Dominic Johnson, langjähriger Afrika-Redakteur der taz, hat sich mit seinem Buch sicher nicht nur Freunde gemacht: Er sagt den postkolonialen Ansätzen den Kampf an. Er rechnet mit linken westlichen Globalisierungsgegnern und ihrem Weltbild ab, wonach afrikanische Regierungen durch ihre Abhängigkeit von den internationalen Finanzinstitutionen gezwungen sind, eine Politik gegen die Interessen ihrer Bevölkerung durchzusetzen ("mehr als ein Körnchen Wahrheit war es nie"). Und er brüskiert bereits mit seinem Buchtitel all diejenigen, die sich mit dem Bild eines armen, kranken und ausgebeuteten Afrika, das stärker denn je die Entwicklungszusammenarbeit der reichen Industriestaaten benötigt, seit langer Zeit eingerichtet haben.
Für Johnson geht es heute primär nicht mehr um die Auseinandersetzung mit dem Erbe der kolonialen Epoche und ihren heute noch sichtbaren gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Konsequenzen. Denn für ihn ist das Afrika von heute nicht mehr das Afrika von gestern. Afrika steht vor dem großen Sprung, "ist ein Kontinent der permanenten Veränderung". Längst hat sich in den meisten Ländern eine einheimische Elite herausgebildet, die allen globalen Zusammenhängen zum Trotz für die aktuelle Lage in ihren jeweiligen Ländern selbst verantwortlich ist.
Die Zeit der Fremdbestimmung Afrikas ist für den Buchautor vorbei. An ganz vielen konkreten Beispielen macht er deutlich, wie atemberaubend schnell Afrika sich entwickelt. Stichworte der Veränderung sind die Verstädterung, Verjüngung und Industrialisierung Afrikas, die Zunahme der Kapitalströme innerhalb des Kontinents, das ungeheure Potential der Landerschließung und natürlich der Ressourcenreichtum, der dazu führt, dass infolge der gestiegenen Rohstoffpreise heute große Mengen Geld nach Afrika fließen. Und schließlich "schweißt der Mobilfunk Afrika zusammen, wie es keine andere Technologie bisher getan hat".
Für Johnson durchlebt Afrika gegenwärtig "eine revolutionäre Ära, in der es sich häufig und praktisch neu erfinden muss". "Noch vor wenigen Jahren schien der Kontinent, zumindest in der karikaturalen Vorstellung von Afrika als ewigem Opfer, als fünftes Rad am Wagen der Globalisierung, lediglich Objekt von Fremdbestimmung und Ausbeutung zu sein." Afrika werde von einem Objekt zu einem Akteur der Globalisierung mit einer zunehmenden ökonomischen Verflechtung der afrikanischen Staaten untereinander.
Vorbilder der aufstrebenden Staaten Afrikas seien die Tigerstaaten Afrikas, die zeigen, dass es möglich sei, ohne Anleitung des Westens den Sprung zur Industrienation zu schaffen: "Das asiatische Modell bedeutet für Afrika, sich direkt und unverblümt dem wirtschaftlichen Aufbau zu widmen, ohne sich mit Fragen der richtigen politischen Ideologie und Staatsform aufzuhalten. Erst kommt das Fressen, dann die Moral."
Das Buch von Johnson fordert auch die deutsche Afrika-Szene heraus. Er outet sich als ein großer Anhänger des tansanischen Staatsgründers Julius Nyerere und datiert sogar die Geburtsstunde des neuen Afrika auf den 11.4.1979 - dem Einmarsch Tansanias in das Nachbarland Uganda und damit der Einführung des Prinzips "Nicht jeder Zustand eines afrikanischen Landes ist hinnehmbar".
Johnson setzt hinter seinen Buchtitel ganz bewusst kein Fragezeichen - trotz der von ihm benannten Armut des Kontinents, der hohe Arbeitslosenrate, des riesigen Lumpenproletariats, das außerhalb des Wirtschaftswachstums steht, welches zudem nur in wenigen Ländern die notwendigen 7 % umfasst, die kontinuierlich notwendig sind, um einen spürbaren Wohlstandswachstum zu erzeugen. Die große Gefahr, dass eine immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich (die heute jede Partnerschaftsgruppe vor Ort in Afrika stärker denn je wahrnimmt) auch zu einem großen Sprung Afrikas in blutige soziale Unruhen führen kann, hätte vom Autor vielleicht noch etwas ausführlicher erörtert werden müssen.
Ein großes Thema Afrikas lässt Johnson merkwürdigerweise komplett außen vor: Die intensiven Bemühungen der asiatischen Staaten, allen voran China, Zugang zu den afrikanischen Rohstoffen zu gewinnen. Als der indische Premierminister Singh vor wenigen Tagen Bundeskanzlerin Merkel empfing, war er gerade erst aus Äthiopien und Tansania zurückgekehrt. Selbst die Türkei übt sich, ausgeschlossen aus der EU, in Afrika als global player. Nicht aufgeworfen wird auch die Frage, welche konkreten Konsequenzen aus einem "Afrika vor dem großen Sprung" und angesichts der asiatischen Offensiven für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zu ziehen sind.
Wenig Verständnis zeigt Johnson für das Anliegen der europäischen Tier- und Naturschützer. Die Selbstverpflichtung Tansanias, mit seinen Anträgen auf Anerkennung als Weltnaturerbe diese (als Naturerbe der gesamten Menschheit) entsprechend sorgsam zu bewahren, weist Johnson unterhalb seines sonstigen Niveaus schroff ab mit dem Satz "Mit welchem Recht diktiert Europa heute Afrika, wie es mit seinen Reichtümern umzugehen habe, nachdem es sie selbst gestohlen und den Kontinent verwüstet hat?" Mit demselben Argument könnten afrikanische Tyrannen die berechtigten Einmischungen Europas gegen Menschenrechtsverstöße ihrer Länder abweisen.
Dennoch: Ein herausragendes und empfehlenswertes kleines Buch, weil es keine Tabus scheut und zum Querdenken und zur lebendigen Diskussion anregt. Wie schreibt Johnson (dann wieder sehr weise) in seinem letzten Satz? "Die Zukunft ist offen."