Stellen Sie sich vor, Sie wären einer der erfolgreichsten Musiker ihrer Zeit, hätten jedoch seit 12 Jahren kein Album mehr veröffentlicht. Die Musikszene hat ein Jahrzehnt durchlaufen – ohne Sie. Sie hätten sich die Messlatte selber so extrem hoch gelegt, dass ein Scheitern nahezu vorprogrammiert ist. Was würden Sie tun?
Die Antwort ist so einfach wie genial: Sie stehen über diesem Zwang und machen einfach das, wonach Ihnen ist und genau dadurch wird das ein voller Erfolg. Als Leitfaden für so ein Experiment würde ich Ihnen auf jeden Fall Kate Bushs neustes Werk „Aerial“ empfehlen.
Am ehesten kann man den gewandelten Stil des neuen Albums bezeichnen als eine Mischung aus Songs wie „Moments of Pleasure“, „The Sensual World“ und „And Dream of Sheep“. Extreme wie „Breathing“, „Sat in your Lap“ oder „Waking the Witch“ wird man auf diesen über 80 Minuten nicht finden. Häufig reduziert sich die instrumentale Besetzung auf Piano, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Alles ist ruhiger und entspannter geworden. Doch die musikalische Tiefe, die Kate Bush auf diesem Album erzeugt habe ich noch nie erlebt. Es ist fast schon erschreckend.
Ihr letztes Album „The Red Shoes“ (1993) klang an einigen Stellen gezwungen, sodass die Freude der fröhlichen Stücke aufgesetzt wirkte. Ohne Zweifel waren auch dort sehr schöne Stücke dabei („Moments of Pleasure“), doch die Klasse der früheren Alben wie „Hounds of Love“ erreichte es damit bei weitem nicht – selbst wenn „The Red Shoes“ in meinen Augen unterbewertet wurde.
Das ihr nun, nach einer so langen Pause nicht nur eine erfolgreiche Rückkehr gelungen ist, sondern sogar ein Album, dass das Potential hat, an ihr Meisterwerk HoL heranzureichen, hätte ich jedoch nicht vermutet.
Aber nun zum Album selber: „Aerial“ ist in zwei Hälften unterteilt, die mit „A sea of honey“ und „A sky of honey“ betitelt wurden. Der erste Teil besteht aus sieben einzelnen Stücken, die jedoch aufgrund ihrer Komplexität nicht unbedingt radiotauglich sein werden. Hier besingt sie unter anderem einen Waschgang, eine Unterwasserstadt, Elvis, ihren Sohn Bertie und – mit dem seltsamsten Song – die Zahl Pi: Hierbei besteht der Refrain aus den Ziffern der Zahl Pi, was darauf hinausläuft, das sie über mehrere Minuten nur Zahlen singt. Aber gerade das ist genial!
Doch bis dahin hat man die zweite Seite noch nicht gehört! Diese besteht eigentlich aus einem 42-minütigen Track, der in neun Teile unterteilt wurde. Man könnte sagen, dass dies der warme und ruhige Gegenpol zu „The Ninth Wave“ ist, dem Konzeptteil ihres Albums „Hounds of Love“.
Schon das einminütige „Prelude“ zeigt hier, warum Kate Bush auch jetzt noch zu den innovativsten Künstlerinnen gehört, die es gibt: Geschickt wird hier das Gurren einer Taube in den Rhythmus des Liedes verwoben, ehe das ganze in den nächsten Teil mündet. Alleine der Einsatz des Vogelzwitscherns, das immer wieder auftritt und Kates Gesang im Wechselspiel dazu ist einen Stern wert. Man könnte ewig weiter schwärmen ...
Bei dem riesigen Bedürfnis der Kate Bush Fans, ein neues Album in den Händen halten zu dürfen, hätte sie sich theoretisch alles erlauben dürfen. Viele Künstler in einer ähnlichen Position erlauben sich dann tatsächlich alles (zum Beispiel gab es da so einen genialen Mann, der mit Röhrenglocken, sogenannten „Tubular Bells“ vor dreißig Jahren noch wusste, wie man geniale Musik macht, das aber irgendwie im Laufe der Zeit zu vergessen haben scheint ...).
Bei Kate Bush muss man aber wirklich sagen, dass trotz der langen Auszeit nichts von ihrem Zauber verloren gegangen ist. Ihre Stimme klingt immer noch so eindrucksvoll wie auf ihren früheren Alben (wenn auch nicht mehr so hoch). Die Songstrukturen sind so komplex wie nie und bei vielen Stücken dominiert neben ihrer Stimme wieder das dezente Piano - was wirklich eine ihrer Stärken ist. Da computererzeugte Sounds bedacht eingesetzt wurden, unterstützen sie ihren Stil, statt ihn zu stören (was bei vielen anderen Künstlern heutzutage der Fall ist).
Was man hier zu hören bekommt, ist mit „The Dreaming“ und „Hounds of Love“ das Beste, was man je von ihr zu hören bekam und zeigt, dass Kate es einfach immer noch "drauf hat".
Dies ist definitiv das Album des Jahres 2005 und bekommt verdientermaßen nicht nur eine Kaufempfehlung für alle (nicht nur Fans), sondern auch volle 5 Sterne von mir!