Devins "Pop"-Album ist tatsächlich das mit Abstand eingängigste seiner Karriere geworden. Zwar waren schon auf früheren Solo-Alben einige hitverdächtige Einzelstücke, doch kam man kaum jemals auf die Idee, sich in der Metal-Disco seines Vertrauens einen Townsend-Song zu wünschen. Seine progressiven und komplexen "Walls of Sound" sind zumeist so vollgestopft mit mehr oder weniger abgefahrenen Elementen, dass wohl jede Disco-Anlage diesen Sound zu ungenießbarem Klangbrei verarbeiten würde. Auch tauchte man in die bisherigen Townsendschen Klangwelten eher mit geschlossenen Augen und im abgedunkelten Raum ein - "tanzbar" jedenfalls war seine Musik bisher kaum. Dies hat sich nun geändert, allerdings wieder einmal anders als erwartet.
Im Vorfeld hatte Townsend schon ausführlich über den Entstehungsprozess dieses Albums berichtet: Dass es gleichzeitig mit drei anderen Alben (dem bereits erschienenen "Ki" sowie den für Frühjahr 2010 angekündigten "Deconstruction" und dem unoffiziell als "Ghost" betitelten vierten Album der Reihe) entstanden ist und seinen Kampf und die Abkehr von diversen Süchten und Abhängigkeiten thematisiert. Dass es zumindest inspiriert davon ist, wie im "Pop-Zirkus" immer wieder mit einfachsten Mitteln Musik produziert wird, die sich dennoch bestens verkauft. Gleichzeitig bekannte sich Townsend, der mit seiner früheren Band Strapping Young Lad Protagonist extrem "harter" Spielarten des Metals war, dazu, durchaus großer Fan von Popmusik (wie etwa Enya oder auch die Vengaboys) zu sein. Letztendlich gab es also etwas widersprüchlich erscheinende Motivationen dazu, zwar ein "Pop"-Album zu produzieren, das in gewisser Weise den Regeln des "Business" folgt, gleichzeitig jedoch auch diese Regeln kritisch zu bearbeiten.
Mit den ersten beiden Tracks legt Townsend dann auch simpel aber effektiv gestrickte "Stomper" vor, die besser tanzbar als jeder andere Song seiner Laufbahn sein dürften. Warum er es allerdings nicht lassen kann, in den Titeltrack dann doch einige "schräge" Zwischentöne einzubauen, dürfte wohl daran liegen, dass es ALLZU flach dann wohl doch nicht werden sollte. Das kann man inkonsequent nennen, aber offenbar war Townsend seine Künstlerehre dann doch mehr Wert als die Radiotauglichkeit.
Beim Stichwort "Künstlerehre" beweist er allerdings mit "Bend it like Bender" einigen Mut, hört man doch recht deutlich den bereits vielfältig erwähnten Vengaboys-Einfluss (Hilfe!) heraus. Im Kontext des Albums stört es aber überraschenderweise überhaupt nicht, sondern befördert im Gegenteil vor allem den gutgelaunten Gesamteindruck. Außerdem freut es Futurama-Fans.
Soweit passt das auch alles in Townsends lang angekündigtes Pop-Konzept.
Dann aber kommt mit "Supercrush" eine Über-Hymne, die (für mich) auf einmal eine Emotionalität einführt, die weit über das Erwartete hinausgeht (an dieser Stelle widerspreche ich manch anderem Rezensenten). Hier rühren mich auch beim dreißigsten Hören noch die sich abwechselnden Gesangslinien von Devin und Anneke van Giersbergen (Ex-The-Gathering) sowie der überwältigende Breitwandsound, der insbesondere in diesem Lied mal wieder an ein vorbeidonnerndes Raumschiff erinnert.
Das folgende "Hyperdrive" ist eigentlich noch vom "Ziltoid"-Album bekannt, das eher träumerisch-melancholische Original wird hier allerdings von Anneke deutlich optimistischer und rockiger interpretiert. Da es bereits lange vor den Aufnahmen zu "Addicted" Youtube-Videos davon gab, wie Anneke eben dieses Lied mit ihrer Band "Agua de Annique" coverte (und mir dies nicht sehr gefiel), wurde ich von der Aufnahme auf "Addicted" sehr positiv überrascht. Im ersten Townsend-Lied, das er vollständig einer anderen Sängerin überlässt, macht sie praktisch alles richtig. Dennoch ist es, da bereits bekannt, für mich kein Highlight des Albums.
"Resolve" bietet einen sehr starken Refrain und einen treibenden Rhythmus, allerdings sorgt hier vermutlich der "zappaesque" Anfang dafür, dass es kaum als Disco-Knaller eingesetzt werden dürfe. Eigentlich irgendwie schade, aber Kunst geht natürlich vor.
