Ich habe das Buch zufällig bei meinen "Ossi"-Schwiegereltern entdeckt, mir war weder der Autor noch das Buch an sich bekannt -obwohl Ludwig Renn wohl sehr bekannt war.
Ich habe "Adel im Untergang" an einem Tag durchgelesen, denn es war nicht mehr aus der Hand zu legen.
1. Inhalt:
Der Autor, der eigentlich ein Adliger ist und sein Synonym als Hauptfigur seiner Autobiographie aufgibt, schreibt kurz über seine Kindheit in Dresden des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit dem Entschluß, Offizier zu werden, tritt er 1910 dann in die Königlich-Sächsische Armee ein.
Das Buch konzentriert sich nun auf die Ausbildung, das Alltagsleben und den Umgang der verschiedenen Menschen untereinander, mit denen Renn in diesen Jahren beruflich wie privat zusammenkommt. Neben der chronologischen Erzählung werden vor allem bei der Vorstellung neuer Personen Anekdoten und Geschichtchen erzählt, welche die neue Figur in wenigen Sätzen meisterhaft zu charakterisieren verstehen.
Herrlich beschriebene Stationen des Offiziers Renn sind neben der Ausbildung in Dresden die Manöver, die Kriegsschule in Hannover, die obligatorischen Bälle bei Hof, Audienzen beim König, das Leben im Kasino und vor allem allgemein mit den anderen Offizieren.
Das Buch endet mit dem (ersehnten) Kriegsausbruch 1914.
2. Starke Seiten
Das Buch gibt einen Insiderblick in die adligen Kreise Sachsens bzw. Deutschlands (sicher ist viel gleich) am Vorabend des 1. Weltkriegs und damit des Endes des Kaiserreichs. Wie der Titel andeutet ist die Auflösung aller Orten zu sehen, als Paradebeispiel dient die Armee mit dem überweigend adligen Offizierskorps, das Renn selbst erlebt und nüchtern beschreibt. Die reine Darstellung der Personen, die oft zum Lachen bringt, verhindert, das ganze als polemische Schmähschrift abzukanzeln, denn der reine Bericht erinnert an eine gemütliche Erzählung aus der alten Zeit, ohne aber zu verherrlichen oder zu verschmähen. Nüchterne Feststellungen, natürlich versehen mit, aber nicht vermischt mit, Gedanken des Autors bringen eine exzellente Ausgewogenheit zwischen dem Anliegen, den Zustand des Adels in der Armee (und wohl auch im Staatswesen) zu zeigen sowie klasse Unterhaltung. Dieses Buch ist etwas für historisch Interessierte, sächsische Heimatkundler, Gegner und Anhänger des Adels und Gediente, denn soviel hat sich anscheinend doch nicht geändert!