Als ich 1945 geboren wurde, stopfte mich meine Mutter, Wehrmachtshelferin auf dem Weg von Prag nach Rügen, unterwegs in ein Wuppertaler Kinderheim und überließ mich meinem Schicksal. Ich wuchs im Westen auf, bei Adoptiv-Eltern, die ihre Sache überhaupt nicht gut machten. Als ich nach 40 Jahren (erst durch das Ableben meiner Adoptiv-Eltern gelangte ich an die Namen meiner leiblichen Eltern) aufgrund zäher Suche meine Mutter auf der Insel Rügen, für mich hinter dem "Eisernen Vorhang", schwierig genug, endlich ausfindig gemacht hatte, lernte ich eine verlorene Kindheit in ihrem Foto-Album betrachten: Sommer-Strand auf Rügen, Winter auf Hiddensee, Flugenten, Kraniche - und jede Menge Kohlehaufen auf maroden Bürgersteigen. Das war 1985. Tief in meiner Seele hatte sich norddeutsch klingender Dialekt (und das Geklapper von Milchkannen in einem Heim) als kleiner Trost- und Hoffnungsschimmer bewahrt, der mich einige Selbstmordphasen im rheinisch-sprachigen, durch jahrelange körperliche Züchtigungen gezeichneten Asyl überstehen ließ. Wohnortwechsel, Wechsel der Beziehungspersonen hatten in mir ein Identitäten-Patchwork hinterlassen, das ich nun, angesichts der leibhaftig vor mir stehenden Mutter sortieren wollte. Was war ich durch Vererbung und eigene Entscheidungsprozesse selbst, was war abkratzbare, falsche Haut? Christine Swientek nimmt die Phase der Identitätssuche, das stets mit solchen Lebensschicksalen ununterdrückbar verbunden ist, angenehm ernst. Ihr Buch ist hilfreich (weil erklärend statt verurteilend) -- für Betroffene in allen Lagern ...