Afrikanische Märchen" ist eines der sehr wenigen Bücher, die es überhaupt gibt, wenn man sich für afrikanische" Märchen interessiert. Insofern ist dieses Buch schon deshalb lesenswert, weil es kaum Alternativen gibt, obwohl dieser große Kontinent sicherlich mehr zu bieten hat als dieses kleine Bändchen. Leider fehlen manche, gerade für Afrika typischen Märchengenres, z.B. Mythen, die Afrika eben auch mit anderen Kontinenten- z.B. Asien- verbinden. Auch Darstellungen und Erläuterungen fehlen, es gibt wohl einige, z.B. zur Rolle des Hasen, diese geben aber leider nicht wirklich tiefe Einblicke in die Struktur der Märchen. Über den Sammelbegriff Afrika" lässt sich trefflich streiten. Afrika ist nicht ein großes Ganzes, sondern besteht aus über 50 Staaten mit eigenen Strukturen, die andererseits auch wieder- im Gegensatz zu Europa und Asien- untereinander ähnlicher sind und insofern Afrika doch zu einer Einheit machen. Leider bedient sich der Titel schon eher der verallgemeinernden Version des Begriffes und legt bei der Auswahl der Märchen nur wenige Ausgangsländer und Kernregionen dem Buche zugrunde, so dass man schon hinterfragen muss, ob diese Sammlung tatsächlich widerspiegelt, was im afrikanischen Kontinent an Märchen erzählt wird. Zweites Problem ist, dass der Herausgeber diese Märchen nicht selbst vor Ort, sondern von ehemaligen Austauschstudenten aus einigen afrikanischen Ländern hat suchen und aufschreiben lassen. Diese hat er denn aus dem Französischen bzw. Englischen übersetzt. Leider sind dabei drei wesentliche Elemente verloren gegangen: erstens die Ursprünglichkeit der Sprache, weil es etwas anderes ist, einen Text aus einer Mittelssprache zu übersetzen; zweitens der fehlende Kontakt, weil er selbst nun nicht vor Ort mit den Menschen gesprochen hat, die in oraler Tradition ihre Geschichten tradieren und somit einfach viel Hintergrundwissen nicht vorhanden sein kann, da man gerade orale Traditionen nicht ohne Kenntnis des Sprechers und des Umfeldes wiedergeben kann; drittens die Unterschiedlichkeit der Beziehungsgeflechte, die das soziale Milieu Afrikas" ausmachen und somit das, was die eigentlichen (afrikanischen) Interviewer dem Herausgeber an Texten lieferten" nicht wirklich transparent werden können, sondern viele unausgesprochene und situative Anteile der oralen Tradition im Verborgenen lassen. Insofern wirken die Märchen beim Lesen eher wie neu erzählt und leider dabei auch sehr europäisch, da alleine schon die Art der Beschreibung der Umwelt, der Menschen und die dabei entstehenden geistigen Bilder eher der europäisch-deutschen Märchenwelt der Gebrüder Grimm entsprechen als der afrikanischen" Realität. Dennoch kann man das Buch ganz gut lesen, zumal es eine zwar nicht sehr anspruchsvolle, aber doch erste Einführung in diese Art von Literatur gibt.