...kommt es zu einem großen Aufschrei innerhalb der sog. Spannungsliteratur und ein neuer, vielversprechender Stern von Autor zeichnet sich am Himmel des Buchmarktes ab. Das diesjährige „Saisonprodukt" scheint Michael Robotham zu sein, wenn man den Lobeshymnen auf der Rückseite des Buches Glauben schenken darf.
Ob man seinen Glauben wirklich so leichtfertig aus der Hand geben will, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass Robotham sein Handwerk versteht und sowohl der spannende Plot als auch der Schreibstil überzeugen.
Der spannende Plot beruht hauptsächlich auf dem ich-erzählenden Protagonisten Joe O'Louglin, der glücklich verheiratet ist, eine achtjähige Tochter hat und eine renommierter Psychotherapeut ist. Eines Tages wird er Zeuge, wie die Polizei eine ehemalige Patientin ermordet in der Nähe eines Friedhofs ausgräbt und als wenige Tage später einer seiner Patienten, der dicke und gleichzeitig aggressive und introvertierte Bobby Moran, Details zeigt bzw davon erzählt, die mit diesem Mord zusammenhängen, wird Joe aufgeweckt und versucht dem bärbeißigen Detective Inspector Riuz diese Informationen weiterzugeben ohne dabei seine ärztliche Schweigepflicht zu verletzen. Was gut gemeint war, wendet sich bald gegen Joe, denn Bobby ist ein notorischer Lügner und lebt ganz anders als er es Joe erzählt hat. Ruiz ist nun davon überzeugt, dass Joe, der für die Nacht des Mordes kein Alibi besitzt, weil er seine Frau betrogen und dadurch eine Lawine von Notlügen in Gang gesetzt hat, der Täter ist und probiert ihn mittels Beweise vor Gericht zu kriegen.
Joe ahnt, dass er Spielfigur eines Psychopathen ist. Bobby Moran, ein Mysterium in sich, scheint hinter allem zu stecken und so macht Joe sich auf die Suche nach Bobbys Kindheit und seiner wahren Identität und findet dabei mehr und Schrecklicheres heraus als ihm lieb ist...
Ein Psychotherapeut, der mit dem eigentlichen Mordfall nur durch persönliche Kontakte verknüpft ist, ist noch nicht besonders oft in der Literatur, in meiner jedenfalls, vorgekommen und damit geradezu innovativ. Das Ermitteln auf eigene Faust wird für ihm zum Muss, um die eigene Haut zu retten, was sehr plausibel wirkt und dank eines gleichmäßigen Spannungsaufbaus mit überraschenden, aber authentischen Wendungen auch so rüberkommt. Der Pageturner schafft es, den Leser wirklich das ganze Buch in Atem zu halten.
Positiv beeinflusst wird dieser Effekt vom flüssigen, ab und an ausschweifenden, aber nie abschweifenden Schreibstil Robothams, der mit knappen, aber aussagekräftigen Beschreibungen und einer sehr bildhaften Alltagssprache gefällt. Das Einflechten von Erinnerungen, die nur bedingt zum Geschehen beitragen, ist dabei nicht hinderlich, weil sie einen dreidimensionalen Background für die Vergangenheit des Protagonisten schaffen, der auch dank seines trockenen Humors Sympathien auf Leserseite wecken wird.
„Adrenalin" ist damit nicht unbedingt ein genrebrechendes Werk, aber ein Thriller, der innerhalb seines Wirkbereiches, durch einen authentischen Protagonisten, eine spannende Handlung und einen flüssig zu lesenden Schreibstil besticht.