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Adler und Engel: Roman
 
 
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Adler und Engel: Roman [Taschenbuch]

Juli Zeh
3.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (56 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

"Fear & loathing in L.E." oder "Die Ballade von Max und Jessie"
"Ich kokse auf dem Rücken liegend, schaufele es mir mit dem abgelutschten Eisstiel in die Nasenlöcher. Die Sterne sind blau."
Nein, das ist nicht eben das, was sich Normalsterbliche unter dem Alltag eines jungen Karrierejuristen vorstellen. Eigentlich gilt Max, der lieber Cooper heißen würde, als gewiefter Spezialist für Völkerrecht: "Mäx the mäximal". Bis ihn die Katastrophe aus der wirklichen Welt katapultiert, zum Drogen-Zombie macht: Seine Freundin Jessie, engelsgleiche Kindfrau, Tochter eines millionenschweren Drogenkönigs, schießt sich, während sie mit Max telefoniert, in den Kopf. Ihre letzten Worte: "Ich glaube, die Tiger sind wieder da." Die Radiomoderatorin Clara, so gewieft wie zäh, eine Lara Croft mit DAT-Recorder, will die ganze Geschichte. In Rückblenden entfaltet sich so das private Drama von Jessie und Max, das sich als Teil einer viel größeren, politischen Tragödie erweist: Jessie ist in internationale Drogengeschäfte verwickelt, mit denen große Teile des Krieges auf dem Balkan finanziert werden. Die "Tiger" sind die Killer des serbischen Milizenführers Arkan. Und auch Max muss erkennen, dass er als EU-Osterweiterungsexperte im Dienst des organisierten Verbrechens stand.

Politischer Kriminalroman, Liebesgeschichte, Roadmovie, Drogentrip -- und eine Parabel über das Auseinanderfallen von Recht und Gerechtigkeit: Ist das nicht ein bisschen viel für ein, wenn auch 450 Seiten dickes, Buch? Kann das gut gehen? Es geht hervorragend, weil die Autorin, bei aller Stimmigkeit im Detail, keinen "realistischen" Krimi abspult. Gekonnt jongliert sie stattdessen mit Versatzstücken aus Film noir, MTV-Clips und Pulp Fiction. Ihre Schauplätze, Wien und Leipzig, haben mit den realen Städten nicht allzu viel zu tun. Eine trashige Kulisse, fast leere Wohnungen, in denen das Kokain im Eisschrank und ein Haufen Zaster unter der Bodendielung liegt. Juli Zehs Sprache ist kraftvoll, wütend, zuweilen drastisch und mit Hang zum Morbiden, zeugt von großer poetischer Kraft. Erstaunlich auch, wie souverän die Motive und die mitunter verwirrenden Handlungsfäden am Ende zusammengeführt werden -- das Buch liest sich spannend bis zur letzten Seite.

"Der Himmel über uns ist blassgrau und von hinten beleuchtet wie ein leerer Computermonitor", schreibt Juli Zeh. "Falls es einen Gott gibt, sitzt er dahinter und programmiert den zweiten August neunundneunzig." Falls Gott sich langweilen und der Bestsellerliste des Spiegel nicht über den Weg trauen sollte, empfehle ich ihm dringend die Lektüre von Adler und Engel. Ein traumwandlerisch sicher hingelegter Roman, exakt zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Die Kollegen von der Pop-Fraktion werden sich warm anziehen müssen. --Niklas Feldtkamp -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 28.07.2001
Erstaunlich, fulminant! Der Rezensentin ist das Buch, ist die Debütantin einen Vergleich mit Silvia Plath wert und mit Quentin Tarantino. Welche Kombination! Allein, gibt es nicht neuere Beispiele für den amüsierten Blick auf das Leben als "Pulp Fiction"? Wie auch immer, das Buch ist groß. Verena Auffermann erkennt darin eine "erstaunliche Sicherheit" (im Stil?) und einen seltenen Weitblick (in der Sache?) nebst Kenntnissen und Interessen, "die über die eigene Körpertemperatur und den Bauplan der Kindheit hinausgehen". Keine allzu große Sache, ließe sich einwenden, wenn es wirklich stimmt, was Auffermann einigermaßen kühn (oder bloß missverständlich formuliert) behauptet: Juli Zeh, schreibt sie, nutze den Raum, den ihr die halluzinatorische Wirkung von Drogen gebe. Ein Plädoyer für's Schreiben im Rausch?

