Eines gleich vorweg: Es fiel mir relativ schwer, dieses Buch objektiv zu bewerten. Ich hatte mir vorher schon im Netz viele Tutorials über After Effects angeschaut. Da sieht man vieles was möglich ist. Plattformen wie YouTube oder Videocopilot.net bieten viele interessante Effekte mit guten Erklärungen. Trotzdem wollte ich After Effects von der Pike auf lernen und suchte mir daher dieses Buch aus.
Und tatsächlich, das Buch ist sehr umfassend und geht auch viel auf das nötige Hintergrundwissen ein. Man lernt hier nicht nur etwas über After Effects, sondern auch über Videomaterial an sich. Welche Formate gibt es, mit welchen Tücken hat man zu kämpfen (quadratische oder rechteckige Pixel, Kompressionen und Qualitätsverlust, ...). Da hat man echt eine Menge Material, durch die man sich sprichwörtlich kämpfen muss. Doch das tut man anfangs noch sehr gerne, hat man doch ein klares Ziel vor Augen: Am Ende wird der Autor das Tor zu After Effects aufstossen und wir produzieren jede Menge Special Effects-triefende Clips. :)
Doch leider kommt es anders. Der Autor deckt zwar tatsächlich nahezu alle Funktionen von AE in Workshops ab. Doch spannend ist leider anders. Wenn man sich das Gros der Tutorials im Netz anschaut, dann weiss man doch eigentlich was die Leute machen wollen. Die eigenen Clips möchte man durch Laserschüsse, partikelsprühende Explosionen, Zombietransformationen des eigenen Gesichts, oder das profane Einfügen von fotomontierten Objekten in eigenes getracktes Videomaterial einfügen. Darauf hatte ich mich gefreut.
Doch leider zieht sich eines wie ein roter Faden durch alle Workshops: Sie bringen einem die Technik bei, aber Sie sind langweilig!
Man lädt einen vorbereiteten 5 Sekunden Clip, der meist nur statisches Bildmaterial aber kein echtes Footage enthält. In diesen fügt man dann die Effekte anhand synthetischer Objekte ein. Keyframing wird anhand von statischen Bildern gezeigt, die sich auf einem anderen statischen Bild bewegen. Partikeleffekte werden dazu benutzt, um Schriftzüge und Fonts aufzuhübschen. Das Motion Tracking wird anhand des statischen Bilds eines Sternchens erläutert, das man an den markierten Finger einer Dame vor einer dröge weißen Wand eines leeren Raums heftet. Und das Beispiel für die Arbeit mit 3D Elementen in AE erwähne ich hier lieber nicht, da es mir so lieblos erscheint, dass ich meine Wertung von drei Sternen noch mal überdenke müsste.
Hier sollte man mich nicht falsch verstehen. Natürlich lernt man diese Effekte dann wirklich anzuwenden. Natürlich kann man dem Leser auch die Transferleistung zumuten, das auf das eigene Bildmaterial zu übertragen.
Aber als ich mir dieses Buch gekauft habe, da wollte ich NICHT lernen wie man schicke Intros mit animierten Texteffekten macht. Viel mehr hätte mich interessiert ...
... Scene Extension: Erweiterung des Hintergrund durch Ersetzen von Teilen einer realen Videoaufnahme durch Hintergrundfotos, also die Integration echter Matte Paintings. Selbst mit frei benutzbaren Fotos von zum Beispiel flickr.com und einem selbstgedrehten Videoclip der Landschaft vor der eigenen Haustür kann man sich ein beeindruckendes Schloß in seine Videos setzen.
... 3D in AE: Durch die Verwendung von 3D Kameras kann man in AE auch ziemlich schnell einfache 3D Objekte mit Texturen generieren und so zum Beispiel die Skyline einer City in Footage mit einer echten Kamerafahrt einfügen. Gerade das hierfür gebotene Beispiel ist unter aller Kanone und dient in keinster Weise dazu zu zeigen, wozu man diese Technik in AE eigentlich braucht. Interessant wäre es hier zum Beispiel gewesen, mit einer Projektion des Footage durch eine virtuelle Kamera auf eine 3D Ebene zu zeigen, wie man dadurch nachträglich leichte Kamerafahrten oder -schwenks und eigentlich statisch gefilmtes Material einbringen kann. Auch der Export solcher Kamerapositionen in andere Anwendungen, mit denen dann 3D CG Elemente erzeugt und gerendert und dann in AE eingefügt werden können, wäre zumindest eine Erwähnung wert gewesen.
