Vita Sackville-West schildert in ihrer Doppel-Biographie "Adler und Taube" die Wesenszüge, Lebensumstände und die Bedeutung zweier Karmeliterinnen. Die erste ist Teresa von Avila (1515-1582), die "Große", der Adler, die spanische Nationalheilige. Die zweite ist Thérèse von Lisieux, die "Kleine", die Taube, eine der beiden französischen Nationalheiligen. Zwischen den beiden Frauen liegen 350 Jahre, und auch wesensmäßig waren sie sehr verschieden. Die spanische Teresa war eine von Feuer beseelte Mystikerin und Seherin, eine Adelige, und die französische Thérèse, obschon auch Mystikerin, mehr dem vom Glauben geprägten Alltagsleben verbunden, eine Bürgerliche. -
Die Sympathie und Hinwendung der Autorin gilt in dieser Darstellung merklich der "Großen" Teresa. Ihr Wesen, ihre Lebensumstände und ihre Leistungen schildert sie intensiv und einfühlsam. Hingegen hat sie für die "Kleine" Thérèse merklich weniger Verständnis - sie bleibt ihrer Meinung nach zweitklassig. Nur wird die Autorin Thérèse mit ihrer Darstellung nicht gerecht, zum einen, weil man mit 22 (Thérèse) eine Lebensbeschreibung anders abfaßt als im reifen Alter von 45 (Teresa), und zum anderen, weil Vita Sackville-West ihre Darstellung 1943 schrieb und ihr nur die verstümmelte und verflachte AutobiographieThérèses ("Geschichte einer Seele") als Quelle zur Verfügung stand. Die Original-Version wurde nach Auffinden der ursprünglichen Texte erst in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts erstellt, und sie zeichnet ein orignalgetreues, "entkitschtes" Bild dieser jugendlichen und modernen Heiligen. Sackville-Wests Darstellung Thérèses ist nur eingeschränkt zu empfehlen, da ihr 1943 nur die verfälschte Autobiographie zur Verfügung stand.