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 06.09.2001
Andreas Nentwich ist es bei der Lektüre von Juli Zehs Debütroman ganz kalt geworden. Und das, obwohl der "Politthriller" einiges bietet, wobei man durchaus ins Schwitzen geraten könnte. Die Story des pickelübersäten Jurastudenten Max, der unglücklich in das Girlie Jessie, ein vormoralisches "Zwitterwesen aus Kobold und heiliger Närrin", verliebt ist, habe es nämlich in sich. Sie führe den Protagonisten, einen nach dem Tod seiner Angebeteten "gestrandeten Immoralisten", durch eine komplett entgötterte Welt von Drogenbossen und Kriegsverbrechern. Mit einer kultigen Radioseelentante an der Seite könne sich Max zwar am Ende aus dem Verbrechenssumpf herausziehen, dennoch lebe in ihm nichts mehr von den Potenzialen einer "dem Humanen verpflichteten Kultur". "Ein Eisschrank von einem Roman" liegt hier denn auch laut Nentwich vor, eine "Ekel- und Verachtungsattitüde" durchzöge ihn völlig, nahezu alles Reden in ihm sei von "schneidender Coolness". Seine Story habe die Autorin "schneidig in Fasson gebracht", alle eingeführten Motive und Reflexionsgegenstände wie die Spannungskurve halte sie fest in der Hand, - der Roman sei eben "perfekt gebaut". Und so ist sich der Rezensent ganz sicher, dass es der vom Verlag in der edlen Intellektuellenmanier der Mann-Kinder präsentierten Jungautorin in den nächsten Monaten an Ruhm nicht mangeln wird.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Pressestimmen

"Ein Debüt, das im Ausstoß der Verlage monolithisch aufragt. ‚Adler und Engel' ist ein Roman nach den Regeln der Kunst, wunderbar durcherzählt bei straff gehaltenem Handlungsfaden." (taz )

"Die junge Autorin Juli Zeh verblüfft mit ihrem rasanten Romandebüt ‚Adler und Engel'". (DER SPIEGEL )

"Ein schlagfertiges, ruppiges, intelligentes Buch." (Die Zeit )

Kurzbeschreibung

Liebesgeschichte, Kriminalroman, Entwicklungsgeschichte, Politthriller furios zu einem Roman verwoben - das ist das Buch von Juli Zeh, einem der überragenden Talente der deutschen Literatur. Für ihre Geschichte um den Völkerrechtsexperten Max, der nach dem Selbstmord seiner einzigen Liebe Jessie ins Bodenlose stürzt, wurde die Autorin mit dem Deutschen Bücherpreis, mit dem Rauriser Literaturpreis und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet, die Kritik lag ihr zu Füßen. Juli Zeh erzählt lakonisch und doch voller Poesie vom Schicksal einer Liebe, die sich im Geflecht von Politik und Profit verfängt. Ihr Roman entwirft das eindrucksvolle Szenario einer Welt nach dem Zusammenbruch der Ideologien - und das in einer Sprache, die rasant und absolut zeitgemäß ist.


Der Verlag über das Buch

Juli Zehs erster Roman ist furios, er kriecht in jede Hirnwindung. Noch aus dem unscheinbarsten Detail schlägt er Funken. Zugleich entwirft er ein erschreckend eindrucksvolles Panorama der gegenwärtigen Welt nach dem Zusammenbruch der Ideologien, verwebt die »amour fou« von Max und Jessie mit den politischen Wirrnissen an den äußersten Rändern Europas. Das alles geschieht in einer rasanten und absolut zeitgemäßen Sprache. Man liest Adler und Engel, als hörte man zu, wie die Gegenwart spricht. Bei Schöffling & Co. ebenfalls lieferbar: »Die Stille ist ein Geräusch. Ein Fahrt nach Bosnien«. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Klappentext

