Aus der Amazon.de-Redaktion
Als OLoughlin wegen des brutalen Mordes an einer früheren Patientin von der Polizei konsultiert wird, kommen alte ungute Erinnerungen hoch. Die junge Krankenschwester Catherine McBride, die zu Selbstverstümmelungen neigte, hatte damals Joes Hilfe gesucht und sich prompt in ihn verliebt. Nach seiner brüsken Zurechtweisung hatte Catherine sich gerächt und ihren Therapeuten des sexuellen Vergehens an ihr unter Hypnose bezichtigt. Schwer lastete damals der schlimme Verdacht auf Joseph OLoughlin. Auch heute macht Detective Inspector Ruiz kein Hehl aus seiner Meinung, wer Catherine ermordet haben könnte. Doch der routinierte Psychiater hat längst einen anderen im Visier: Bobby Moran, OLoughlins schärfster Problempatient, ein schwitzendes, fettes Riesenbaby, dessen Gewaltfantasien selbst den routinierten Joe erschauern lassen. Der schwer gestörte Bobby träumt neuerdings von Frauen und Messern!
Britische Leser jubelten unisono. Tatsächlich scheint Michael Robotham mit seinem Erstling eine Goldader erschlossen zu haben. Ein vor Sarkasmus und Ironie triefender Psychothriller und ein intelligenter Ich-Erzähler, der schwärzesten Galgenhumor pflegt -- eine Konstellation, von der man gerne mehr hören möchte. Was unser Professor indes gar nicht gerne hört, ist das Klicken der Handschellen, die Detective Ruiz ihm anlegt. Parkinson, Karriereknick, Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs, ein Psychiater unter Mordverdacht. Die Schlinge zieht sich enger um OLoughlins Hals und ein bitterböses Verwirrspiel beginnt! --Ravi Unger
Kurzbeschreibung
Ein packender Psychothriller über einen Therapeuten, der in die Fänge eines wahnsinnigen Killers gerät!
Klappentext
Times
"Starke Figuren und ein meisterhaft geführter Plot: 'Adrenalin' ist eine ungemein spannende Lektüre - und Robotham ein neuer Name, von dem wir einiges erwarten dürfen!"
The Sunday Telegraph
"Nervenzerreißend spannend!"
Mirror
Über den Autor
Auszug aus Adrenalin. Thriller von Michael Robotham, Kristian Lutze. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wenn man von dem schrägen Schieferdach des Royal Marsden Hospital zwischen Schornsteinen und Fernsehantennen hindurchblickt, sieht man noch mehr Schornsteine und Fernsehantennen. Es ist wie die Szene aus Mary Poppins, in der all die Schornsteinfeger mit wirbelnden Besen über die Dächer tanzen.
Von hier oben kann ich gerade noch die Kuppel der Royal Albert Hall ausmachen. An einem klaren Tag könnte ich wahrscheinlich bis Hampstead Heath gucken, obwohl ich bezweifle, dass die Luft in London je so klar wird.
»Schöner Ausblick«, sage ich und blicke zu dem Teenager, der gut drei Meter rechts neben mir kauert. Sein Name ist Malcolm und er wird heute siebzehn. Er ist groß und dünn, mit dunklen Augen, die unruhig hin- und herflackern, wenn er mich ansieht. Seine Haut ist weiß wie glänzendes Papier. Er trägt einen Schlafanzug und eine Wollmütze, um seinen kahlen Kopf zu verbergen. Chemotherapie ist ein brutaler Frisör.
Es ist drei Grad über Null, aber der eisige Wind drückt die Temperatur unter den Gefrierpunkt. Meine Finger sind schon taub, und ich kann meine Zehen in den Socken und Schuhen kaum noch spüren. Malcolms Füße sind nackt.
Ich kann ihn nicht erreichen, wenn er springt oder fällt. Selbst wenn ich mich strecke und auf die Regenrinne stütze, fehlen mir immer noch zwei Meter, um ihn aufzufangen. Das weiß er. Er hat alles genau berechnet. Sein Onkologe sagt, Malcolm hat einen überdurchschnittlichen IQ. Er spielt Geige und spricht fünf Sprachen - aber in keiner mit mir.
Seit einer Stunde stelle ich ihm Fragen und erzähle ihm Geschichten. Ich weiß, dass er mich hört, aber meine Stimme ist nur ein Geräusch im Hintergrund. Er konzentriert sich auf seinen eigenen inneren Dialog und debattiert die Frage, ob er leben oder sterben soll. Ich würde gern an der Debatte teilnehmen, aber dazu brauche ich eine Einladung.
