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Von Acid nach Adlon und zurück. Eine Reise durch die deutschsprachige Popliteratur
 
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Von Acid nach Adlon und zurück. Eine Reise durch die deutschsprachige Popliteratur [Taschenbuch]

Johannes Ullmaier
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Anlehnung und Ablehnung

Zwei Bücher zur Geschichte der deutschen Popkultur

«Verschwende Deine Jugend» und «Von Acid nach Adlon und zurück» sind zwei wichtige Beiträge zur Popgeschichte. Die Autoren Jürgen Teipel und Johannes Ullmaier zeigen auf je verschiedene Weise, dass man es im Pop oft mit kulturellen Gegenstimmen zu tun hatte.

Nach wie vor ist das Wort «Pop» in aller Munde, man spricht von «Popliteratur», «Poptheater» und gar von «Poppolitik» – als wäre Pop in solchen Begriffskombinationen ein allzeit verfügbarer Frische-Faktor, mit dem sich angestaubte Ausdrucksformen renovieren lassen. Die konkreten Entstehungsbedingungen, die Situationen und Sensationen von Popkultur geraten dabei aber gewöhnlich aus dem Blick.

Historische Konstellationen

Zwei neue Bücher gehen anders vor: Sowohl Jürgen Teipels «Doku-Roman» über den deutschen Punk und New Wave (besser bekannt als Neue Deutsche Welle/NDW) als auch Johannes Ullmaiers «Reise durch die deutschsprachige Popliteratur» befassen sich weitaus präziser mit popkulturellen Phänomenen – zumal Popliteratur und Neue Deutsche Welle hier nicht als abstrakte Kulturtechniken verstanden werden. Teipel und Ullmaier machen vielmehr deutlich: Bei Pop hatte man es fast immer mit kulturellen Gegenstimmen zu tun, abhängig – das ist entscheidend – von historischen Konstellationen. Der Schweizer Autor Johannes Ullmaier hat seinem Buch (dem eine CD mit kurzen Hörbeispielen beiliegt) den bedeutungsschweren Titel «Von Acid nach Adlon und zurück» gegeben und bringt so zwei historische Marker ins Spiel: zum einen den 1969 von Rolf-Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebenen Band «Acid. Neue amerikanische Szene», zum anderen das Berliner «Adlon-Hotel», in dem sich die jungen deutschen Popliteraten um Benjamin von Stuckrad-Barre 1999 zum «popkulturellen Quintett» trafen.

Damit sind die Pole bestimmt, deren Dialektik dem Buch Schwung verleiht: einmal die politisch aufbegehrende Literatenszene der sechziger Jahre, zum anderen die zynische «Popperliteratur» (Ullmaier) der Gegenwart. Letztere wird von Ullmaier ganz offensichtlich als belanglos und banal empfunden, er sieht in ihr nicht wesentlich mehr als das «Kokettieren mit gefahrlosen Provokationshäppchen».

«Von Acid nach Adlon» ist dennoch ein beeindruckendes Kompendium der deutschsprachigen Popliteratur: Unzählige O-Töne, Fotos, Textauszüge und Kommentare ergeben eine oft verwirrend interessante Polyphonie. Störend ist da nur Ullmaiers manchmal aufdringlich manierierter Stil. Jürgen Teipel hingegen hält sich in «Verschwende Deine Jugend» als Autor gänzlich zurück. In seinem nach einem Stück der Düsseldorfer Band DAF benannten Buch verkettet er die O-Töne von nicht weniger als 77 Protagonisten – darunter Schauspieler wie Ben Becker und Musiker wie Campino von den Toten Hosen – zu einer packenden Oral History der Jahre 1976–1983.

