Die Besprechung gilt der 2006 von Repertoire Records veröffentlichten remasterten Version von "Acquiring the Taste".
Man hört dieses Album wie zum ersten Mal. Das vorzügliche digitale Remastering bringt dieses Juwel mehr denn je zum Leuchten. Alle Instrumente - und es sind etliche - klingen so klar und deutlich, als wäre die Band gerade gestern im Studio gewesen. (Nur das Vibraphon in "Pantagruel's Nativity" wirkt verwaschener im Vergleich zur Vinyl LP.) Auf meiner Anlage höre ich absolut kein Rauschen oder zumindest keins, das sich vom Rauschen des Verstärkers bei hoher Lautstärke unterscheidet.
Die Musik dieses Albums ist so frisch und aufregend wie sie es immer war. Erneut und noch mehr als vorher enthüllt das Remastering die wunderschönen Arrangements, die Meisterschaft jeder der sechs Musiker und ihr perfektes Zusammenspiel.
Zur Zeit der Erstveröffentlichung 1971 war "Acquiring the Taste" das, was man "cutting edge" nennt: die Spitze der Entwicklung der populären Musik und auch der damaligen Aufnahmetechnik. Die innovative Mischung von Rock, Jazz, Blues, Klassik und mittelalterlicher Musik bleibt bis heute unerreicht.
Die remasterte Edition eröffnet ausführlich die Gelegenheit, die komplexe Struktur dieses Albums und das Spiel der einzelnen Musiker zu studieren. Die Bässe sind klarer zu hören als auf Vinyl. Und insbesondere den unschätzbaren Beiträgen von Gitarrist Gary Green kann endlich die Aufmerksamkeit zukommen, die sie schon immer verdienten.
Diese Musik ist wirklich Kunst! Ich würde sogar sagen Hochkultur. Jede Aufnahme ein eigenes Meisterwerk. Kein anderes Album von Gentle Giant mit der Ausnahme von "The Power and the Glory" war so avantgardistisch und abenteuerlich wie dieses. Obwohl das in sich geschlossenste und beste Album vielleicht das Konzeptalbum "Three Friends" war, das Folgewerk zu "Acquiring the Taste".
Meine Lieblingstitel:
- das düstere Eröffnungsstück "Pantagruel's Nativity", das eine eigenartige Atmosphäre erzeugt, wie das nur Gentle Giant konnte und die ich als eine Art "elektronisch schwingendes Mittelalter" bezeichnen würde;
- "The House, The Street, The Room" mit dem außergewöhnlichen einleitenden Riff;
- natürlich "Wreck", die immer noch atemberaubende Hymne an alle Schiffbrüchigen, in der Bass, Gitarre, Synthesizer und Gesang einen so packenden Sound erzeugen, daß man die "kochende Hölle" ("boiling hell") der tosenden Wellen beinahe hautnah fühlen kann;
- "Plain Truth", wo Ray Shulman seine elektrische Geige wimmern und weinen läßt, nur um die Band mit einem existentialistischen Chorgesang hereinbrechen zu lassen: "You stand and wonder / Just let it warm your skin / Take all the living / Live life and let it win / Plain truth means nothing / Cry, laugh and cry again / You question answers / Born, live and die, Amen".
Das Cover im sogenannten "Digi-Sleeve Format" imitiert sorgfältig das ursprüngliche Klappcover der LP. Ein kleines Poster mit den zur besseren Lesbarkeit nochmals vergrößerten Texten und eine kurze Geschichte von Gentle Giant liegen bei. Repertoire teilt auf dem Cover mit, daß diese Edition auf 3000 Exemplare beschränkt ist und versprach dem Autor in einem E-Mail, ein entsprechendes Zertifikat auf ihrer Web Site zur Verfügung zu stellen.
Unglaublich, nicht 25, nein 35 Jahre her.