Der National Health Service hat eine ganze Latte von Richtlinien für den Umgang mit Geiselnahmen und angedrohten Selbstmorden. Ein Krisenstab ist gebildet worden, bestehend aus leitenden Ärzten des Krankenhauses, Polizisten und einem Psychologen - mir. Zunächst haben wir uns bemüht, alles über Malcolm in Erfahrung zu bringen, was uns dabei helfen könnte zu verstehen, was ihn zu diesem Punkt getrieben hat. Ärzte, Schwestern und Patienten sowie Freunde und Verwandte werden befragt.
Der erste Verhandlungskontakt ist der entscheidende Punkt des Einsatzes. Alles hängt an mir. Deswegen bin ich hier draußen und friere mir Hände und Füße ab, während die anderen drinnen Kaffee trinken, das Personal befragen und Flipcharts betrachten.
Was weiß ich über Malcolm? Er hat einen primären Hirntumor im rechten posterioren Schläfenbereich, gefährlich nahe an seinem Hirnstamm, der zu einer teilweisen linksseitigen Lähmung und Taubheit auf dem linken Ohr geführt hat. Er ist in der zweiten Woche seines zweiten Zyklus der Chemotherapie.
Heute Morgen haben ihn seine Eltern besucht. Der Onkologe hatte gute Nachrichten. Malcolms Tumor schien zu schrumpfen. Eine Stunde später schrieb er eine aus drei Wörtern bestehende Nachricht: »Tut mir Leid.« Er verließ sein Zimmer und krabbelte durch ein Gaubenfenster im vierten Stock auf das Dach. Irgendjemand musste vergessen haben, es abzuschließen, oder Malcolm hatte einen Weg gefunden, es zu öffnen.
Das ist es - die Summe meines Wissens über einen Jugendlichen, der sehr viel mehr zu bieten hat als die meisten Kinder seines Alters. Ich weiß nicht, ob er eine Freundin hat, einen Lieblingsfußballverein oder einen Leinwandhelden. Ich weiß mehr über seine Krankheit als über ihn. Deswegen hänge ich in der Luft.
Der Sicherheitsgurt unter meinem Pullover ist unbequem. Er sieht aus wie die Dinger, die Eltern ihren Kleinkindern anschnallen, damit sie nicht weglaufen. In diesem Fall soll er mich retten, falls ich abstürze, sofern jemand daran gedacht hat, das andere Ende irgendwo zu befestigen. Es klingt vielleicht lächerlich, aber solche Details werden in einer Krisensituation manchmal vergessen. Vielleicht sollte ich zum Fenster zurückkriechen und jemanden bitten nachzusehen. Wäre das unprofessionell? Ja. Vernünftig? Noch mal ja.
Das Dach ist mit Taubenkot gesprenkelt, und die Schieferziegel sind mit Flechten und Moos bedeckt. Es sieht aus wie versteinerte Pflanzen, doch es ist glatt und tückisch.
»Das ist wahrscheinlich egal, Malcolm, aber ich glaube, ich kann mir ein bisschen vorstellen, wie du dich fühlst«, sage ich in einem weiteren Versuch, ihn zu erreichen. »Ich habe auch eine Krankheit. Ich behaupte nicht, dass es Krebs wäre. Das ist es nicht. Und solche Vergleiche sind so, als würde man Äpfel und Birnen durcheinander schmeißen, aber es ist immerhin beides Obst, oder?«
Der Empfänger in meinem rechten Ohr fängt an zu knacken. »Was in Gottes Namen machen Sie da?«, fragt eine Stimme. »Hören Sie auf über Obstsalat zu quatschen, und holen Sie ihn rein!«
Ich nehme den Ohrhörer heraus und lasse ihn über meine Schulter baumeln.
»Die Leute sagen immer: »Es wird gut. Es kommt schon alles wieder in Ordnung«, du kennst das ja. Das sagen sie, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll, Malcolm. Ich weiß nicht mal, welche Fragen ich stellen soll.
Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit der Krankheit eines anderen umgehen sollen. Leider gibt es kein Benimmbuch oder eine Liste von Dingen, die man tun und lassen soll. Entweder kriegt man diesen wässrigen »Ich ertrag das nicht, ich fang gleich an zu heulen«-Blick oder krampfhafte Fröhlichkeit und Kopf-hoch-Reden. Die andere Möglichkeit ist komplette Verdrängung.«
Malcolm hat nicht geantwortet. Er starrt über die Dächer, als würde er aus einem winzigen Fenster hoch oben im grauen Himmel schauen. Sein Pyjama ist dünn und weiß mit einer gestickten blauen Borte an Kragen und Ärmeln.
