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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
33 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Von der Korruption der Sprache,
Von Timon Jakli (Eisenstadt, Österreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Adressat unbekannt (Taschenbuch)
Kressman Taylors 1938 erstmals veröffentlichter Text „Adressat unbekannt" lässt sich wohl schwer mit herkömmlichen literarischen Kriterien festmachen. Als unkommentierter Briefwechsel abgefasst, zusammengesetzt aus 19 fiktiven Briefen, zieht das Buch den Leser sogleich in seinen Bann. Die Unmittelbarkeit und nicht weniger die Unerhörtheit des Gelesenen verleiht dem Text fast novellistische Züge. Und obwohl der Text selbst nur 44 Seiten beansprucht, schafft es Taylor einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser veranlasst, von Brief zu Brief immer gespannter weiterzulesen.Der Plot sei schnell erzählt: 2 Geschäftspartner - ein Jude und ein Deutscher - betreiben in den USA eine gutgehende Galerie. Sie haben mit ihren Geschäften Erfolg und ergänzen einander in ihrem Tun. 1932 entscheidet sich Martin, der Deutsche, zum Wohle seiner Familie auszuwandern, noch ohne antijüdische Ressentiments zu zeigen, aber schon geprägt von der nationalbetonten Stimmung dieser Zeit. Die beiden Freunde bleiben brieflich in Kontakt, es folgen zahlreiche Briefe teils geschäftlichen, teils privaten Inhalts; in der Tat scheint ihre Freundschaft nicht unter der räumlichen Trennung zu leiden. Doch dann macht sich in den Briefen Martins immer mehr nazistisches Gedankengut bemerkbar, er bekleidet mittlerweile ein politisches Amt und ist dabei, gesellschaftlich aufzusteigen. Anfangs appelliert Max, der jüdische Deutsche, noch an ihre alte Freundschaft und an die Verbindung zwischen ihnen. Doch dann kommt es zur Katastrophe, als Martin sich am Tod von Maxens Schwester, die trotz der schwierigen Zeit als Schauspielerin in Deutschland lebt, mitschuldig macht. Und eben in diesem Moment setzt das Ungewöhnliche Ereignis ein, das eine Art literarische Singularität bildet: Der Jude Max beginnt sich zu rächen. Neben der fesselnden Geschichte zweier Freunde ist der Text aber vor allem deshalb wertvoll, weil er auf einer Metaebene die gesellschaftlichen und interpersonellen Konflikte nochmals reflektiert: Auf der Sprachebene. In der Tat lässt sich durch die 19 Briefe hindurch an der Sprache Martins eine stete Korruption seines Gedankengutes durch den Nationalsozialismus konstatieren. Begrüßt er seinen Freund anfangs noch mit „lieber alter Max", so stockt einem der Atem als er 1933 seine Briefe bereits mit „Heil Hitler!" einleitet. Auch dieser Aspekt mag Kressman Taylors feinsinniges Gespür für Menschen und Gesellschaft widerspiegeln. Als einziger Wermutstropfen präsentiert sich die Gerafftheit des Textes, die gewisse Vorgänge und Entwicklungen als zu simpel erscheinen lässt. Aber gerade die Darstellungsweise Taylors, die nur einzelne Briefe mit teils längerem Abstand präsentiert, lässt den Leser nach den Entwicklungen dahinter fragen und beleuchtet das Thema Nationalsozialismus von einer ungewohnt neuen Seite. Obzwar das Buch 60 Jahre in Vergessenheit geraten war, erkennt der Leser seine Aktualität sehr schnell: Die Korruption durch rassistisches, fremdenfeindliches oder neonazistisches Gedankengut geht langsam und in kleinen Schritten vonstatten, aber das Ergebnis ist verheerend. Insofern kann Kressman Taylors Text auch als Manifest gegen die Korruption des Einzelnen gelesen werden, gegen das schrittweise Zulassen rechten Gedankenguts. Gerade dieser kleine Text könnte als Lektüre für Schulklassen dienen, um fächerübergreifend (Deutsch/Geschichte) Aspekte totalitären Denkens zu untersuchen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Interessant konstruiert,
Von xyz-gjw (Austria) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Adressat unbekannt (Taschenbuch)
Ein schmales Buechlein von kaum 50 Seiten, das man in zwei Stunden durch hat. Ein Briefwechsel aus den Jahren 1933/34 zwischen einem amerikanischen Juden und einem Deutschen, die durch lange Freundschaft, durch private Beziehungen und Geschaeftsbeziehungen mit einander verbunden sind.Eine Geschichte mit Konflikt, Verrat, und Rache. Ausgezeichnet konstruiert und interessant zu lesen. WARNUNG: Das Vorwort von Frau Heidenreich nimmt die Pointe des Buches vorweg (!!!). Auf keinen Fall vor dem Haupttext lesen!!! (Und dieses Vorwort ist noch dazu so unsaeglich schlecht geschrieben, dass man es sich auch nach dem Lesen des Haupttextes sparen sollte.) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
26 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wirklich und atemberaubend,
Rezension bezieht sich auf: Adressat unbekannt (Taschenbuch)
Wer diesen fiktiven Briefwechsel als konstruiert oder zu wenig literarisch beurteilt, hat das Büchlein nicht verstanden. Es geht nicht um goetheanische Sprachvielfalt, sondern um einen "gewöhnlichen" Briefwechsel Ende der 30-er Jahre. Gerade diese anfängliche Gewöhnlichkeit macht die Dynamik des Buches aus. Bis auf den Schluss, der eine zynische Pointe enthält, die einem das Sieger-Lächeln gefrieren lässt, ist ja gerade dies das Erschreckende: genau so ist es wohl tausdenfach passiert. Anders ist das dritte Reich auch nicht annähernd erklärbar.Ich habe das Buch das erste mal in einer Lesung erlebt und konnte bei mir selbst und ca. 70 Zuhörern erleben, wie die erste Heiterkeit über Plaudereien in den Briefen zunächst ungläubigem Schrecken Platz machte und schließlich in bloßem Entsetzen endete. Am Ende Beifall zu klatschen war gänzlich unmöglich. Wir waren nicht nur berührt, sonder im Innersten erschüttert. Dies war einer der seltenen Abende, an denen wirklich tiefschürfende Gespräche jenseits der üblichen anonymen Intellektualisiererei statt fanden. Bestimmt zehn mal habe ich das Büchlein schon verschenkt und es gibt keinen, der sich nicht meldete, um seinen besonderen Dank für dieses in seiner Knappheit und Wirkung ungewöhnliche Buch auszudrücken. Allerdings katastrophal finde ich das zusammenfassende Vorwort von Elke Heidenreich. Katastrophal weil, wer es VOR der Lektüre des eigentlichen Textes liest, den Text schon nicht mehr lesen braucht. Der gesamte Verlauf inkl. Schluss wird vorweggenommen, und gerade darin liegt die erstaunliche (auch literarische) Stärke des Buches. Als Nachwort hätte Heidenreich ihren Platz gehabt. Insofern lege ich jedem Geschenk einen Zettel bei, der den potentiellen Leser dringlich darauf hinweist, ZUERST den eigentlichen Text zu lesen. Auch dafür bekomme ich regelmäßig Dank. Resümee: Bis auf letzteren Lektoren-Faux-Pas ein unglaubliches Büchlein, das trotz oder wegen seines persönlichen Anspruchs jeder verstehen kann und das zum Weiterdenken und -reden anregt. Wenn es sie gäbe, würde ich sechs Sterne vergeben! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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