Im Jahre 140 nach Christus übernimmt der junge Zenturio Marcus Aquila das Kommando einer römischen Legion im britannischen Nirgendwo. Der Grund für diese nicht sehr naheliegende Karrierewahl: 20 Jahren zuvor wurde die 9. Legion in Britannien vernichtend von keltischen Stämmen geschlagen, die Standarte, Stolz der Legion und Zeichen für Roms Unbesiegbarkeit, ging dabei verloren. Zum Sündenbock wurde kein geringerer als Marcus' Vater, Befehlshaber der 9. Legion. Der junge Kommandant brennt darauf, die Ehre seiner Familie wieder herzustellen und den verschollenen Adler zurück zu erlangen. Zusammen mit dem jungen keltischen Sklaven Esca, der Marcus sein Leben verdankt, macht er sich auf eine schier aussichtslose, gefährliche Suche, jenseits der römischen Grenzen. Allerdings kommen ihm bald berechtigte Zweifel an der Aufrichtigkeit Escas, der Rom und seine Werte offen verabscheut und die Suche absichtlich zu behindern scheint.
Die erste Hälfte des Films ist wirklich stark. Karge Bilder führen durch die raue Landschaft Britanniens, ein ungemütliches aber durchaus passendes Set. In der Tat wunderschön gefilmt. Zwar gibt es keine aufwändigen Massenszenen zu bewundern, dafür lässt sich der Einsatz der römischen Angriffsformation Testudo bestaunen, was, neben den weniger ernst zu nehmenden Darstellungen in der Asterix-Reihe, kaum in dieser Qualität in Sandalenfilmen gezeigt wird. Die Figur des Marcus ist zudem sehr interessant angelegt. So ist der junge Oberbefehlshaber zwar mutig und aufrichtig (wie sich das für einen Helden eben gehört), er wird jedoch auch von Selbstzweifeln und der Angst befallen, ebenso wie sein Vater Schande über die Familie zu bringen, wenn er sich bei den ihm gestellten Aufgaben nicht bewähren kann. In der Wiederbeschaffung des Adlers sieht er die einzige Chance, sein Schicksal vor den Augen Roms und der Götter zu wenden. Mutig, denn um die Kompromisslosigkeit dieser Gralssuche zu veranschaulichen, schreckt der Regisseur auch nicht davor zurück, seinen Helden Grausamkeiten ausführen zu lassen, wie etwa der Tötung eines Kindes. Es mag aus heutiger Sicht etwas befremdlich wirken, wenn Marcus, stur und unbeirrbar, in scheinbar aussichtslosem Kampf um ein Stück Metall sein Leben aufs Spiel setzt. Fakt ist jedoch, dass der Verlust des Gesichtes und der Ehre für den Betroffenen und dessen gesamter Familie das gesellschaftliche und politische Aus im antiken Rom bedeuten konnte. So ist die Wiedererlangung der Standarte tatsächlich die einzige Möglichkeit für Marcus, den Namen seiner Familie reinzuwaschen. Ich denke, es ist wichtig, das zu akzeptieren, um an der Geschichte Gefallen zu finden. Leider ist Channing Tatum nicht mit übermäßigem schauspielerischem Talent gesegnet. Er ist bestimmt kein Totalausfall, allerdings kann er den inneren Kampf von Marcus nur schwer vermitteln, meistens blickt er einfach nur stoisch und irgendwie missmutig in die Ecke. Weit positiver fällt Jamie Bells undurchsichtiger Esca aus. Fast bis zum Schluss können Marcus und der Zuschauer gleichermaßen sich seiner nicht sicher sein. Donald Sutherland macht seine Sache als Marcus' Onkel gewohnt gut, wenn er auch etwas zu unverhofft in der Geschichte auftaucht ("Hallöchen, ich bin dein Onkel, von dem du noch nie etwas gehört hast, zufällig wohne ich auch in Britannien ..."). Was ich weiters als angenehm empfand: das Fehlen einer Liebesgeschichte. Die Geschichte ist nun einmal in einer absoluten Männerwelt angesiedelt und ich sehe es überaus positiv, dass der Regisseur sich nicht in überflüssigem Liebesgeplänkel verzettelt, sondern während des ganzen Films ganz nah an den beiden Hauptdarstellern und ihrer Beziehung zueinander bleibt.
2 Sterne Abzug, weil der Film im letzten Drittel leider eindeutig kippt. Neben einigen Ungereimtheiten (ein keltischer Stamm, der Marcus Tag und Nacht über Meilen hinweg jagt, und das zu Fuß, hat noch genug Reserven um ein Kind aus der eigenen Sippe mitzuschleifen und es vor seinen Augen zu töten...der Sinn dieser Szene ist vollkommen an mir vorübergezogen ...) ist an dem ambivalenten Gesamteindruck vor allem das Finale schuld, das derart pathetisch und unglaubwürdig gestaltet wurde, dass ich nur entsetzt den Kopf schütteln konnte. War der Film bis dahin eher nüchtern und dezent, vor allem was die Moralkeule angeht, schlägt sie in der finalen Konfrontation mit voller Wucht zu und man erinnert sich: stimmt, das ist ja ein Hollywoodfilm, mpf.
Empfehlen kann ich "Der Adler der neunten Legion" dennoch, wegen seiner visuellen Wucht, seiner Geradlinigkeit und seinen interessanten Figuren. Wer ein Fable für Sandalenfilmchen hat, kann getrost zugreifen!