DEN ANSPRUCHSVOLLEN METAPHORISCHEN RAHMEN LEIDER NICHT EINGELÖST (LUDWIG WITZANI)
Ingo Schulzes neuer Roman hat in der Rezeption der Kritik ein überwiegend positives Echo eingefahren. In 3Sat Kulturzeit wurde das Buch wärmstens empfohlen, und dass es der Roman bis auf die Shortlist des deutschen Buchpreises schaffen würde, konnte auch niemanden mehr überraschen. Denn der metaphorische Fokus des Werkes ist originell: der Auszug der Menschen aus der untergehenden DDR erscheint am Beispiel von Adam und Evelyne wie der Auszug von Ahnungslosen aus einem vermeintlichen Paradies.
So weit so verheißungsvoll. Wie aber ist der metaphorisch beeindruckende Rahmen literarisch ausgefüllt? Eben durch Adam und Evelyne, der erste ist ein Schneider mit einem großen Adamsapfel ( daher der Nickname), die andere ist seine Freundin, die in der DDR um einen Studienplatz kämpft. Adam kämpft nicht sondern näht und zwar wunderschöne Kleider für die Frauen, um sie dann, wenn sie seine Kreationen tragen, gerne auch mal zu beschlafen. Auf die Dauer geht das natürlich schief: Evelyne platzt überraschend in ein solches Schäferstündchen hinein und zieht empört von dannen. Wohin? Natürlich nach Ungarn, wo sich gerade damals im Sommer 1989, viele DDR-Bürger versammeln, die nur auf eine Möglichkeit lauern, das Arbeiter und Bauernparadies zu verlassen. Von diesem zeitgeschichtlichen Kontext aber ist in dem Buch kaum die Rede, stattdessen folgt die Handlung der Logik einer Irrungen-und-Wirrungen-Komödie. Adam reist seiner Evelyne in "Heinrich", seinem Oldtimer-Wartburg, hinterher, gabelt unterwegs die egozentrische Katja auf, ehe er dann am Balatonsee seine Evelyne wieder sieht. Nun kommt Michael ins Spiel, er ist zwar nicht der Erzengel, aber ein Westler, der der angesäuerten Evelyne die Verlockungen der kapitalistischen Welt so prall vor Augen führt, dass sie mit ihm schläft und sogar eine Flucht in den Westen plant (also nicht der Erzengel, sondern die Schlange?) Am Ende aber bleibt sie dann doch bei dem guten Adam, der sich in seiner Liebe dazu verleiten lässt, mit Evelyne in den Westen bis zum spießigen Onkel Eberhand nach Bayern zu fliehen (Achtung: Schiller - wo ihre Spur im Sand, da ist mein Vaterland!) Oder doch nicht? Denn dieser Ortswechel macht den armen Adam traurig, er befindet sich mit einem mal in dem Land in dem das "zuviel"( Achtung: Erbsünde) das "Wesentliche" (was ist das? die Schildkröte?) verschüttet. Doch eine Rückkehr in das Paradies ist ausgeschlossen, denn eine kurze Stippvisite in die Heimat findet das gemeinsame Haus verwüstet. Am Ende ziehen Adam du Evelyne in eine WG und beginnen als werdende Eltern ihr Leben von neuem.
Soweit die Geschichte von Adam und Evelyne, die sich auf etwa dreihundert Seiten locker herunter liest, ohne dass sich irgendwo eine sprachliche, formale oder inhaltliche Raffinesse ergäbe, die die Lektüre erschweren würde. Die Charaktere sind ebenso flach wie der Balatonsee, die Situationsschilderungen mitunter stereotyp (man denke nur an den bösen Onkel Everhard), die Handlungsführung ist an Beliebigkeit kaum zu überbieten, und was an der viel gerühmten Dialogform so großartig sein soll, ist mir bis zum Ende schleierhaft geblieben. Stattdessen erstaunt, wie wenig die dramatischen Umbrüche der Zeit in das Buch hineinspielen. Die ganze Erzählung ist von der ersten bis zur letzten Seite privatistisch, was als ein Ansatz vertretbar sein mag, bei diesem Thema alleine aber nicht hinreicht. Der anspruchsvolle metaphorische Rahmen begleitet den Leser wie eine verrheißung, die aber an keiner Selle wirklich eingelöst wird. Adams Gejammer über die verlorene Heimat ist pure Ostalgie - oder, einfacherer ausgedrückt, faule Anhänglichkeit an die Gewohnheit. Die alte DDR mit ihren einhunderttausend Stasiagenten, mit Mauer und Schiessbefehl kommt in dem Buch praktisch nicht vor, stattdessen erscheint Honneckers Land als eine Art Schlechtwetterregion, der gegenüber sich Adam am liebsten in die eigenen vier Wände zurückzieht, während Evelyne lieber in eine andere Klimazone flieht. Alles in allem also ein Buch, dass man bei schlechtem Wetter durchaus lesen kann aber nicht unbedingt muss. Tut mir leid, Ingo, da ist Tellkamp doch ein ganz anderes Kaliber.
BERUFSSCHRIFTSTELLEREI UND DIE FOLGEN (THOMAS REUTER)
Kann Schriftstellerei eigentlich ein Beruf sein? Geht das überhaupt? Was macht man eigentlich, wenn man Schriftsteller von Beruf ist und schon wieder so einen Roman schreiben muss?
Das sind Fragen, die nicht meine Fragen sind, denn ich bin kein Schriftsteller. Es sind aber Fragen, die plötzlich auftauchten, als ich den neuen Roman von Ingo Schulze las, den Roman "Adam und Evelyn". Was wird mir hier eigentlich erzählt, frage ich mich. Da ist Adam, ein Schneider in Ost-Berlin, da ist seine Freundin Evelyn. Er geht notorisch fremd, sie verlässt ihn, reist mit einer Freundin nach Ungarn, er hinterher. Dann taucht da noch so ein Wessi auf, der auf Evelyn scharf ist und dann fällt der eiserne Vorhang und beide ab in den Westen.
Private Liebeleien, Schicksale und Tragödien treffen auf weltgeschichtliche Ereignisse und man erkennt: das eine hat mit dem anderen nichts, aber auch gar nichts zu tun. Möglicherweise soll hierin die Aussage stecken: Wie sich der Mensch doch immer in seinen kleinen privaten Räumen liebt und zankt - ganz gleich, ob um ihn herum die Welt zusammenbricht.
Aber irgendwie trägt das nicht. Die Geschichte langweilt schrecklich. Der ganze angedeutete Überbau von Adam und Eva und dem Auszug aus dem Paradies bleibt letztlich völlig funktionslos. Aber immerhin macht man sich als Leser so seine Gedanken und fragt sich: Ist da was? Heißt das was?
Aber nein, es kommt am Ende bei aller Exegese nichts herum und wenn die Geschichte das Buch nicht trägt, dann taugt doch aller formale Furor nichts.
Am Ende denke ich, da hat halt der Schulze so einen Roman geschrieben, weil er nun mal Schriftsteller ist und sich vermutlich denkt, was soll ich denn nun schreiben. Und solch ein Zustand wird auch noch künstlich herbeigeführt, indem man den Schriftsteller ein Jahr lang mit anderen Künstlern in die Villa Massimo in Rom einsperrt und sagt: Nun schreib mal schön ein Buch. Und das kommt dann wiederum auf die Short-List des Deutschen Buchpreises.
Also, ob das alles so richtig ist? Ich weiß ja nicht.