... Laser(schwert): Mal unter uns, wer träumt nicht davon? Und wenn man mal bei YouTube schaut, dann hat eigentlich jeder AE Besitzer schon mindestens einen Clip von sich selbst mit Besenstiel gedreht und diesen dann mittels AE in ein Laserschwert verwandelt. Mich interessiert nicht, wie ich in AE mit den Zeichenwerkzeugen Buchstaben malen kann, dazu gibt es das Textwerkzeug. Statt dessen wäre ein Laserschwert Workshop spannend gewesen.
... Tracking mit realem Anwendungshintergrund: Was interessiert mich ein Sternchen an einem Finger? Hier hätte man gut zeigen können, welche unterschiedlichen Möglichkeiten AE oder Moccha bieten, um zum Beispiel einen Punkt mit Rotation oder gar eine echte Fläche auf echtem Videomaterial zu tracken. Anhand dieser Tracking Daten hätte man dann CG Objekte in das Footage einfügen können. Etwa zusätzliche perpektivische Beschriftungen auf einer gefilmten Straße, brennende Mülltonnen, Rauchsäulen oder ähnliches. Auch das Erzeugen von Null-Objekten aus Tracking Daten um weiteres Bild- oder Footagematerial an einen Ankerpunkt in einem bewegten Footage zu heften wird gar nicht thematisiert. Diese Technik des Erzeugens von unsichtbaren getrackten Objekten bildet aber den Kern vieler SFX die man seinem Material gerne hinzufügen möchte.
Diese Liste könnte ich noch lange fortsetzen, aber es wird wohl ersichtlich worauf ich hinaus möchte. Dieses Buch zeigt einem komplett die Grundsätzliche und auch die fortgeschrittene Bedienung von AE in vielen kleinen Workshops. Aber keiner der Workshops befriedigte meine Erwartungen wirklich. Mit AE kann man echt coole Sachen machen, aber davon habe ich in dem Buch keine einzige gesehen. Statt mit realen Aufnahmen und echten Special Effects Anwendungen wird hier mit synthetischen und daher langweiligen Beispielen gearbeitet.
Schade. Das Buch hat viel Potenzial. An den Workshops an sich hätte man nicht viel verändern müssen. Aber das verwendete Material wurde mit einem Minimum an Aufwand erstellt und verdient daher leider nur die Bezeichnung "lieblos".
Am liebsten hätte ich für das Buch zwei getrennte Wertungen vergeben:
1) Die Pflicht - Funktionsumfang und Beschreibung der Anwendung von AE: 5 Sterne
2) Die Kür - Gestaltung der Beispiele und Begeisterungsfaktor: 1 Stern
Da das Buch mit einem dicken Preisschild daher kommt, hatte ich deutlich mehr realitätsorientierten Content erwartet. Wenn man nur auf die Beispiel in dem Buch schaut, dann hat man am Ende eigentlich nur gelernt schicke Textintros mit Animationen zu machen.
Abschließend empfehle ich jedem, der sich für Videoeffekte einigermassen begeistert und wohl deshalb die Rezension zu diesem Buch liest, bei YouTube mal nach den folgenden Stichworten zu suchen "Richard Hammond Bloody Omaha". Dort wird man eine Art Making Of finden, die einem zeigt was man mit vergleichsweise einfachen Mitteln mittels einer Software wie z.B. AE in Kombination mit 3D CG Objekten erzeugen kann. Und so etwas nenne ich beeindruckend. Ganz so aufwändig muss man die Beispiele eines Buches ja nicht gestaltet. Aber gerade in Anbetracht des Preisschilds an diesem Buch kann und sollte man als Kunde mehr erwarten. Ich möchte nicht nur die Bedienung einer Software lernen, da kann ich auch das Online-Hndbuch lesen. Ich möchte mitgenommen und begeistert werden. Der Autor schafft es leider zu keinem Zeitpunkt, einen Funken Begeisterung beim Leser für AE zu wecken. Es gibt wenig Anregungen was man denn mit dieser und jener Technik wirklich machen könnte, wenn man nicht nur lustige Buchstaben über den Bildschirm fliegen lassen möchte.
Aber das ist hoffentlich eine Anregung für eine sicherlich anstehende weitere Ausgabe für z.B. die CS6 Version des Buches. Setzt man dieses Werk in Konkurrenz zu den sogar günstiger angebotenen Videotrainings von zum Beispiel Videocopilot.net, dann ist dieses Buch die schlechtere Wahl.