Aus der Amazon.de-Redaktion
Bromage und Schrenk, der eine Professor in New York, der andere in Frankfurt am Main, beichten einen Jugendstreich: Wie sie -- ohne Geld -- große Rosinen im Kopf züchten: Einen neuen Vormenschen (Hominiden) wollen sie finden. In Afrika. Spannend, wie aus dieser Mega-Rosine erst ein afrikanisches Abenteuer wächst und schließlich zwei wissenschaftliche Karrieren entstehen. Eine weitere Rosine der beiden Studentenköpfe: der Ort, an dem sie sich auf die Suche begeben. Es geht ihnen darum, die Lücke zu schließen zwischen den Hominidenfundorten Afrikas. Sie entscheiden sich für das Land entlang des riesigen Malawisees. Anfang der 90er-Jahre machen sie jene aufregenden Knochenfunde, von denen sie geträumt hatten. Dank der Forschungen von Schrenk und Bromage stellt sich heute die Karte der Fundgebiete von Hominiden geschlossener dar.
Als entscheidend für den Erfolg sehen die Forscher die Einbettung ihrer Arbeit in die Kultur Malawis an: "Wir nahmen unsere akademische Arbeit in Afrika von einer sehr persönlichen Seite: Das war nicht Arbeit, das war unser Leben. Diese Einstellung bedeutet, Zeit zu haben, um die Städte, die Dörfer, die Menschen kennenzulernen." Der Leser darf mit, lernt Afrika von ungewohnter Seite kennen und erfährt ganz nebenbei und gesprächsweise viel über den Ursprung der Familie Mensch. --Michael Winteroll
Spektrum der Wissenschaft
1982 beschlossen sie dann, tatsächlich nach fossilen Hominiden zu suchen. Aber wo? In Ost- und Südafrika waren bereits prominente Forschungsteams erfolgreich gewesen. Zwischen diesen beiden Regionen erstreckte sich ein 3000 Kilometer langer "Korridor", der zwar bis dahin ohne Hominidenfunde war, aber durchaus aussichtsreich erschien. Damit war der Name "Hominid Corridor Research Project" geboren; für die Suche wurde das Land Malawi gewählt. Von dort lag allerdings paläontologisch nichts vor als eine Beschreibung wirbeltierhaltiger Sedimente von 1927.
Angetrieben von ihrem großen Traum, scheuten Schrenk und Bromage fortan keine Mühen, aber es vergingen noch etliche Jahre, bis ihr Traum in Erfüllung ging. Da der erhoffte Hominidenfund sich zunächst nicht einstellte, wurde es immer schwieriger, die erforderlichen Mittel für ein solches Feldforschungsvorhaben aufzutreiben. So mussten die gefundenen Schweine, Antilopen und anderen Wirbeltiere in den Vordergrund des Projektes gerückt werden - nicht zu Unrecht, denn sie würden wertvolle Hinweise auf die Lebensumwelt der Frühmenschen geben, wenn diese erst gefunden wären.
Auf den ersten Forschungsaufenthalt in Malawi 1983 folgten viele weitere. Schrenk und Bromage beschreiben das Paläontologenleben so anschaulich, dass man es fast nacherleben kann. Um ein großes Gelände systematisch abzusuchen, wird ein Camp errichtet. Schon vor 5 Uhr, bevor die ersten Hähne krähen, geht es hinaus zu den Fundschichten. Sechs Stunden lang durchstreift das Team das unwegsame Gelände und die bis zu fünfzig Meter tiefen Schluchten. Nachmittags werden die tierischen Fossilien ausgebreitet, gesichtet und gesäubert, bis gegen 17 Uhr die Nachtvorbereitungen beginnen und man Zeit zur Entspannung bei Cashewnusswein findet. Nebenbei erfährt der Leser, wie ohne die eigentlich nötigen Ingredienzien dieser "wohl köstlichste Fruchtwein aller Zeiten" gebraut werden kann und welche kleinen Feuerwerke beim Rösten der Cashewnüsse entstehen.
Neben der eigentlichen Arbeit müssen die Wissenschaftler zahllose lokale Führungspersonen wie Lehrer, Politiker und Mitarbeiter von Behörden vom Sinn eines solchen Projektes überzeugen, den Einheimischen die Sorge nehmen, man suche nach Leichen und alten Knochen ihrer Vorfahren. Überhaupt müssen sie ein Vertrauensverhältnis zur einheimischen Bevölkerung aufbauen, ja ganz in das traditionelle afrikanische Leben eintauchen - was durch Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erwidert wird.
Nach jahrelanger Feldarbeit kommt dann doch noch der große Erfolg. Bromage berichtet, dass er an jenem Tag im August 1991 aufwachte und sich sicher war, heute einen Hominiden zu finden. Wie häufig suchte man den Boden an einer fossilreichen Stelle ab. Es kamen etliche Überreste von Antilopen zu Tage, dann eine Unterkieferhälfte, die zunächst noch kein Aufsehen erregte: Nach zehn Jahren vergeblicher Suche hatte sich Skepsis breitgemacht, just als man am Ziel seiner Träume angelangt war. Doch alsbald kam auch noch der zweite Teil des Kiefers zum Vorschein.
Das wichtige Ziel war erreicht, doch nun begann die rund zwei Jahre dauernde wissenschaftliche Analyse des 2,5 Millionen Jahre alten Fossils. Es stellte sich heraus, dass es zu der Art Homo rudolfensis gehört, die bereits durch etwas jüngere Schädel- und Kieferfunde vom Turkana-See in Kenia bekannt war. Bis heute haben die Forschungen in Nordmalawi nur noch einen weiteren Hominidenfund ans Licht gefördert, ein kleines, verwittertes Oberkieferfragment mit zwei Backenzähnen, das zu einem robusten Vormenschen gehört.
Neben dem langen spannenden Weg bis zur Entdeckung des Hominidenfundes berichtet das Buch auch von früheren Entdeckungsgeschichten, zeigt auf, wa-rum gerade Schweinefossilien so wichtig sein können, und plädiert dafür, die Hominidenevolution in Verbindung mit Veränderungen des Klimas, der Umwelt und des Lebensraumes unserer Vorfahren zu sehen. Vor diesem Hintergrund entwi-ckeln die Autoren ein Bild von den Wegen der Menschwerdung, das sowohl die neuesten Entdeckungen an der Wurzel der Hominiden wie auch schon länger bekannte Vor- und Frühmenschenarten bis hin zur Entstehung des modernen Menschen behandelt.
War die Entdeckungsgeschichte des Malawi-Kiefers bereits ein wahrer Kraftakt, so hält das letzte Kapitel des Buches fast noch eine Steigerung bereit. Es handelt von der Idee der Autoren, in dem 8000-Seelen-Ort Karonga in Nordmalawi, in dem einer Umfrage nach das Wort "Museum" fast unbekannt war, ein "Cultural and Museum Center" zu errichten, sowie von dem schwierigen Weg bis zu dessen Realisierung.
Der Malawi-Kiefer ist ein weiterer bedeutender Mosaikstein in dem Riesenpuzzle zur Menschwerdung, das inzwischen Tausende von Funden und viele gut bekannte Arten umfasst. Sicher wird dies nicht der letzte Fund des engagierten Teams sein. Neben der wichtigen Jagd nach neuen Fossilien besteht der weitaus größte Teil paläoanthropologischer Forschungsarbeit aber in der oft ebenso spannenden Analyse der Hominidenfunde und in der Rekonstruktion der Menschwerdung. Ein Buch, das ohne Frage Begeisterung für dieses Fach weckt.
Rezensent: Günter Bräuer