Es ist für einen "Lateiner" immer wieder eine Erhebung, die Aeneis in der ursprünglichen Sprache zu lesen (zu hören!): "Arma virumque cano,..." und schon sieht man sich wieder mitten im alten Schulsaal, hört die Stimme des rezitierenden Lehrers und riecht den geölten Holzboden. Es riecht geradezu nach Einflußnahme ( speziell in dieser Ausgabe "Aschendorff" ), man schnuppert direkt den etwas öligen Geruch ( will sagen: humanistischen Geist, wie er eigentlich nicht sein sollte! ).
Was habe ich zu bemängeln ? Da ist zum einen das Geleitwort von Franz Beckmann, der schreibt: "Die Frühform christlicher Gläubigkeit gehört noch in die Antike-gleichsam als deren Lösung-" . Das heißt doch, daß christlicher Glaube in der Antike als Lösung vorliegt, man müßte ihn also nur ( aus dem Lösungszustand ) herauskristallisieren ? Und August Vezin erlaubt sich sogar in der Einleitung die Meinung, daß Vergil in seiner IV. Ekloge mit der Erwähnung eines kommenden Kindes wohl schon der allgemeinen Erwartung der Zeit ( Zeitenwende, neues Aeon! ) entsprochen hätte, sich gegen eine Deutung in christlicher Hinsicht aber "nichts Schickliches einwenden lasse(n)". Dazu ist einfach nur zu bemerken, daß Vergil etwa 7O Jahre vor der Geburt Jesu geboren wurde und die neuesten Forschungen gerade das Gegenteil behaupten.
Wie dem auch sei, die Aeneis ist nach wie vor ein unglaublich spannendes Epos, es bespricht (besingt !) die Entwicklung Roms über Aeneas bis hin zu Augustus und ist als Huldigung für eben denselben zu verstehen. Vergil hatte Augustus viel zu verdanken.
Gegenüber Homer, den er weitaus mehr als nur "imitiert" ( gut, den Hexameter zugegeben! ), bringt er durchaus mehr plastische, also epische Breite und Dramatik. Das Volk von Rom ist kriegerisch u n d fromm und wird der Wahrsagung nach ewig über die Erde herrschen. Das hat sich Rom zu Herzen genommen, meint man, und es ist gar zu spüren bis heute ( weit über das "Heilige römische Reich, deutscher Nation" hinaus ! ) bis hin zu der heute zählenden Weltmacht, die auch ein Capitol besitzt. Ein lesenswertes Epos für alle, die an Geschichtlichem interessiert sind.