Traditionsvernichtung

Teipel hat es dabei mit einem ähnlichen Paradox wie Ullmaier zu tun: Auch er will Begebenheiten historisieren, die sich eigentlich einer linearen Geschichtsschreibung verweigern. Schliesslich trat der Punk der siebziger Jahre mit einem ähnlich radikalen Anspruch wie die Popliteratur der Sechziger auf: Literarische beziehungsweise musikalische Traditionen sollten vernichtet werden. «Punkrock war ja gerade so interessant, weil es auf einmal keinen ideologischen Ballast mehr gab. Das waren die tollen Momente an Punk: dass man sich selber erfinden konnte», so der Ur-Punker Jäki Eldorado, der heute als Manager der Hamburger Hip-Hop-Combo 5 Sterne Deluxe arbeitet.

Gleichwohl entstanden Punk und NDW keineswegs aus dem Nichts heraus – so wie sich die deutschsprachige Popliteratur an amerikanischen Vorbildern orientierte, bezog man sich in den Proberäumen Hamburgs, Düsseldorfs und Berlins offensiv auf englische Popkultur. «Wir waren absolut England-bezogen», erklärt Peter Hein, Sänger der legendären Düsseldorfer Bands Mittagspause und Fehlfarben.

Originelles Nachmachen

Der in «Verschwende Deine Jugend» immer wieder als massgeblicher Vorreiter gewürdigte Peter Hein ist es auch, der sagt: «Wir fanden etwas gut – und wenn wir es gespielt haben, war es etwas völlig anderes. Mittagspause galt als das eigenständigste Ding in Deutschland – wahrscheinlich, weil es das Nachgemachteste überhaupt war.» Damit weist er darauf hin, dass deutschsprachige Popkultur von jeher eine Aneignungskultur ist – sie importiert angloamerikanische Stile, verformt und vermischt sie, um sie dann in eine eigene Ästhetik zu übersetzen. Daraus entsteht bis heute eine Art «Originalität zweiter Ordnung». Das gilt auch für die Popliteratur: Der Import amerikanischer Beat-Literatur brachte neue Formen hervor – genauso wie die Aneignung von Rap-Kultur zu jenen hitzig improvisierten «Poetry Slams» führt, die heute in den Hinterräumen diverser Lokalkneipen stattfinden. Ullmaier widmet diesen zeitgenössischen Spontanliteraten weite Passagen seines Buches.

«Die geistigen Produktionsmittel waren freigegeben», sagt der Maler und Mittagspause-Drummer Markus Oehlen in «Verschwende Deine Jugend» über die frühe Neue Deutsche Welle. Weil sie diese Euphorie des Neubeginns nachzeichnen, sorgen die beiden Bücher für eine sanfte Sentimentalität. Indem sowohl Teipel als auch Ullmaier ihre jeweiligen Pop-Historien als Verfallsgeschichten beschreiben, verstärken sie jene kulturpessimistische Sicht, die von einer progressiven Banalisierung ausgeht. Beide Bücher legen nahe, dass dies an der zunehmenden Kommerzialisierung von Pop liege: In «Verschwende Deine Jugend» ist vom Ausverkauf der NDW, genauer vom «Markus- und Nena-Super-GAU» (O-Ton Andreas Dorau) des Jahres 1982 die Rede; Ullmaier hingegen wettert gegen die «mediengeilen Jungkonservativen» um Stuckrad-Barre und Co. Doch ist es wirklich so einfach? Ist für die Verluste tatsächlich ein industriell und medial gesteuerter «Ausverkauf» verantwortlich? Oder ist es nicht vielmehr eine veränderte politische Situation? «Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein», sang die Hamburger Band Tocotronic vor ein paar Jahren und verkündete damit vielleicht den verzweifelten Wunsch nach klaren Freund-Feind-Verhältnissen, nach kompromisslosen Zugehörigkeiten und verloren gegangenen Gegnerschaften. Während die für «Verschwende Deine Jugend» interviewten frühen Punks und New Waver ihre linken Lehrer provozierten und die Popliteraten der sechziger Jahre den hochkulturellen Kanon aufmischten, fehlt den Popaktivisten von heute ein solcher Gegner. «We Are One Family» oder «Friede, Freude, Eierkuchen» lauten stattdessen die Slogans der Techno-Generation.

