Lorenz Jäger, Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" , hat nicht um der Sache willen, sondern aus Anlass des 100. Geburtstages von Theodor W. Adorno, eine "politische Biographie" des Jubilars vorgelegt. Das Buch ist hervorragend geschrieben, es glänzt durch weit reichende Kenntnisse des kulturgeschichtlichen Kontextes, in dem Leben und Werk Adornos stehen, ebenso wie durch intime Kenntnis der biografischen Details, von denen Lorenz Jäger viele aus den aktuell erschienenen letzten Bänden des Nachlasses der Schriften Adornos bezieht. Besonders für diejenigen Leserinnen und Leser, die nicht oder noch nicht zu den Kennern der Kritischen Theorie zählen, wird die gut lesbare und mit einem Umfang von 300 Seiten einigermaßen leicht zu bewältigende Darstellung Jägers reizvoll sein.
Und genau darin liegt ein Problem.
Altgediente Adorno-Leser werden sich vielleicht verwundert die Augen reiben: Ein Redakteur der F.A.Z., die, daran soll hier erinnert werden, früher einmal in der krudesten Weise gegen den Gründervater der Frankfurter Schule polemisiert hat, schreibt ein in vielen Einzelheiten lesenswertes Buch über Adorno! Vor dreißig Jahren wäre das undenkbar gewesen, denn die Strategie der F.A.Z. bestand seinerzeit darin, den Philosophen und notorischen Kritiker der Gesellschaft mit dem sachlich unsinnigen Vorwurf zu diffamieren, Adorno sei mindestens für die Ausschreitungen der Studenten von 1968, mittelbar aber auch für das Abdriften eines Teils derselben in den Terrorismus moralisch verantwortlich zu machen.
Ist hier ein Gesinnungswandel beim Renommierblatt der konservativen Presse festzustellen? Hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung in der Gestalt ihres Redakteurs Lorenz Jäger eine erfreuliche Revision eines alten Denkfehlers vorgenommen? Keineswegs, denn auch der nachgeborene Redakteur Jäger verficht die alte These, wenn auch nicht mehr in der kruden Form hasserfüllter Polemik, sondern in der eleganten eines originellen Buches. Weniger aufdringlich, aber sachlich identisch lautet die Formulierung der These bei ihm folgendermaßen:
"Wenn es richtig ist, daß jedes Handeln seine sittlichen Potentiale nicht primär in einer universellen, sondern in einer partikularen Sphäre ausbildet, in der Familie, in der konkreten Verantwortung in einem Arbeitsbereich, in der politischen Praxis, die nun einmal an den Nationalstaat gebunden ist, wenn also Sittlichkeit in ihrem Bildungsprozeß auf partikulare soziale Formen angewiesen ist - dann nimmt, wer diese begrenzten Formen des Handelns entwertet, verdächtig macht und für irrelevant erklärt, der Sittlichkeit den Grund, auf dem sie erst gedeihen kann. Was er hinterlässt, ist eine Hypermoral, die ihre eigenen Grenzen nicht mehr bestimmen - und deshalb in Brutalität umschlagen kann."
Es ist aber nicht richtig, was der F.A.Z.-Redakteur hier vorträgt. Nota bene: Lorenz Jäger doziert eine konservative Moral, gegen die Adorno mit jeder Zeile seines Werkes Einspruch erhoben hat. Mit einem Ausdruck aus der Sprache der Wirtschaft kann man sein Buch als den Versuch einer feindlichen Übernahme bezeichnen: Der F.A.Z.-Redakteur nimmt den Philosophen in die Ahnengalerie seines Feuilletons auf. En passant renoviert er die konservative Polemik gegen Adorno, was der unbedarfte Leser der Einführung möglicherweise gar nicht bemerkt. Das kritische Denken Adornos wird ruhiggestellt durch seine Erhebung zum Klassiker. Insofern hat der Beitrag zum Geburtstagsjubiläum doch einen sachlichen Anlass, aber einen, der der Sache Adornos diametral entgegensteht.