Der Autor - ein bekannter Historiker zu Hitler - liefert lange Passagen des Originals (700 Seiten) zu dem er seine Stellungnahmen ergänzt.
Zum Original: auch Adolf Hitler sollte man eine Chance geben und versuchen, sein Werk vorurteilsfrei lesen. Oder - Kant zitierend - den Mut zum Wissen selbst solcher brisanter Themen zeigen.
Was könnte (damals) faszinierend auf einen Leser ausgewirkt haben, wo hat Hitler im Ansatz positive Ideen:
-- ähnlich wie der (von ihm bekämpfte) Marxismus sieht Hitler im Kapitalismus einen Volksfeind. Julius Evola hat zu jener Zeit Philosophiebücher über die materielle und geistige Degeneration seiner Zeit herausgegeben.
-- Der Arier wird sympathisch und edel dargestellt. Er ist als Kulturträger ausersehen, da er Opferwillen und Gemeinschaftssinn hat, notfalls gibt er für die Seinen sein Leben. An und für sich positive Eigenschaften.
-- Einem Land inmitten von Europa eine neue Identität geben zu wollen, sei es durch Begriffe wie Reinheit der Rasse (ich habe nicht verstanden, was Hitler damit meinte) oder Überwindung der Wirtschaftsdepression.
-- Seine unkonventionelle Verhaltensweise gegen den Willen der Eltern einen künstlerischen Beruf ergreifen zu wollen. Sein Erscheinen als Jugendlicher in der Metropole Wien dürften den ein oder anderen jungen Zeitgenossen solidarisch gestimmt haben.
-- Hitler schreibt von einem besseren Leben, das er den Anhängern seiner Wahl wünscht. Er schreibt sogar gegen Hunger und Gewalt.
-- Auf seinen Trick mit der Vorsehung falle ich nicht herein, sehe in ihm keinen religiösen Menschen. Doch an irgend eine metaphische Gerechtigkeit muß er geglaubt haben, warum äußert er sich mit solch einem Zorn, selbst die Rassenfrage mal außenan gelassen? Auf was berief er sich, er verschweigt dies, wie auch seine Lehrquellen (z.B. Gobinot, Le Bon).
-- Die Reformwünsche des Erziehungswesens sind recht detailliert und fordern z.B. mehr Sport und aktive Freizeitgestaltung (wer dachte 1924 da an z.B. Kriegsvorbereitung?).
--- Und nun das Negative an Mein Kampf:
--- Der Schreibstil ist recht ermüdend, humorlos, sehr viele Wiederholungen (was auch in den Zeitungen jener Zeit zu finden war). Mein Kampf dürfte heute als Lektüre kaum Faszination ausüben (im Gegensatz zu Filmen wie Triumpf des Willens oder Hitlerjunge Quex).
--- Der dürftigste Teil ist meiner Ansicht das Kapitel über Rasse und Art. Wie kann sich der Mann anmaßen die Menschheitsgeschichte auf zwei Pänomene zu reduzieren. Noch dazu Verhaltensweisen aus der Tierwelt auf Verhaltensweisen der Menschheit zu übertragen. Der Arier war damals wie heute eine spekulative unbewiesene These aus okkulten Kreisen, z.B. der Theosophen oder Anthroposophen. Und die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung (ein Volk unter ferner liefen) auf Europa wurde von ihm ins Gigantisch-wahnhafte projiziert.
--- Er gibt in seinen endlosen Thesen über die Semiten wirklich kein einziges Beispiel aus der Geschichte / Praxis zu Papier!
- Z.B. die Innenschau einer imaginären Landkarte (ohne Ortsangaben), daß die Semiten (von wo und wohin, in welcher Anzahl??) kamen und die Gastländer infiltrieren, sich mit jedermann liebkind machen wollten, nur um das Land an sich zu reißen und die Kulturen wissentlich zu schädigen?. Wo nimmt der Mann diese Fakten her? Der Jude sei ein materieller Mensch, auf das Diesseits orientiert. Diese Haltung weiß wenig von der jüdischen Mystik, Religion und Literatur. Literarisch/geschichtlich ist dieses Kapitel (Semiten, Arier, die angeblichen Eigenschaften von verschiedenen Nationen) von einem Mann, der nie das Ausland bereist hatte in seiner Dürftigkeit kaum erträglich.
--- Auch die Raumschaffungs- / Umsiedlungspläne kann man in dem Werk schon nachlesen.
--- Er wird historisch selten konkret. Aber in seiner Leidenschaft für die Renaissance in Italien und die griechischen Antike. Diese wohl faszinierenden Kulturen waren keineswegs von einer homogenen Bevölkerung gebildet, was Hitler verschweigt.
Insgesamt sollte das Primär-Werk jeder Interessent dieser geschichtlichen Epoche mal gelesen haben. Werner Masers Kommentare erleichtern den Einstieg.