Mustererkennung
***Zu den Autoren***
Die Atlantic Systems Guild (http://www.systemsguild.com) ist eine Vereinigung unabhängiger, international bekannter Berater, die sich - gleich den Handwerksgilden des Mittelalters - lose zusammengeschlossen haben, um sich über die als gemeinsam erkannten Ziele und Wertvorstellungen auszutauschen und diese voranzutreiben. Das Buch ist eine Gemeinschaftsarbeit der sechs zum Entstehungszeitpunkt benannten Prinzipale.
***Zum Buch***
Ausgangspunkt des Buchs ist die Überlegung, dass viele Menschen, die in Projekten arbeiten, mit bestimmten Verhaltensweisen oder Zuständen in ihrem Unternehmen konfrontiert werden und diese als Muster zwar intuitiv erkennen, aber nicht verbalisieren können.
Hier setzen die Autoren an: Die für sie wichtigsten Muster, die sie in den (laut eigenen Aussagen) zusammengefassten 150 Jahren an Projekterfahrung in der Softwarebranche entdeckten, in leicht lesbare Sätze und einprägsame Schlagworte zu fassen und mit eingänglichen Abbildungen zu untermalen.
Dabei verweisen sie ausdrücklich auf das Werk Christopher Alexanders, dessen Einfluss (v.a. durch "A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction") insbesondere in der IT-Welt nicht hoch genug eingestuft werden kann, was auch durch dieses Buch wieder bestätigt wird: 86 "Muster" werden hier beschrieben, wobei überwiegend erst ein Muster dargestellt und anschließend diskutiert wird. Persönliche Erlebnisberichte und Querverweise ergänzen die Darstellungen.
***Muster der Muster?***
Im Vergleich zu den Büchern Alexanders (oder auch zu Eric Bernes "Games People Play", dt. "Spiele der Erwachsenen", das elementare kommunikative Muster untersucht und einer Wiederentdeckung harrt) oder des Gang-of-Four-Buchs und seiner Nachfolger, fehlt diesem Buch etwas ganz Elementares: Struktur.
Die erwähnten Muster beziehen sich mal auf die Frage, wie sich Teams bilden können und was sie erfolgreich macht, mal, was daran falsch ist, sich sklavisch an Vorgehensmodelle oder Tools zu halten, mal wie man erkennt, ob das eigene Unternehmen noch "gesund" ist oder man besser kündigen sollte. Mal ist das Dargestellte ein Gegenmuster ("Antipattern", also ein Beispiel, um darzustellen: so macht man es besser nicht), mal eher eine bloße Feststellung, wie etwa, dass viele IT-Mitarbeiter musikalisch sind.
Um nicht missverstanden zu werden: Jedes einzelne "Muster" ist exzellent analysiert und dargestellt und dürfte, wenn auch nur einmal in einem Projekt erfolgreich angewendet, weit mehr wert sein als der Anschaffungspreis des ganzen Buchs. Es macht Spaß, das Buch zu lesen.
Aber es macht keinen Spaß, in dem Buch etwas zu suchen, es als "Vademecum" im Projektalltag zu verwenden. Dazu trägt zum einen bei, dass als Register lediglich ein Register der Abbildungen und ein alphabetisches Verzeichnis der Muster vorhanden sind, aber kein Stichwörterverzeichnis und dass Literaturverweise in der Marginalienspalte und Fußnoten auftauchen, aber nicht zusammengefasst wurden. Zum anderen fehlt eine Zuordnung der Muster zu Themenbereichen, die das Auffinden leichter machte und eine thematisch zusammenhängende Lektüre ermöglichte.
Auch wenn es sich "nur" um knapp neunzig Muster handelt und einige sich schon beim ersten Lesen unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt haben mögen, dürfte dies nicht für das gesamte Buch gelten, außer für weit überdurchschnittlich erinnernde Leser.
Persönlich hätte ich mir eine Neuauflage von "Peopleware", dt. "Wien wartet auf Dich", gewünscht, in das die Muster eingearbeitet worden wären (ggf. als Anhang), da dieses Buch einen guten thematischen Rahmen für alle 86 Muster bildete (und auch für die bedauerlicherweise nicht publizierten Muster, die unter "Ein Blick in den Schneideraum" aufgeführt werden).
Oder eine Veröffentlichung als Blog/Wiki, bei dem die Muster "getagged" wären, also mit Schlagwörtern versehen.
***Wer sollte dieses Buch lesen?***
Jeder, der in (IT-)Projekten arbeitet, kann dieses Buch nutzbringend lesen, selbst wenn es nur bestätigte, dass sie/er für ein perfektes Unternehmen arbeitet und durch diese Erkenntnis ihre/sein Elitebewusstsein gestärkt würde.
Besonders interessant ist das Buch aber für Mitarbeiter mittelgroßer (ab ~150 Mitarbeitern) und großer Unternehmen, da hier die Wahrscheinlichkeit wächst, dass durch "Politik" (d.h. Machtwillen im Nietzeschen Sinn) oder einfach nur Ignoranz Probleme entstehen, denen wirksam mit Hilfe der dargestellen "Muster-Lösungen" begegnet werden kann.
Projektmitarbeitern aus Projekten, bei denen Softwareentwicklung keine Rolle spielt, wird das Buch ebenfalls nützlich sein, sofern ein Projektteam vorhanden ist und der Großteil der Projekttätigkeit in Denken besteht (und nicht in reiner Muskelbetätigung).
Wer das Buch "Wien wartet auf Dich" noch nicht kennt, sollte dieses _vor_ "Adrenalin-Junkies" lesen! Thematisch überlappt es sich und kommt mit einer klaren Struktur daher; Muster des neueren Buchs finden sich auch im älteren, das von seiner Aktualität kaum etwas eingebüßt hat.
Die Übersetzung von dem professionellem Übersetzer Dirk Wittke (Medienkooperative) und dem Mitautoren Dr. Hruschka bürgt für höchste Authenzität.
>>>>>>>Insgesamt eine eindeutige Empfehlung!<<<<<<<