungsprojekt.
Der Autor über sein Buch
Nachwort zur 2. Auflage: Bis zur ersten Auflage des vorliegenden Buches, die 1993 im Brandenburgischen Verlagshaus in Berlin erschien, war das überseeische Kolonialabenteuer des Großen Kurfürsten von Brandenburg und seiner Nachfolger nur einer Handvoll von Historikern bekannt. Die kolonialen Ambitionen Brandenburg-Preußens Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts erstreckten sich auf die Festung Großfriedrichsburg bei Princes Town im heutigen Ghana, einige kleinere Siedlungen an einem etwa 30 Kilometer langen Küstenstreifen am Golf von Guinea, die Inselgruppe Arguin, die heute zu Mauretanien gehört, und die Antilleninsel St. Thomas. Heute erinnern sowohl auf Arguin als auch in Princes Town und Umgebung nicht nur die steinernen Monumente an die brandenburgisch-preußische Kolonialherrschaft. Auch im Bewußtsein der einheimischen Bevölkerung ist die "Brandenburg family" lebendig, und in den Erzählungen einiger Afrikaner erscheinen die Brandenburger bzw. Preußen, durch die Jahrhunderte verklärt, als weniger despotisch und gewalttätig als die nachfolgenden europäischen Kolonialherren. Tatsächlich kann man aus Berichten in verschiedenen Archiven auf einen respektvollen, ja toleranten Umgang der Brandenburger mit der afrikanischen Küstenbevölkerung schließen. Ob diese subjektiven Darstellungen angesichts der Beteiligung der Brandenburgisch-Afrikanischen Kompanie am transatlantischen Sklavenhandel allerdings der Realität entsprechen, scheint äußerst fraglich. Hierzulande haben zahlreiche Vorträge, Radiosendungen, Interviews, Seminare, Artikel in Tageszeitungen und Journalen, die als Reaktion auf das Buch entstanden, zur Popularisierung der kolonialen Vergangenheit Brandenburgs beigetragen. Großen Widerhall verzeichnete auch eine Dokumentation, die das Fernsehen des ORB 1995 nach der Vorlage des Buches drehte. In Potsdam wurde der Verein Brandenburg - Princes Town - Eine Welt gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Geschichte die Bevölkerung im Land Brandenburg mit spezifischen Problemen der sogenannten Dritten Welt vertraut zu machen. Durch solche Öffentlichkeitsarbeit sind die existentiellen Sorgen der kleinen Fischersiedlung am Fuße der Großfriedrichsburg (insbesondere Palmensterben, Niedergang der Fischerei, fehlende Infrastruktur, Arbeitslosigkeit) zumindest etwas in das Blickfeld des hiesigen Interesses gerückt. Schüler und Lehrer der Wiesengesamtschule Jüterbog unterhalten beispielsweise eine Schulpartnerschaft mit der Schule des Ortes. Und nicht nur Brandenburger Bürger beteiligen sich an der materiellen Hilfe für die Bewohner von Princes Town. Die Besucherzahlen auf der noch gut erhaltenen, dennoch restaurationsbedürftigen Festung Großfriedrichsburg sind in den letzten Jahren gestiegen. Es bleibt zu hoffen, daß der sich langsam entwickelnde Tourismus keine negativen Auswirkungen auf die gastfreundlichen Bewohner des Territoriums der ehemaligen brandenburgisch-preußischen Kolonie in Westafrika haben wird. Darüber hinaus hat das Buch auf den Beginn der Geschichte der afrikanischen Diaspora in Deutschland aufmerksam gemacht. Denn waren auch zuvor schon Afrikaner als "Mohren" oder "Turkos" an den europäischen Höfen bekannt, so kam im Rahmen des Kaufvertrags von Großfriedrichsburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts zum ersten Mal eine Gruppe von Afrikanern nach Preußen. Obwohl dieser Aspekt der historischen Migrationsforschung bislang nur wenig Beachtung fand, lassen sich doch bei aufmerksamem Wandeln und Wandern durch die Mark Brandenburg mit ihren Dörfern, Städten, Schlössern und Herrenhäusern und in den beiden Residenzstädten Potsdam und Berlin zahlreiche Zeugnisse afrikanischen Wirkens finden. Wenn sich die verehrte Leserin, der verehrte Leser dann an dieses Kapitel brandenburgischer Geschichte erinnert und daran denkt, daß seit jener Zeit ein deutsch-afrikanisches Beziehungsgeflecht existiert, so ist das Anliegen des Buches erfüllt. Dem Selignow-Verlagsservice in Berlin ist es zu danken, daß hierfür noch einmal mit einer überarbeiteten Neuauflage geworben werden kann, in der Text und Bibliographie (Stand 1993) beibehalten, einige Abbildungen jedoch aktualisiert wurden. Das Buch ist den gastfreundlichen Menschen von Princes Town, für die die Vergangenheit ein Schlüssel für die Zukunft zu sein scheint, sowie meiner verstorbenen Frau gewidmet, die es für das beste meiner bisherigen Bücher hielt. Ulrich van der Heyden im März 2001
Umschlagtext
Brandenburg/Preußen eine Kolonialmacht mit eigener Flotte? Wenig war bisher über die kolonialen Unternehmungen des Großen Kurfürsten von Brandenburg und seiner Nachfolger bekannt. An der "Goldküste" Afrikas im heutigen Ghana ließ er 1683 die Festung Großfriedrichsburg errichten, den wichtigsten einer Reihe von Stützpunkten an einem etwa 30 Kilometer langen Küstenstreifen des Golfes von Guinea. Dr. Dr. Ulrich van der Heyden, Kolonialhistoriker und Politikwissenschaftler, beleuchtet kritisch diese frühen Versuche brandenburgisch-preußischen Kolonialhandels und das Aufeinandertreffen von Afrikanern und Brandenburgern vor dem Hintergrund des kurfürstlichen Sklavenhandels von Westafrika über die Antilleninsel St. Thomas in die Neue Welt. Wissenschaftlich fundiert schildert er nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe dieses Unternehmens, sondern würdigt auch die bedeutenden Leistungen brandenburgischer Bauleute, Schiffbauer, Matrosen und Soldaten vor über 300 Jahren. Umfangreiche Zeitdokumente, eine Zeittafel und eine ausführliche Bibliographie ergänzen den Band, dessen über hundert Abbildungen auch aktuelle Aufnahmen von Großfriedrichsburg umfassen. Die teilweise restaurierte Festungsanlage, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, wird zunehmend ein Ziel von Touristen, und Brandenburger Bürger haben im Rahmen eines Entwicklungsprojekts Nutzungskonzepte für die Burg und ihre Umgebung entworfen.
Über den Autor
Dr. rer. pol. Ulrich van der Heyden ist Afrika- und Kolonialhistoriker sowie Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Afrika. 1954 in Ueckermünde geboren, studierte er Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte 1984 am Bereich Afrikanistik. Danach Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften, nach deren Abwicklung am Forschungsschwerpunkt Moderner Orient. Im Jahre 1997 Promotion, 2001 Habilitation in Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, wo er 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie tätig wird. Der Autor gibt vier wissenschaftliche Buchreihen (mit)heraus, ist Autor bzw. Herausgeber von mehr als zwanzig Büchern und Verfasser von über 75 wissenschaftlichen Studien.