Die Frage ist nicht, ob jüdische Multiplikatoren im Publikum und andere Personen in den U.S.A. "to be offended" sein wollten, auch nicht, ob es schicklich ist, zeitgenössische Themen musiktheatralisch zu verarbeiten, sondern ob es sich um eine Oper von Rang handelt, über den (dann doch begrenzten) Skandal hinaus, ob sie dramaturgische Kraft besitzt, das Libretto für sich stehen könnte, ganz einfach: Ist es gute Musik? Ist es eine gute Geschichte? Ist sie gut erzählt? Kurzfassung meiner Antwort: Nein, es ist größtenteils dürftige Musik, die Orchestrierung kommt mir lieblos vor. Ja, es ist ein Thema, das zu veropern sich lohnt, das hervorragend transportiert wird, keine Fragen abschließend beantwortet, sogar keine eindeutige Position bezieht. Doch sie ist überbewertet, wie auch "Nixon in China". John Adams ist ein feiner Mensch, der Großartiges geleistet hat, verspielt und voller Ernst sein kann, manchmal beides gleichzeitig. "The Death of Klinghoffer" ist hingegen eher für Menschen, die Oper gar nicht mögen. Die in die Oper gehen, weil sie "Ereignissen" beiwohnen wollen. Oder die glauben, sie hätten die Moderne verstanden, nur weil sie das hier goutieren können. Aber von vorne.
Die Oper beginnt - und das ist formal schon sehr gewagt - mit zwei auf die Sekunde genau gleich langen Chorstücken mit Orchester (politisch korrekter geht es wohl kaum). Dieser Prolog gehört zum besten, was Adams jemals komponiert hat. Im "Chor der Exilierten Palästinenser" heißt es, es sind die ersten Worte: "Geschliffen wurde mein Vaterhaus / Im Jahre achtundvierzig / Als die Israelis über / unsere Straße schritten." Was dann folgt ist eines der emotionalsten Stücke, die ich mir denken kann, und es endet in Rage und Hass, musikalisch gesprochen in einer "dissonanten Doppelakkord-Appogiatur", wem das was sagt. In einer gänzlich anderen Stimmung dann der "Chor der exilierten Juden". Schon beim Einsetzen des Gesangs meldet sich mein Tränendrüsenapparat, immer noch, als würde ich es zum ersten Mal erfahren - in der Übersetzung: "Als ich das Taxi zahlte, war kein Geld mehr da / Und, natürlich, kein Gepäck / Meine leeren Hände sind Zeichen der Passion, sich ihrer selbst erinnernd." Wie Sie sehen, räume ich beiden Stücken, die auch isoliert gehört werden können, denselben Raum ein. Das nenne ich Gerechtigkeit. Dann, nach fast fast 18 Minuten erst, beginnt der 1. Akt mit dem Kapitän, der die Gäste begrüßt, ein wundervolles Entree. Immer noch große Musik. Und danach geht`s bergab.
Was mich ungemein stört, sind die (in der Partitur peinlich genau notierten und beschriebenen) elektronischen Klänge, die nicht zur Zierde eingesetzt werden, sondern das Klangbild regelrecht prägen. Sie muten an, als hätte Adams damals Tangerine Dream als Co-Composer beschäftigt. Auch sonst bin ich über das Lob von Nagano oder Sellars, dass Adams gerade hier auf der ersten großen Höhe seiner Instrumentierungskunst sein soll, mehr als erstaunt. Bereits im I. Akt, später aber mit noch stärkerer Durchdringung blubbert und wabert der Synthesizer durch alle Ecken und Erker. Nichts gegen Elektronik, sie kommt schließlich auch im "Chor der exilierten Juden" zum Tragen, hier hingegen ist sie ein färbendes Element, und nicht wie später diese loopartigen Muster, die sich vor die orchestrale Musik schieben, dabei würde deren Weglassen niemanden stören, außer den Komponisten. Damit ist mein Problem mit diesem Werk benannt. Das ist der Grund, warum ich mich hier nicht überschlage vor Ehrerbietung. Eine halbe Sache. Ist die Elektronik gar eine allzu flockige Zuwendung zum Publikum ("Horch mal, das kennst Du doch auch aus der Pop-Musik! Das hälst Du schon durch, komm, ich führe Dich!")? Dann würde ich noch mehr auf Distanz gehen. Riecht nach Kompromiss. In einer Oper, die in ihrer Gesamtheit als "künstlerisch gewagt" eingestuft wird.
Trotzdem: Die beiden Chöre, sie bleiben (die anderen kann man vergessen). Den Prolog sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man um Tonalität, Melodien und klassischen Ausdruck keinen Bogen macht. Solche erhebenden Momente finden wir weder in der furchtbar hochge-PR-ten, sturzlangweiligen "Nixon in China"-Minimalcharade, noch in "Dr. Atomic" oder "El Nino".