Aus der Amazon.de-Redaktion
Afrika rappt! Ganz Afrika? Natürlich nicht, denn noch immer ist in Ländern wie dem Senegal die einheimische Popmusik in Form von Mbalax der Marktführer auf dem Kassettenmarkt, dicht gefolgt von den Tonaufnahmen der Marabouts, der muslimischen Gelehrten. Doch schon an dritter Stelle kommt der HipHop, der in Dakar zweifellos seine afrikanische Metropole hat. Dort begann vor zehn Jahren ein Movement mit Oldschoolern, wie Positive Black Soul oder Pee Froiss, das derzeit von zirka 2.000 Crews allein in Dakar vorangetrieben und gepflegt wird.
Dabei, und das ist eines der wichtigsten Verdienste dieser wunderbaren und umfangreich kommentierten Compilation des Journalisten Jay Rutledge, wird schnell deutlich, dass es den afrikanischen HipHop als Schablone so wenig gibt wie sich die Produktivität der Wortkünstler in den USA auf einen einzigen Nenner festlegen ließe. Und auch die Fusion aus Talking Drums und Turntables, aus Mike und Kora, wie sie von den genannten Oldschool-Protagonisten oder den in Paris lebenden Djoloff präsentiert wird, steht nicht unbedingt für den Spirit der urbanen Kids im Senegal.
Im Gegenteil, würden sich doch Djoloff beispielsweise der Lächerlichkeit preisgeben, wenn sie bei ihrer noch ausstehenden Live-Premiere im Senegal in Boubous, den traditionellen Gewändern, aufträten. Auch hier sind Sneakers angesagt. Mit seiner Compilation, deren Tracks fast ausnahmslos von Kassetten stammen, präsentiert Rutledge unterschiedlichste Strömungen -- vom politisch radikalen, gesellschaftlich hochbrisanten Hardcore-HipHop von BMG 44 über den einen zynisch-melodischen Style bevorzugenden Abass Abass bis hin zu den ersten nennenswerten Rap-Crews aus Mali, wie Les Escrocs. Umfangreicher und interessanter kann eine Einführung kaum sein. --Björn Döring
Blue Rhythm (02/02)
HipHop ist in Amerika und Europa während der letzten Jahre nicht ge- rade durch Innovationen aufgefallen. Trotz seines festen Platzes in den Freischwimmübungen der Heranwachsenden dümpelt das Genre zwischen Kommerz und Maulheldentum vor sich hin. Ganz anders sieht das in Afrika aus. Zwischen Algier und Kapstadt versucht sich eine ganze Generation mit Reimen und Beats Gehör zu verschaffen. Mit neuen musikalischen Konzepten und mit unverblümter Gesellschaftskritik. Speziell in Westafrika, wo der traditionelle Griot gegen Bezahlung noch den letzten Despoten anpreist, sind Rapper und DJs die erste Bastion des Fortschritts. Nur wenige Bands wie Positive Black Soul oder Djoloff aus dem Senegal hatten die Möglichkeit, im Westen ihre Platten zu veröffentlichen. Alles andere wird auf Kassetten, oft als Mixtape, ausschließlich für den lokalen Markt produziert. Schon von daher ist es eine echte Glanztat, dass der deutsche Journalist und Blue-Rhythm-Autor Jay Rutledge nun nach langer Recherche eine Compilation mit den repräsentativsten HipHop-Bands aus dem Senegal, Gambia und Mali zusammengestellt hat. "Africa Raps" bietet uns erstmals einen unabhängigen Einblick in die Welt des afrikanischen HipHop. 16 Songs, die nicht nur mit ihrer ungewohnten Musikalität beeindrucken, sondern auch mit ihren scharfen Attacken auf Politik, Korruption und sonstige Missstände. Das ausführliche Booklet erläutert Hintergründe, angesprochene Personen und Situationen und sorgt dafür, dass man die Feinheiten auch mitbekommt. Insgesamt ein Album für Leute, die sich eigentlich schon vom HipHop verabschiedet hatten, und Pflichtprogramm für alle, die schon HipHopper sind.
© Blue Rhythm - Tobias Maier