"Politischer Kriminalroman, Liebesgeschichte, Roadmovie, Drogentrip - und eine Parabel über das Auseinanderfallen von Recht und Gerechtigkeit: Ist das nicht ein bisschen viel für ein, wenn auch 450 Seiten dickes, Buch? Kann das gut gehen? Es geht hervorragend, weil die Autorin, bei aller Stimmigkeit im Detail, keinen 'realistischen' Krimi abspult. Gekonnt jongliert sie stattdessen mit Versatzstücken aus Film noir, MTV-Clips und 'Pulp Fiction' ... Juli Zehs Sprache ist kraftvoll, wütend, zuweilen drastisch und mit Hang zum Morbiden, zeugt von großer poetischer Kraft. Erstaunlich auch, wie souverän die Motive und die mitunter verwirrenden Handlungsfäden am Ende zusammengeführt werden - das Buch liest sich spannend bis zur letzten Seite." DER SPIEGEL

"Juli Zeh hat den coolsten Roman der Saison über den heißesten Sommer Europas geschrieben. Wobei 'cool' eben nicht einen Mangel an Gefühl bezeichnet, sondern die kühle Oberfläche, die sich einstellt, wenn verletzte Gefühle ängstlich vor anderen verborgen werden." Die Welt

"Vielleicht das Debüt der Saison. Jedenfalls ein starkes Stück. Zeitnah. Relevant. Dreckig. Psycho. Komplex. Intensiv. Gefährlich. Trifft mitten ins Hirn. Wer 'Adler und Engel' an sich lässt, wird mitgenommen. Nachhaltig. Soviel Warnung muss sein. Der Rest ist ein literarischer Trip, der immer wieder den Atem raubt." Hamburger Morgenpost

Über den Autor

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Sie ist vermutlich die erste Juristin Deutschlands, die nach ihrem zweiten Staatsexamen bereits auf eine erfolgreiche literarische Karriere zurückblicken kann. Ihr Roman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem "Deutschen Bücherpreis" (2002), dem "Rauriser Literaturpreis" (2002), dem "Hölderlin-Förderpreis" (2003), dem "Ernst-Toller-Preis" (2003) und dem "Carl-Amery-Literaturpreis" (2009).