Produktive Ressentiments

Wie weit sie damit von produktiven Ressentiments der Neuen Deutschen Welle entfernt ist, zeigt ein Statement von Detlef Diederichsen, dem ehemaligen Leader der Hamburger Band Die Zimmermänner: «Der Feind war dieses ganze sozialdemokratische Klima, diese Atomkraftliberalen und Althippies – mit Rockertypen wie Bap und Westernhagen als Meinungsführern. Für die waren kurzhaarige, in Anzügen steckende junge Leute ein rotes Tuch.» Wer würde heute noch ernsthaft Sozialdemokraten und Westernhagen verbissen die Feindschaft erklären?

Aram Lintzel

Stefan Mössler in Nürnberger Nachrichten, 12.12.2001

"Ullmaier startet einen fundierten und unterhaltsamen Streifzug von der Beat-Bewegung der 60er Jahre bis zur aktuellen 'Generation Golf'."

Aram Lintzel in Neue Zürcher Zeitung, 15.11.2001

"'Von Acid nach Adlon' ist ein beeindruckendes Kompendium der deutschsprachigen Popliteratur: Unzählige O-Töne, Fotos, Textauszüge und Kommentare ergeben eine oft verwirrend interessante Polyphonie."

Klaus Hübner in Jazzthetik, Dezember/Januar 2001/2002

"Johannes Ullmaier legt mit seinem Buch einen Finger in die Wunde Popliteratur, der es an Dissidenz mangelt und die an Nebensächlichkeiten gemessen wird."

Stephanie Grimm in Radio Fritz, Dezember 2001

"Mit diesem Buch kann man auf ziemlich unterhaltsame Art und Weise seine Bildungslücken zum Thema deutsche Popliteratur schließen. Popliteratur ist ja ein ziemlich umstrittener Begriff, und wenn man dieses Buch gelesen hat, weiß man auf jeden Fall, dass es um mehr geht als um die Frage: 'Ist Benjamin von Stuckrad-Barre nun cool oder scheiße'. Ein besonderes Bonbon: die beiliegende CD mit lauter Ausschnitten aus Lesungen."

Kurzbeschreibung

Vor dem Hintergrund einer inzwischen über dreißig Jahre währenden, sehr wechselhaften Liaison von Literatur und Pop in Deutschland schlägt Johannes Ullmaier mit dem vorliegenden Band einen Bogen vom jüngsten Popliteratur-Boom zurück zu den Anfängen in der deutschen Beat-Dichtung Ende der 60er über Neubeginn und Fortentwicklung im Zuge der Punk-Explosion Ende der 70er bis zum aktuellen Underground der Prenzlauer-Berg-, Social-Beat- und Slam-Poetry-Szene.

"Von Acid nach Adlon und zurück" fußt auf einer vierteiligen Sendereihe des Hessischen Rundfunks und liegt nun in einer aufwendig gestalteten, um zahlreiche Originalzitate und Abbildungen vermehrten Buchfassung vor. Dem Buch beigelegt ist eine über 70minütige CD mit original Ton-Dokumenten aus über 30 Jahren deutschsprachiger Popliteratur.

Über den Autor

Johannes Ullmaier, geboren 1968 in Winterthur / Schweiz, ist Mitherausgeber der im Ventil Verlag erscheinenden Buchreihe "testcard - Beiträge zur Popgeschichte".

Buchveröffentlichungen: "Pop Shoot Pop. Über Historisierung und Kanonisierung in der Popmusik" (Hofmann 1995), "Yvan Golls Gedicht 'Paris brennt'" (Niemeyer 1995), "Kulturwissenschaft im Zeichen der Moderne" (Niemeyer 2001). Als Herausgeber: "Luigi Russolo: Die Kunst der Geräusche" (Schott 2000).

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