Zwischen meinen Knien sehe ich drei Feuerwehrautos und ein halbes Dutzend Streifenwagen. Eines der Feuerwehrautos hat eine ausfahrbare Leiter auf einer Drehscheibe. Ich habe sie bis jetzt nicht groß beachtet, aber nun sehe ich, wie sie sich langsam dreht und nach oben ausgefahren wird. Warum tun sie das? Im selben Moment strafft Malcolm die Schulter gegen das Schrägdach und erhebt sich. Er hockt auf der Dachkante, die Zehen über der Regenrinne, wie ein Vogel auf einem Zweig.
Ich höre jemanden schreien und merke, dass ich es selber bin. Wild gestikulierend bedeute ich ihnen, die Leiter herunterzufahren. Ich sehe aus wie der Selbstmordspringer, während Malcolm vollkommen ruhig wirkt.
Ich taste nach meinem Ohrhörer und höre das Getöse drinnen. Der Krisenstab brüllt den leitenden Feuerwehrmann an, der seinen Stellvertreter anbrüllt, der irgendjemand anderen anbrüllt.
»Tu's nicht, Malcom! Warte!« Ich klinge verzweifelt. »Siehst du die Leiter? Sie wird heruntergefahren. Siehst du? Sie wird heruntergefahren.« In meinen Ohren rauscht das Blut. Er bleibt am Rand des Daches hocken, krallt seine Zehen fest und entspannt sie wieder. Im Profil erkenne ich, wie seine langen dunklen Wimpern langsam blinzeln. In seiner schmalen Brust pocht sein Herz wie das eines Vogels.
»Siehst du den Feuerwehrmann mit dem roten Helm?«, frage ich, um in seine Gedanken zu dringen. »Den mit all den Messingknöpfen auf den Schultern. Was meinst du, wie stehen meine Chancen, ihm von hier aus auf den Helm zu spucken?«
Für den Bruchteil einer Sekunde blickt Malcolm nach unten. Es ist das erste Mal, dass er irgendetwas zur Kenntnis nimmt, was ich gesagt oder getan habe. Die Tür ist einen Spalt weit aufgegangen.
»Manche Leute spucken gern Kirsch- oder Wassermelonenkerne. In Afrika spucken sie mit Dung, was ziemlich eklig ist. Ich habe irgendwo gelesen, dass der Weltrekord in Kudu-Dung-Spucken bei etwa zehn Meter liegt. Ich glaube, Kudus sind eine Antilopenart, aber die Hand ins Feuer legen würde ich dafür nicht. Mir ist gute altmodische Spucke lieber, und es geht nicht um Weite, sondern um Zielgenauigkeit.«
Er sieht mich jetzt an. Mit einem Zucken meines Kopfes schicke ich einen schaumigen weißen Knubbel im hohen Bogen auf den Weg nach unten. Er wird vom Wind erfasst, nach rechts abgetrieben und landet auf der Windschutzscheibe eines Streifenwagens. Schweigend sehe ich ihm nach und frage mich, was ich falsch gemacht habe.
»Sie haben den Wind nicht einkalkuliert«, sagt Malcolm.
Ich nicke weise und beachte ihn kaum, aber dort, wo ich noch nicht erfroren bin, spüre ich ein warmes Glühen in mir. »Stimmt. Zwischen diesen Gebäuden entsteht ein ziemlicher Windkanal.«
»Billige Ausreden.«
»Na, du hast es bisher ja noch gar nicht versucht.«
Er blickt nach unten und denkt darüber nach. Er schlingt seine Arme um die Knie, als wollte er sich warm halten. Das ist ein gutes Zeichen.
Einen Moment später segelt ein Spuckekügelchen in einem weiten Bogen nach unten. Gemeinsam sehen wir ihm nach, als wollten wir es mit schierer Willenskraft zwingen, auf Kurs zu bleiben. Es trifft einen Fernsehreporter direkt zwischen die Augen, und Malcolm und ich stöhnen harmonisch auf.
Mein nächster Schuss landet harmlos auf der Treppe vor dem Gebäude. Malcolm fragt, ob er das Ziel ändern kann. Er will noch mal den Fernsehreporter treffen.
»Schade, dass wir keine Wasserbomben haben«, sagt er und stützt das Kinn auf ein Knie.
»Wenn du auf irgendwen auf der Welt eine Wasserbombe werfen könntest, wer wäre das?«
»Meine Eltern.«
»Warum?«
»Ich will nicht noch mal Chemo kriegen. Mir reicht's.« Er führt das nicht weiter aus, und das ist auch nicht nötig. Es gibt nicht viele Behandlungen mit schlimmeren Nebenwirkungen als Chemotherapie. Das Erbrechen, die Übelkeit, die Verstopfung, die Anämie und die schier überwältigende Erschöpfung können unerträglich sein.
