Vergil dichtete die ÄNEIS im Auftrag des Kaisers Augustus, der ihn bat, ein römisches National-Epos zu schreiben. Der Dichter kam dieser Aufgabe - trotz der überlieferten Selbstzweifel, die soweit gingen, daß er sein Werk vernichten wollte - meisterhaft nach. Vergil zog für seine Dichtung Homers ILIAS und ODYSSEE zwar heran, aber es handelt sich bei seinem Werk nicht um eine wertlose Nachbildung, sondern im Gegenteil um eine Fortsetzung der Kämpfe um Troja. Äneas selbst wird bereits in der ILIAS mehrmals erwähnt, und die ÄNEIS setzt an dem Punkt ein, wo Troja durch eine List des Odysseus (hölzernes Pferd!) eingenommen und zerstört wird, führt die ILIAS also zu Ende. Der Held ist "Äneas pius", ein trojanischer Prinz, Sohn der Göttin Venus und eines Sterblichen, der von den Göttern die Aufgabe bekommt, Rom zu gründen und diesem Auftrag beharrlich nachkommt. Er verzichtet deshalb auf seine Liebe zu der Karthagerkönigin Dido. Während Äneas mit Bedauern, aber ohne Auflehnung den Willen der Götter erfüllt, ist Dido diesem Verlust nicht gewachsen und begeht Selbstmord.* - Äneas wird in der Unterwelt von der Sybille von Cumae der Verlauf der späteren römischen Geschichte geweissagt, aber er selbst soll die Stadt nicht sehen. Der Schild passend zu der Rüstung, die für Äneas im Auftrag seiner Mutter Venus geschmiedet wird, enthält ebenfalls Episoden aus der römischen Geschichte. In diesem Zusammenhang hat Vergils Dichtung eine weiterführende Perspektive als die Dichtungen unter dem Namen Homers, weil hier die Einbindung des Einzelnen in die Gemeinschadft und die persönliche Verantwortung von Fürsten und Heerführern in den Mittelpunkt gerückt wird, nicht nur das mehr oder minder private Wollen von Mitgliedern der Oberschicht. - In der Dichtung steht Äneas hauptsächlich für die römischen Tugenden Tapferkeit, Ausdauer, Gehorsam gegenüber den Göttern und Verantwortung für sein Volk, dem auch persönliche Wünsche untergeordnet werden. Vergil ist es gelungen, Äneas und die anderen Figuren der Handlung als lebendige Menschen mit Gefühlen, mit Fehlern und Vorzügen darzustellen und so ein farbiges Epos zu schaffen.
(* Henry Purcell verarbeitete diese tragische Liebesgeschichte in seiner Oper "Dido und Äneas", und Hector Berlioz griff den Stoff in seiner Oper "Die Trojaner" auf.)