Dieses Buch,das bereits 1975 erschien,verlässt den oft beschrittenen Weg,Hitler als Produkt der Geschichte und insbesondere ihn in der Tradition des deutschen Antisemitismus zu erklären,den er (wie die überwiegende Mehrheit der Hitler-Forscher es versucht hat) als Folge des verlorenen 1. Weltkriegs entwickelt haben soll.
Stierlin hat in diesem Buch den Versuch unternommen,Hitler (wie die Welt ihn dann kennen lernen mußte),als Ergebnis seiner katastrophalen Fehlentwicklung in der Adoleszenz zu sehen.
Ich habe nach der Lektüre dieses Buches damals diese Erkenntnis übernommen und teile insoweit Stierlins Analyse.
Besonders lesenswert ist das 2.Kapitel des Buches "Hitler als gebundener Delegierter seiner Mutter".
Die Mutter hat den jugendlichen Adolf (nach dem Tod des Vaters 1903 fiel dessen korrigierender Erziehungsfaktor weg), nicht nur extrem verwöhnt,sondern ihm auch das Bild vermittelt,ein geniales und einzigartiges Kind zu sein.
Der junge Hitler hält an dem Zerrbild eines künstlerischen Multi-Genies trotz seiner Mißerfolge in Wien und München fest.1914 flieht er dann aus der für ihn unerträglichen Situation als Kriegsfreiwilliger in eine andere Welt,die dann im dramatischen Sommer 1919 zerbricht.(Hitler war 1914 ein Deutschnationaler,von einem Antisemitismus war seinerzeit bei ihm nichts zu spüren).
Hitler löst dann seine unerträglich und ausschtslos gewordene Situation durch eine "Flucht nach vorn" hinein in den Wahn (s. hierzu meine Rezension zu Matussek: "Hitler,Karriere eines Wahns".
Stierlin hat die Wahnhypothese offensichtlich nicht übernommen,sondern sieht in ihm eher den destruktiven Künstler (3. Kapitel). Hier kann ich seiner Analyse nicht folgen.
Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch,das den Fokus weg von der These "Hitler als Produkt seiner Zeit" zu einer individual-psychologischen Betrachtung der katastrophalen Fehlentwicklung des jungen Hitler lenkt.