Millionen Jahre Evolution auseinander, nur eineinhalb Prozent des Erbguts verschieden und Umgangsformen, die den seinen gleichen. Der Affe wundert sich.
Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hat die heute übliche systematische Benennung der Tiere und Pflanzen eingeführt. Er hat jeder biologischen Art einen Art- und einen Gattungsnamen zugewiesen, also Pongo pygmaeus (Gattung Orang-Utan, die Art pygmaeus lebt auf Borneo), was auf malaysisch Waldmensch heißt; oder etwa Homo sapiens. Von der Gattung Homo ist nur eine heute noch lebende Art bekannt, diese kommt weltweit vor und lebt nicht nur im Amazonas-Regenwald, kann aber amazon(!)Rezensionen lesen. Carl von Linné soll dem Menschen die eigene Gattung Homo nur zugewiesen haben, um keinen Ärger mit dem Vatikan zu bekommen (so der renommierte Primatologe Frans de Waal in seinem Vorwort).
Da ist was dran. Die in diesem grandiosen Bildband auftretenden Wesen zu betrachten heißt auch, Wurzeln in uns selbst zu betrachten. Nicht nur, dass 98,5 Prozent unseres Erbguts mit dem der Schimpansen identisch ist. Auch einige Grundzüge unserer Verhaltensweisen dürften daraus abzuleiten sein, dass wir gemeinsame Vorfahren haben. Die Wissenschaften der Soziobiologie und der evolutionären Psychologie untersuchen solche Zusammenhänge und haben längst Nachdenkenswertes zu Tage gebracht. Wichtig ist dabei zu erkennen, dass diese evolutionären Zusammenhänge ein menschliches Verhalten erklären können. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir ein bestimmtes Verhalten unreflektiert rechtfertigen dürfen. Sonst müssten wir uns in der Tat fragen, was wir Menschen denn eigentlich mit unseren zusätzlichen grauen Falten unter der Schädeldecke machen.
Regenwald-Knigge und Familie.
Ingo Arndt führt uns in die Bergregenwälder des Karisimbi, der Heimat der letzten Berggorillas. Berggorillamänner zwingen die Weibchen nicht, im Harem zu bleiben. Die Weibchen wählen selbst, wem sie folgen. Gorillakinder spielten "Verstecken" mit dem Fotografen, wie Menschenkinder. Im Hochgebirge Äthiopiens sehen wir Dscheladas beim Grasen. Der Nachwuchs der Dscheladas schließt sich derweil in Kindergärten zusammen, keiner beklagt den Verfall der Dscheladafamilie. Vielleicht, weil hier die Weibchen das Sagen haben. Sie wissen ihre Kinder im Hort gut aufgehoben und können derweil dem beruflichen Grasen nachgehen.
Kulturelles.
Schimpansen sind in der Lage, einfache Werkzeuge herzustellen. Hier stochern sie mit einem umgewandelten Zweig nach Termiten. Wenn Kultur als "das über den Grundbedarf hinausgehende Potential" charakterisiert wird (Wikipedia), finden wir bei manchen Affen durchaus Vertrautes. Ein cleverer Japanmakake erfindet die Salzkartoffel und gibt die neue Esskultur an die Gruppe und die Nachkommen weiter. Überhaupt, die Japanmakaken! Japanmakaken baden genüsslich im schneebedeckten Hochgebirge in einer heißen Quelle, wie Familie Schultze in Bad Irgendwo. Ja, ja, mit Salzkartoffeln und Wellness im Dampfbad lässt sich ein (Affen)leben aushalten.
Schön.
Einige Bilder sind ausgesprochen schön. Ein Orang-Utan leuchtet im Gegenlicht im gold-rötlichem Strahlenkranz, ein Hanuman-Langure betrachtet den Sonnenuntergang. Aufreizend erotisch ist das hochrote Gesicht des Uakari-Männchens - für die Uakarifrau der Traummann (bei den Uakaris ist das ästhetische Empfinden deutlich anders ausgebildet als bei Menschen). Fürs Familienalbum haben sich die Geschöpfe auch porträtieren lassen. Erinnerungen an die nostalgischen Porträts um 1900 werden wach; gut, die Tiere haben wohl auch zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fotografen gesehen. Und händchenhaltend verewigt zu werden ist doch schön, oder?
Von 30 Gramm Mausmaki aus Madagaskar bis zu 270 Kilo Gorilla spannt sich das Affenleben. Der Bildband liegt mit 1.960 Gramm dazwischen. Damit ist es, als Buch, zweifellos gewichtig. Der Text des Menschenaffenkenners Fritz Jantschke gibt knappe Hintergrundinformationen über die gezeigten Affenarten. Die Bildlegenden bringen Ingo Arndts persönliche Note ein. Sie skizzieren die jeweilige Bildsituation oder den persönlichen Eindruck, den der Fotograf in diesem Augenblick hatte. Nicht immer ist klar, wer hier wen beobachtet. Und wir schauen uns in die Augen. Fast auf gleicher Ebene. Ingo Arndt gibt den Tieren Würde. Ein wunderbarer Bildband.