»Was sagt dein Onkologe?«
»Er sagt, der Tumor schrumpft.«
»Das ist gut.«
Er lacht bitter. »Das haben sie beim letzten Mal auch gesagt. In Wahrheit jagen sie dem Krebs bloß durch meinen ganzen Körper hinterher. Er geht nicht weg. Er findet bloß ein Versteck. Sie sprechen auch nie von Heilung, sie sprechen von Remission. Manchmal reden sie auch gar nicht mit mir, sondern flüstern bloß mit meinen Eltern.« Er beißt sich auf die Unterlippe, und ein rotes Mal entsteht, wo das Blut in die Kerbe fließt.
»Mom und Dad denken, dass ich Angst vorm Sterben hätte, aber ich habe keine Angst. Sie sollten ein paar von den anderen Kindern hier sehen. Ich hatte wenigstens ein Leben. Noch fünfzig Jahre mehr wären nett, aber ich habe wie gesagt keine Angst.«
»Wie viele Chemozyklen sind es noch?«
»Sechs. Und dann warten wir ab und sehen weiter. Ich hab nichts dagegen, dass mir die Haare ausfallen. Eine Menge Fußballer rasieren sich den Kopf kahl. David Beckham zum Beispiel; er ist ein Wichser, aber ein verdammt guter Spieler. Keine Augenbrauen zu haben ist allerdings ziemlich bitter.«
»Ich habe gehört, Beckham lässt sich seine zupfen.«
»Von Posh?«
»Ja.«
Das entlockt ihm beinahe ein Lächeln. In der nachfolgenden Stille höre ich Malcolms Zähne klappern.
»Wenn die Chemo nicht wirkt, werden meine Eltern den Ärzten sagen, sie sollen es weiter versuchen. Sie werden mich nie gehen lassen.«
»Du bist alt genug, selbst zu entscheiden.«
»Versuchen Sie mal, denen das zu erklären.«
»Das mache ich, wenn du es willst.«
Er schüttelt den Kopf, und ich sehe die Tränen, die ihm in die Augen schießen. Er versucht, sie zu unterdrücken, doch sie quellen in dicken Tropfen unter seinen langen Wimpern hervor, die er mit dem Unterarm wegwischt.
»Gibt es jemanden, mit dem du reden kannst?«
»Ich mag eine der Krankenschwestern. Sie war echt nett zu mir.«
»Ist sie deine Freundin?«
Er wird rot. Bei seiner Blässe sieht es aus, als würde sein Kopf voll Blut laufen.
»Warum kommst du nicht mit rein und wir reden drinnen weiter? Ich kann keine Spucke mehr sammeln, wenn ich nicht einen Schluck zu trinken kriege.«
Er antwortet nicht, aber ich sehe, dass seine Schultern sacken. Er lauscht wieder seinem inneren Dialog.
»Ich habe eine achtjährige Tochter, die Charlie heißt«, sage ich, um ihn zu halten. »Ich weiß noch, wie wir, als sie vier war, zusammen im Park waren, und auf dem Spielplatz habe ich sie auf der Schaukel angeschubst. Und sie hat zu mir gesagt: »Daddy, weißt du, wenn man die Augen ganz fest zumacht, bis man weiße Sterne sieht, und dann hinterher wieder auf, ist die Welt ganz neu.« Netter Gedanke, findest du nicht?«
»Aber es ist nicht wahr.«
»Es kann wahr sein.«
»Nur, wenn man so tut als ob.«
»Warum nicht? Was hält dich davon ab? Die Leute finden es leicht, zynisch und pessimistisch zu sein, dabei ist das unglaublich harte Arbeit. Es ist viel leichter, optimistisch zu sein.«
»Ich habe einen inoperablen Hirntumor«, sagt er ungläubig.
»Ja, ich weiß.«
Ich frage mich, ob meine Worte in Malcolms Ohren genauso hohl klingen wie in meinen. Früher habe ich diesen Kram geglaubt. In zehn Tagen kann sich viel ändern.
Malcolm unterbricht meine Gedanken. »Sind Sie Arzt?«
»Psychologe.«
»Sagen Sie mir noch mal, warum ich herunterkommen soll?«
»Weil es hier oben kalt ist und gefährlich und ich gesehen habe, wie Menschen aussehen, nachdem sie von hohen Gebäuden gestürzt sind. Komm rein. Zum Aufwärmen.«
Er blickt auf den Rummel aus Krankenwagen, Feuerwehrautos, Streifenwagen und Fernseh-Übertragungswagen hinab.