Im folgenden "Ih-Ah" legt Townsend eine lupenreine Pop-Ballade vor, die nun wirklich das mit Abstand radiotauglichste Stück seiner Karriere geworden wäre, wenn nicht der textlich leicht beknackte "Ih-Ah"-Refrain wäre. Für den gibt es allerdings eine ebenso einfache wie einleuchtende Erklärung: Devin hat das Lied geträumt, und im Traum hieß es eben so. Na denn. Es entstand übrigens nach den eigentlichen Aufnahmesessions zu "Addicted", als Townsend nach eigenen Angaben mitten in der Nacht aufwachte und sich - vom Traum inspiriert - direkt hinsetzte und am selben Tag noch alles alleine aufnahm (mit Drumcomputer, der aber absolut nicht negativ auffällt).
Bei "The Way Home" begeistert wie so oft Townsends klarer Gesang und seine Fähigkeit zur Steigerung, im Vergleich zum folgenden "Numbered" geht es jedoch ein wenig unter (aber nur, um nach vielfachem Hören irgendwann als heimliches Lieblingslied wiederentdeckt zu werden).
Der erwähnte vorletzte Track des Albums zieht wieder alle Wall-of-Sound-Register und bietet einen äußerst eingängigen Refrain, der wieder von Frau van Giersbergen ganz zauberhaft gesungen wird. Kritisch kann man den Mittelteil sehen, in dem mal wieder ein altbekanntes Townsend-Musikelement zum Einsatz kommmt, das man ähnlich etwa in "Deep Peace" oder "Color Your World" schonmal gehört hat. Das Stück ist jedoch so gut, dass es dem Meister verziehen sei, sich gelegentlich zu wiederholen.
Den Abschluss bildet das epische "Awake", das offenbar sowohl textlich als auch musikalisch eine Brücke zu den folgenden "Deconstruction" und "Ghost" schlagen soll. Hier keift Townsend dann auch mal in lang vermisster Art und Weise, die höchste Erwartungen für das Folgealbum weckt.
Klangtechnisch hat sich Townsend für die höchstgezüchtete Produktion entschieden, die ihm mit seinen Mitteln möglich war. So gab Townsend an, teilweise wieder einmal über 250 Tonspuren gleichzeitig verwendet zu haben. Dies führt neben dem erwähnten Raumschiff-Vorbeidonner-Sound dazu, dass man die Chance hat, trotz der vergleichsweise simpleren Songs auch nach vielmaligem Hören neue Details zu entdecken. Anders als bei üblichen geglätteten Pop-Produktionen ist die Dynamik von "Addicted" übrigens nur vergleichsweise gering komprimiert. Das freut Hifi-Fans, könnte sich allerdings in besagter Disco oder (haha) im Radio nachteilig auswirken (weil es evtl. etwas leiser wirken könnte als andere CDs). Übrigens hätte Townsend für den Mix fast Mike Fraser und Randy Staub engagiert, die schon bei Metallica, Nickelback und anderen Mainstream-Rockbands für den massentauglichen Sound sorgten, es aus finanziellen Gründen dann aber doch selbst übernommen (der Mix alleine wäre viel teurer geworden als das Budget für das Gesamtalbum hergab).
Spieltechnisch gibt es nichts zu bemängeln, auch wenn es sich nicht um ein Album für Virtuositäts-Nerds handeln dürfte, die ein Lied nur ernstnehmen, wenn es mindestens jeweils ein 4 minütiges Gitarren- und Keyboardsolo enthält *hüstel*. Insbesondere der schon von "Accelerated Evolution" und "Synchestra" bekannte Schlagzeuger Ryan van Poederooyen macht einen guten Job und zeigt in einer Menge progressiver Fill-Ins songdienlich, was er kann. Gesanglich entwickelt Townsend bei jedem seiner Alben wieder neue Qualitäten und festigt immer mehr seinen Status als vielseitigster Sänger der gesamten Metalszene. Die starke Einbindung der Stimme Anneke van Giersbergens wirkt erfrischend und nutzt dem Gesamten in jeder Hinsicht. Ich bin bei weiblichen Sängerinnen in diesem Genre häufig etwas empfindlich, jedoch bleibt der befürchtete Nerv-Faktor völlig aus.
Kurz zusammengefasst: "Addicted" ist ein sehr eingängiges, "süchtig machendes" Album, das insbesondere durch die vielschichtige Produktion durchaus auch einigen Tiefgang bieten kann - wenn auch deutlich weniger als die meisten seiner früheren Produktionen. Positiv ausgedrückt ist es immer wieder faszinierend, wie sich Townsend mit jedem Album gleichzeitig treu bleibt und neu erfindet. Gleichzeitig könnte man jedoch auch mit einigen Recht kritisieren, dass nicht alles an diesem Album "neu" ist, sondern sich Townsend an mehr als einer Stelle deutlich selbst zitiert. Der großartige Gesang, das perfekte Zusammenspiel von Devin und Anneke, sowie die Kombination von einfach geil rockenden und (für mich) auch einigen fast zu Tränen rührenden Passagen reichen locker für 5 Sterne aus. Mit den Klassikern "Ocean Machine", "Terria" und "Infinity" kann es meiner Ansicht nicht ganz konkurrieren, aber das hat es aufgrund seines ganz eigenen Wertes auch nicht nötig.