Kressman Taylors 1938 erstmals veröffentlichter Text „Adressat unbekannt" lässt sich wohl schwer mit herkömmlichen literarischen Kriterien festmachen. Als unkommentierter Briefwechsel abgefasst, zusammengesetzt aus 19 fiktiven Briefen, zieht das Buch den Leser sogleich in seinen Bann. Die Unmittelbarkeit und nicht weniger die Unerhörtheit des Gelesenen verleiht dem Text fast novellistische Züge. Und obwohl der Text selbst nur 44 Seiten beansprucht, schafft es Taylor einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser veranlasst, von Brief zu Brief immer gespannter weiterzulesen.
Der Plot sei schnell erzählt: 2 Geschäftspartner - ein Jude und ein Deutscher - betreiben in den USA eine gutgehende Galerie. Sie haben mit ihren Geschäften Erfolg und ergänzen einander in ihrem Tun. 1932 entscheidet sich Martin, der Deutsche, zum Wohle seiner Familie auszuwandern, noch ohne antijüdische Ressentiments zu zeigen, aber schon geprägt von der nationalbetonten Stimmung dieser Zeit. Die beiden Freunde bleiben brieflich in Kontakt, es folgen zahlreiche Briefe teils geschäftlichen, teils privaten Inhalts; in der Tat scheint ihre Freundschaft nicht unter der räumlichen Trennung zu leiden. Doch dann macht sich in den Briefen Martins immer mehr nazistisches Gedankengut bemerkbar, er bekleidet mittlerweile ein politisches Amt und ist dabei, gesellschaftlich aufzusteigen. Anfangs appelliert Max, der jüdische Deutsche, noch an ihre alte Freundschaft und an die Verbindung zwischen ihnen. Doch dann kommt es zur Katastrophe, als Martin sich am Tod von Maxens Schwester, die trotz der schwierigen Zeit als Schauspielerin in Deutschland lebt, mitschuldig macht. Und eben in diesem Moment setzt das Ungewöhnliche Ereignis ein, das eine Art literarische Singularität bildet: Der Jude Max beginnt sich zu rächen.
Neben der fesselnden Geschichte zweier Freunde ist der Text aber vor allem deshalb wertvoll, weil er auf einer Metaebene die gesellschaftlichen und interpersonellen Konflikte nochmals reflektiert: Auf der Sprachebene. In der Tat lässt sich durch die 19 Briefe hindurch an der Sprache Martins eine stete Korruption seines Gedankengutes durch den Nationalsozialismus konstatieren. Begrüßt er seinen Freund anfangs noch mit „lieber alter Max", so stockt einem der Atem als er 1933 seine Briefe bereits mit „Heil Hitler!" einleitet. Auch dieser Aspekt mag Kressman Taylors feinsinniges Gespür für Menschen und Gesellschaft widerspiegeln.
Als einziger Wermutstropfen präsentiert sich die Gerafftheit des Textes, die gewisse Vorgänge und Entwicklungen als zu simpel erscheinen lässt. Aber gerade die Darstellungsweise Taylors, die nur einzelne Briefe mit teils längerem Abstand präsentiert, lässt den Leser nach den Entwicklungen dahinter fragen und beleuchtet das Thema Nationalsozialismus von einer ungewohnt neuen Seite.
Obzwar das Buch 60 Jahre in Vergessenheit geraten war, erkennt der Leser seine Aktualität sehr schnell: Die Korruption durch rassistisches, fremdenfeindliches oder neonazistisches Gedankengut geht langsam und in kleinen Schritten vonstatten, aber das Ergebnis ist verheerend. Insofern kann Kressman Taylors Text auch als Manifest gegen die Korruption des Einzelnen gelesen werden, gegen das schrittweise Zulassen rechten Gedankenguts.
Gerade dieser kleine Text könnte als Lektüre für Schulklassen dienen, um fächerübergreifend (Deutsch/Geschichte) Aspekte totalitären Denkens zu untersuchen.