»Ich hab den Spuckwettbewerb gewonnen.«
»Ja, hast du.«
»Und Sie reden mit Mum und Dad?«
»Auf jeden Fall.«
Er versucht aufzustehen, doch seine Beine sind kalt und steif. Wegen seiner linksseitigen Lähmung kann er seinen Arm nicht benutzen. Um sich nach oben zu hangeln, braucht er aber beide Arme.
»Bleib einfach, wo du bist. Ich sag denen, dass sie eine Leiter hochfahren sollen.«
»Nein!«, erwidert er drängend, und ich sehe seinen Gesichtsausdruck. Er will nicht im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras und unter den Fragen der Reporter heruntergeholt werden.
»Okay, dann komme ich zu dir.« Ich bin erstaunt, wie mutig das klingt. Ich rutsche vorsichtig auf dem Hintern seitwärts, weil ich zu viel Angst habe aufzustehen. Ich habe meinen Sicherheitsgurt nicht vergessen, bin jedoch nach wie vor nicht überzeugt, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, ihn zu befestigen.
Während ich mich auf der Regenrinne vortaste, schießen mir lauter Bilder durch den Kopf, was alles schief gehen könnte. Wenn dies ein Hollywoodfilm wäre, würde Malcolm im letzten Moment ausrutschen und ich würde ihn mit einem Hechtsprung auffangen. Entweder das oder ich würde fallen und er würde mich retten.
Andererseits könnten wir - weil dies das wirkliche Leben ist - beide umkommen oder Malcolm könnte überleben, und ich könnte als rettender Fänger selbst in den Tod stürzen.
Obwohl er sich nicht bewegt hat, sehe ich in Malcolms Blick ein neues Gefühl. Vor ein paar Minuten war er, ohne einen Moment zu zögern, bereit, von diesem Dach zu springen. Jetzt will er leben, und das Nichts unter seinen Füßen ist zum Abgrund geworden.
Der amerikanische Philosoph William James (ein heimlicher Phobiker) hat 1884 einen Artikel geschrieben, in dem er über das Wesen der Angst sinniert. Als Beispiel wählte er einen Menschen, der einem Bären begegnet. Ergreift der Mensch die Flucht, weil er Angst hat, oder bekommt er erst Angst, nachdem er bereits zu rennen begonnen hat? Mit anderen Worten, hat ein Mensch Zeit genug zu denken, dass irgendetwas beängstigend ist, oder geht die Reaktion dem Gedanken voraus?
Seither drehen sich Wissenschaftler und Psychologen in einer Art Huhn-oder-Ei-Kontroverse im Kreis. Was kommt zuerst - das bewusste Empfinden von Angst oder das pochende Herz und das ausgeschüttete Adrenalin, das uns motiviert, zu kämpfen oder zu fliehen?
Jetzt weiß ich die Antwort, aber vor lauter Angst habe ich die Frage vergessen.
Ich bin nur noch ein paar Schritte von Malcolm entfernt. Seine Wangen sind blau angelaufen, und er hat aufgehört zu zittern. Ich drücke meinen Rücken an die Mauer, schiebe ein Bein unter meinen Hintern und drücke meinen Oberkörper nach oben, bis ich aufrecht stehe.
Für einen Moment betrachtet Malcolm meine ausgestreckte Hand und greift dann langsam danach. Ich packe sein Handgelenk und ziehe ihn nach oben, bis ich meinen Arm um seine schlanke Hüfte legen kann. Seine Haut fühlt sich an wie Eis.
Man kann den Sicherheitsgurt vorne aufschnallen und die Riemen verlängern. Ich ziehe sie um seine Hüfte und wieder durch die Schnalle, sodass wir jetzt aneinander gebunden sind. Seine Wollmütze schabt rau an meiner Wange.
»Was soll ich machen?«, fragt er mit brüchiger Stimme.
»Du kannst beten, dass das andere Ende irgendwo festgebunden ist.«
2
Auf dem Dach des Marsden Hospital war ich wahrscheinlich sicherer als zu Hause mit Julianne. Ich weiß nicht mehr genau, wie sie mich genannt hat, aber ich glaube, dass sie die Worte unverantwortlich, fahrlässig, achtlos, unreif und als Vater unfähig benutzt hat. Das war, nachdem sie mit einer Ausgabe der Marie Claire auf mich eingeschlagen und mir das Versprechen abgerungen hat, nie wieder etwas derart Dummes zu tun.