Dass es ein Buch mit dem Thema Afghanistan auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste für Sachbücher schafft, ist für eine Afghanin natürlich erst einmal ein Grund zur Freude. Bei der Lektüre dieses „Sachbuchs“ schlägt die Freude aber schnell in zorniges Entsetzen um.
In ihrem Buch schildert die deutsch-persische Autorin Siba Shakib die Geschichte der afghanischen Flüchtlingsfrau Shirin-Gol, die sie an der afghanisch-iranischen Grenze kennen gelernt hat. Anspruch auf Authentizität und damit dokumentarischen Wert hat diese Geschichte jedoch nicht, wird die Autorin doch in SPIEGEL-Online mit folgenden Worten zitiert: "Ich habe Shirin-Gol vor Augen gehabt, während ich geschrieben habe. Aber allein um sie zu schützen, habe ich einige Ereignisse in ihrer Biografie verändert, ihr Geschichten hinzugedichtet und andere weggelassen.“ Was da hinzugedichtet und weggelassen wurde, ist nicht immer genau auszumachen. Ein afghanischer Leser stellt jedoch schnell fest, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann:
Dass jungfräuliche Afghaninnen vom Lande von ihren Eltern in eine Mission geschickt werden, bei der sie russischen Soldaten als Sexköder dienen sollen, ist äußerst unglaubwürdig. Wer die rigiden afghanischen Moralvorstellungen über die Ehre der Frau kennt, wird hier nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. Auch historisch und geographisch ist einiges durcheinandergeraten: Shirin-Gols Dorf soll im Einflussbereich von Shah Massud (S. 47), jedoch nicht im Norden von Kabul (S. 54) liegen. Dass die Autorin sich nicht die Mühe gemacht hat, die neuere Geschichte Afghanistans auch nur ansatzweise zu studieren, zeigt sich unter anderem daran, dass bei ihr unmittelbar nach dem Abzug der Russen der Bürgerkrieg in Kabul losgeht, und dass Nadschibullah noch Präsident war, als er von den Taliban hingerichtet wurde (S. 60-61). Die in Pakistan liegenden tribal areas werden von Shirin-Gol auf dem Weg von Kabul nach Jalalabad passiert (S. 63). Dass die USA 35,000 Araber nach Afghanistan geflogen und dort ausgebildet haben sollen (S. 259) ist grober Unfug und kann vielleicht noch mit der Ignoranz Shakibs entschuldigt werden, dass aber Amerikaner sich an Afghanistans Uran (!), Gold und Opium vergriffen haben, wie die Autorin unkommentiert einen Ladenbesitzer sagen lässt (S. 275), mutet wie dummdreiste Propaganda an.
Shakibs Buch ist also nicht im geringsten dazu angetan, historisch, geographisch, ethnologisch oder soziologisch über Afghanistan zu informieren. Es kommen zwar einige in eigenwilliger, „bewusst nicht an westlicher Schreibart“ (was immer das sein soll) orientierte Transliterationen afghanischer Namen und persischer Wörter vor, die indes weit davon entfernt sind, das afghanische Persisch (Dari) phonetisch wiederzugeben, siehe etwa „Daoud“ (S. 272) oder „Tashak-kor“ (S. 293). Jedoch werden diese Persisch-Einsprengsel oft noch nicht einmal übersetzt, und ein erhellendes Stichwortverzeichnis fehlt auch.
Bleibt die Frage, ob die Geschichte der Shirin-Gol als Fiktion einen literarischen Wert hat. Es fallen sofort zwei wesentliche Stilmerkmale der Geschichte auf. Erstens das Fehlen eines roten Fadens: Die Episoden in der Biographie Shirin-Gols sind nur lose miteinander verbunden, und meistens wird dem Leser nicht vermittelt, was die Motive für die verschiedenen Stationen von Shirin-Gols Wanderschaft sind. Warum ist sie beispielsweise nach ihrem Aufenthalt in einem pakistanischen Flüchtlingslager plötzlich in einem abgelegenen Dorf des Hazarajat? Wie hat sie die Reise dorthin (mindestens sechs Tagesmärsche) mitten durch ein Kriegsgebiet gestaltet?
Das zweite auffällige Stilmittel ist eine Neigung zur ausufernden Kompositabildung, oft verbunden mit sinnentleerten Wiederholungen unter Weglassung eines bestimmten oder unbestimmten Artikels. Beispiele: „Blutmorad“ (S. 93), „Opiummorad“ (S.110), „Vorrat für den Winter. Wintervorrat“ (S.133), „Krieg in Frieden. Friedenkrieg. Kriegfrieden“ (S.137), „Männerlust legt sich auf Jungenkörper. Ein Mann befriedigt seine Lust. Männerlust“ (S. 180). „Mutter ohne Farbe im Gesicht hat die Farbe im Gesicht verloren“ (S.228), „Shirin-Gol hat Geschmack von Galle im Mund. Gallengeschmack.“ (S.268). Jede einzelne dieser Stilblüten ist dazu angetan, als Mordwaffe gegen Reich-Ranicki und andere Freunde der deutschen Sprache zu dienen und vielleicht von Autorin und Lektorin (Claudia Vidoni) auch als solche gedacht.
Siba Shakib behauptet jedoch in SPIEGEL-online, dass sie versucht habe "die Eigenheiten, den Rhythmus und den Klang der [persischen] Sprache ins Deutsche zu übertragen." Jeder dari-sprachige Afghane und wohl auch jeder Perser wird bestätigen, dass dieses Vorhaben gründlich misslungen ist. Weder gibt es in der persischsprachigen Literatur den Hang zur exzessiven Kompositabildung noch jenseits aller Poetik liegende Wiederholungen. Und dass es im Persischen keinen determinierten Artikel gibt, rechtfertigt noch lange nicht, diesen im Deutschen ebenfalls wegzulassen.
Möglicherweise finden viele unbedarfte Leser Gefallen an dem „exotischen“ und „orientalischen“ Stil dieser Geschichte und fühlen sich danach besser über Afghanistan informiert. Für einen Afghanen-Kenner ist dieses Machwerk jedoch eine schallende Ohrfeige.