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sogar durch das Holz der Tür erkenne ich ihre Stimme, diesen halb eingeschnappten Tonfall, der immer klingt, als hätte man ihr gerade einen Herzenswunsch abgeschlagen. Ich nähere ein Auge dem Türspion und sehe direkt in einen übergroßen, weitwinklig verbogenen Augapfel, als läge im Treppenhaus ein Walfisch vor meiner Tür und versuchte, in die Wohnung hereinzuschauen. Ich fahre zurück und drücke vor Schreck auf die Klinke.
Ich war sicher, dass sie schwarzhaarig ist. Aber sie ist blond. Sie steht auf meiner Fußmatte, das linke Auge zugekniffen, den Oberkörper leicht vorgebeugt zu der Stelle, an der sich eben noch, bei geschlossener Tür, die Linse des Spions befand. Ohne Eile richtet sie sich auf. Oh Scheiße, sage ich. Komm rein. Wie geht's. Gut, sagt sie, hast du vielleicht Orangensaft da? Habe ich nicht. Sie guckt mich an, als müsste ich jetzt sofort losrennen und im Supermarkt an der Ecke drei Flaschen von dem Zeug erstehen. Wahrscheinlich wäre es dann die falsche Marke und sie würde mich noch einmal losschicken. Ich sehe sie zum ersten Mal, und soweit ich es erkennen kann, während sie in meine Wohnung hineinspaziert, hängt an ihr keine Gebrauchsanweisung dran. Sie hat geklingelt, ich habe geöffnet.
Drei Sekunden später sitzt sie am Küchentisch und wartet auf gastgeberische Aktionen meinerseits. Ich bin wie gelähmt von der Erkenntnis, dass es sie erstens wirklich gibt und dass sie zweitens tatsächlich hier auftaucht. Sie macht sich nicht die Mühe, ihren Namen zu nennen. Offenbar geht sie davon aus, dass zu einer Stimme wie ihrer nur ein Mädchen wie sie gehören kann, und irgendwie ärgert es mich, dass sie recht hat damit, trotz der langen blonden Haare, die sie jetzt zurückwirft, damit sie hinter der Stuhllehne herunterhängen. Schon nach den ersten zwei Minuten mit ihr wird es schwierig, mich daran zu erinnern, wie ich sie mir vorgestellt habe, während ich ihrer dämlichen Sendung zuhörte. Ein bisschen wie Mata Hari, glaube ich. Sie wirkt definitiv zu jung, sie sieht aus wie ihre eigene kleine Schwester. Aber sie hat diese unverkennbare Stimme, deren beleidigter Klang sich immer auf die Ungerechtigkeit der Welt im Ganzen zu beziehen scheint, während sie den albernen Geschichten ihrer Anrufer zuhört. Es sind vor allem Männer. Sie hört sie an und macht ab und zu Hmhm-hmhm, dasselbe tiefe, brummende Hmhm, mit dem ihre Mütter sie in den Armen gewiegt haben. Manche fangen an zu heulen. Ich nicht. Dafür begeisterte mich von Anfang an die unglaubliche Kälte, mit der sie ihre schluchzenden Anrufer mitten im Satz abwürgt, wenn sie die vorgeschriebenen drei Minuten Sprechzeit überschritten haben. Sie muss grausamer sein als die Inquisition. Schon vor Monaten, lange bevor ich selbst eine alberne Story zu erzählen hatte, habe ich mir angewöhnt, sie Mittwoch- und Sonntagnacht einzuschalten.
Wahrscheinlich notieren sie im Sender die Nummern aller Anschlüsse, von denen aus angerufen wird. Ich nannte einen Vornamen und der war auch nicht echt. Aber über eine Telephonnummer lässt sich die Adresse herausfinden, wenn man unbedingt will. Das habe ich jetzt davon.
Draußen vor dem Fenster klebt der Mond am Himmel, rot, viel zu groß und mit zerfleischtem Rand an einer Seite. Er sieht nicht aus wie ein gutes Zeichen, auf einmal kriege ich Angst. Ich habe seit Wochen keine Angst mehr gehabt, warum jetzt plötzlich. Ich benehme mich komisch. Ich muss ihr etwas anbieten.
Orangensaft ist alle, sage ich, aber du könntest Apfelsaft haben.
Nein danke, sagt sie, wenn es keinen Orangensaft gibt, dann will ich gar nichts.
Sie schaut mich verächtlich an. Ich bin Max-der-Orangensaftvernichter und werde erleben müssen, wie sie unter meinen Augen verdurstet. Ich schütte Kaffee in die Espressomaschine, um mich in Bewegung zu halten. Dann steht die Tasse vor ihr, sie schnuppert daran und verzieht angeekelt das Gesicht, als handelte es sich um Schweineblut.
Apropos Blut, sagt sie.
Ich habe nichts von Blut gesagt. Vielleicht gehört Gedankenlesen zu ihrem Job. Wo ist es passiert?
Niemandem ist es gestattet, danach zu fragen. Ich müsste eigentlich gleich in ihre Haare greifen und sie daran über den Flur zerren, ihr die Füße wegtreten, falls sie versuchen sollte, auf die Beine zu kommen. Sie rauswerfen. Aber ich tue es nicht. Ich habe zu lange mit niemandem gesprochen, außer mit denen im Supermarkt und mit der Schwuchtel, die die Pizza bringt. Er schaut mir ständig aufs Kinn und überlegt, ob mein Bart schon wieder gewachsen ist, und wenn ich ihn in die Küche lasse, während ich nach Kleingeld suche, gerät er außer sich vor Begeisterung darüber, dass die Spüle an Ketten von der Decke hängt und der Herd aus Sandstein gemauert ist. Einmal hat er im Treppenhaus versucht, mir an den Arsch zu fassen, und als ich ihn wegstieß, ist er rückwärts die Stufen runtergefallen. Er kommt trotzdem wieder, jeden Tag außer sonntags, ich weiß nicht, wie oft schon.
Huhu, sagt sie, wo es passiert ist?
Sie lächelt. Dieses Lächeln passt zu ihrer Stimme wie ein bequemes Kleidungsstück, und die Stimme geht einmal durch den Raum und stellt sich neben mich und tippt mir auf die Schulter. Jetzt spüre ich es auch: diesen Wunsch zu heulen. Genau wie die anderen. Aber nein. Nicht mehr. Nie wieder.
Heulen war schon. Zwei Tage und Nächte lang ohne Unterbrechung, ohne Schlaf, ohne mich vom Boden des Zimmers zu erheben. Alle paar Stunden, immer wenn meine Augen so ausgetrocknet waren, dass sie sich wie aufgestochene Brandblasen anfühlten, trank ich einen Schluck Wasser aus der halbvollen Flasche, die herumstand und aus der auch Jessie getrunken haben musste, bevor sie es tat. Ich hatte sie sogar schlucken gehört, am Telephon, ich hatte gehört, wie Wasser aus genau dieser Flasche von den Muskeln in ihrem Hals durch die Kehle gedrückt wurde.
Mit dem bisschen Flüssigkeit gelang es mir, neue Tränen hervorzubringen, und als die Flasche ausgetrunken war, glaubte ich sicher, blind zu werden. Das war mir willkommen. Ich hatte ohnehin nicht vor, jemals wieder die Augen zu öffnen.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sogar durch das Holz der Tür erkenne ich ihre Stimme, diesen halb eingeschnappten Tonfall, der immer klingt, als hätte man ihr gerade einen Herzenswunsch abgeschlagen. Ich nähere ein Auge dem Türspion und sehe direkt in einen übergroßen, weitwinklig verbogenen Augapfel, als läge im Treppenhaus ein Walfisch vor meiner Tür und versuchte, in die Wohnung hereinzuschauen. Ich fahre zurück und drücke vor Schreck auf die Klinke.Ich war sicher, dass sie schwarzhaarig ist. Aber sie ist blond. Sie steht auf meiner Fußmatte, das linke Auge zugekniffen, den Oberkörper leicht vorgebeugt zu der Stelle, an der sich eben noch, bei geschlossener Tür, die Linse des Spions befand. Ohne Eile richtet sie sich auf. Oh Scheiße, sage ich. Komm rein. Wie geht's. Gut, sagt sie, hast du vielleicht Orangensaft da? Habe ich nicht. Sie guckt mich an, als müsste ich jetzt sofort losrennen und im Supermarkt an der Ecke drei Flaschen von dem Zeug erstehen. Wahrscheinlich wäre es dann die falsche Marke und sie würde mich noch einmal losschicken. Ich sehe sie zum ersten Mal, und soweit ich es erkennen kann, während sie in meine Wohnung hineinspaziert, hängt an ihr keine Gebrauchsanweisung dran. Sie hat geklingelt, ich habe geöffnet.Drei Sekunden später sitzt sie am Küchentisch und wartet auf gastgeberische Aktionen meinerseits. Ich bin wie gelähmt von der Erkenntnis, dass es sie erstens wirklich gibt und dass sie zweitens tatsächlich hier auftaucht. Sie macht sich nicht die Mühe, ihren Namen zu nennen. Offenbar geht sie davon aus, dass zu einer Stimme wie ihrer nur ein Mädchen wie sie gehören kann, und irgendwie ärgert es mich, dass sie recht hat damit, trotz der langen blonden Haare, die sie jetzt zurückwirft, damit sie hinter der Stuhllehne herunterhängen. Schon nach den ersten zwei Minuten mit ihr wird es schwierig, mich daran zu erinnern, wie ich sie mir vorgestellt habe, während ich ihrer dämlichen Sendung zuhörte. Ein bisschen wie Mata Hari, glaube ich. Sie wirkt definitiv zu jung, sie sieht aus wie ihre eigene kleine Schwester. Aber sie hat diese unverkennbare Stimme, deren beleidigter Klang sich immer auf die Ungerechtigkeit der Welt im Ganzen zu beziehen scheint, während sie den albernen Geschichten ihrer Anrufer zuhört. Es sind vor allem Männer. Sie hört sie an und macht ab und zu Hmhm-hmhm, dasselbe tiefe, brummende Hmhm, mit dem ihre Mütter sie in den Armen gewiegt haben. Manche fangen an zu heulen. Ich nicht. Dafür begeisterte mich von Anfang an die unglaubliche Kälte, mit der sie ihre schluchzenden Anrufer mitten im Satz abwürgt, wenn sie die vorgeschriebenen drei Minuten Sprechzeit überschritten haben. Sie muss grausamer sein als die Inquisition. Schon vor Monaten, lange bevor ich selbst eine alberne Story zu erzählen hatte, habe ich mir angewöhnt, sie Mittwoch- und Sonntagnacht einzuschalten.Wahrscheinlich notieren sie im Sender die Nummern aller Anschlüsse, von denen aus angerufen wird. Ich nannte einen Vornamen und der war auch nicht echt. Aber über eine Telephonnummer lässt sich die Adresse herausfinden, wenn man unbedingt will. Das habe ich jetzt davon.Draußen vor dem Fenster klebt der Mond am Himmel, rot, viel zu groß und mit zerfleischtem Rand an einer Seite. Er sieht nicht aus wie ein gutes Zeichen, auf einmal kriege ich Angst. Ich habe seit Wochen keine Angst mehr gehabt, warum jetzt plötzlich. Ich benehme mich komisch. Ich muss ihr etwas anbieten.Orangensaft ist alle, sage ich, aber du könntest Apfelsaft haben.Nein danke, sagt sie, wenn es keinen Orangensaft gibt, dann will ich gar nichts.Sie schaut mich verächtlich an. Ich bin Max-der-Orangensaftvernichter und werde erleben müssen, wie sie unter meinen Augen verdurstet. Ich schütte Kaffee in die Espressomaschine, um mich in Bewegung zu halten. Dann steht die Tasse vor ihr, sie schnuppert daran und verzieht angeekelt das Gesicht, als handelte es sich um Schweineblut.Apropos Blut, sagt sie.Ich habe nichts von Blut gesagt. Vielleicht gehört Gedankenlesen zu ihrem Job. Wo ist es passiert?Niemandem ist es gestattet, danach zu fragen. Ich müsste eigentlich gleich in ihre Haare greifen und sie daran über den Flur zerren, ihr die Füße wegtreten, falls sie versuchen sollte, auf die Beine zu kommen. Sie rauswerfen. Aber ich tue es nicht. Ich habe zu lange mit niemandem gesprochen, außer mit denen im Supermarkt und mit der Schwuchtel, die die Pizza bringt. Er schaut mir ständig aufs Kinn und überlegt, ob mein Bart schon wieder gewachsen ist, und wenn ich ihn in die Küche lasse, während ich nach Kleingeld suche, gerät er außer sich vor Begeisterung darüber, dass die Spüle an Ketten von der Decke hängt und der Herd aus Sandstein gemauert ist. Einmal hat er im Treppenhaus versucht, mir an den Arsch zu fassen, und als ich ihn wegstieß, ist er rückwärts die Stufen runtergefallen. Er kommt trotzdem wieder, jeden Tag außer sonntags, ich weiß nicht, wie oft schon.Huhu, sagt sie, wo es passiert ist?Sie lächelt. Dieses Lächeln passt zu ihrer Stimme wie ein bequemes Kleidungsstück, und die Stimme geht einmal durch den Raum und stellt sich neben mich und tippt mir auf die Schulter. Jetzt spüre ich es auch: diesen Wunsch zu heulen. Genau wie die anderen. Aber nein. Nicht mehr. Nie wieder.Heulen war schon. Zwei Tage und Nächte lang ohne Unterbrechung, ohne Schlaf, ohne mich vom Boden des Zimmers zu erheben. Alle paar Stunden, immer wenn meine Augen so ausgetrocknet waren, dass sie sich wie aufgestochene Brandblasen anfühlten, trank ich einen Schluck Wasser aus der halbvollen Flasche, die herumstand und aus der auch Jessie getrunken haben musste, bevor sie es tat. Ich hatte sie sogar schlucken gehört, am Telephon, ich hatte gehört, wie Wasser aus genau dieser Flasche von den Muskeln in ihrem Hals durch die Kehle gedrückt wurde.Mit dem bisschen Flüssigkeit gelang es mir, neue Tränen hervorzubringen, und als die Flasche ausgetrunken war, glaubte ich sicher, blind zu werden. Das war mir willkommen. Ich hatte ohnehin nicht vor, jemals wieder die Augen zu öffnen.
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