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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine sehr ernüchternde Bilanz der Achtundsechziger, 3. Mai 2008
Kraushaars Veröffentlichung unterscheidet sich von Götz Alys Buch "Unser Kampf" in zumindest einem wichtigen Punkt: Die Aggressivität ist wesentlich gedämpfter. Dies rührt möglicherweise daher, dass Kraushaar nur ein "Tangentialachtundsechziger" (wie er sich selbst apostrophiert) war. (Dasselbe gilt übrigens auch für den Rezensenten.)
Aber die Hauptthesen sind nicht so viel anders. "Die Gewalt war das insgeheime Magnetfeld der Achtundsechzigerbewegung. Von ihr ging die stärkste, zugleich abgründigste Anziehung aus." (S. 82) Weitere "Magnetfelder" waren Sexualität und die Dritte Welt.
In der Sicht der Achtundsechziger waren Wirtschaft, Staat und Gesellschaft existierender Staaten schlechthin durch Gewalt geradezu konstituiert. (Lenins und Stalins Sowjetunion, Maos China, Pol Pots Kambodscha hätten sie wohl ausgenommen.) Gewalt (die später von Johan Galtung "strukturelle Gewalt" genannt werden sollte) provozierte und legitimierte "Gegengewalt", worunter alles mögliche subsumiert werden konnte, bis hin zu Brandstiftung, Bombenattentaten (beispielsweise auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 in Berlin-Charlottenburg) und brutalen und hinterhältigen Mord.
1968 konnte man in der Frankfurter Universität die Parole "Lest Wilhelm Reich und handelt danach!" lesen. Eines der vielgelesenen Bücher Reichs trug den Titel "Die Funktion des Orgasmus. Zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens". Die Botschaft lautete, vereinfacht: Gib Dich den lebenden Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung hin, nur so können Du und die Gesamtgesellschaft gesunden. (Ein zeitgenössisches Analogon wäre wohl "Vögeln für den Frieden und gegen die globale Erwärmung".)
Die dritte Welt wurde den jungen "Internationalsozialisten" (wie Hermann Lübbe gerne und oft sagte und schrieb) insbesondere durch Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" ("Les Damnés de la Terre", 1961) bekannt. Sie identifizierten und solidarisierten sich sogleich mit unterdrückten Völkern in Afrika, Südamerika und Asien. "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", so dachten sie wohl im Geiste von Jesus (Mt 25, 40) und schrien - allerdings recht unjesuanisch - "USA - SA - SS", "Amis raus aus Vietnam!", "Waffen für den Vietcong", "Schafft zwei, drei, viele Vietnam!" Man könnte auch sagen: Die Internationalsozialisten übten - wiederum unjesuanisch - Fernstenliebe. Kraushaar formuliert es so: "Die Dritte Welt war eine 'Projektionsbühne' für romantisch aufgeladene Bilder eines internationalen Befreiungskampfes. Die fernen Guerrilleros diente der Achtundsechzigerbewegung als Ersatz für ihre im eigenen Land mehr oder weniger ge-genstandslosen revolutionären Hoffnungen. [...] Sich als Teil internationaler Solidarität zu verstehen, war zugleich der Versuch, an einem globalen Mythos teilzuhaben und sich auf diesem Weg einen revolutionären Nimbus zu geben. Das alles war reichlich überspannt und von einer Vermessenheit, für die bundesdeutsche Linksradikale offenbar besonders anfällig waren." (S. 109)
Das Buch mit seinen fast 340 dicht geschriebenen Seiten ist damit selbstverständlich noch nicht rezensiert. Weitere sehr interessante Punkte betreffen die Hysterie um die Notstandsgesetze, die in delirierenden Parolen wie "1933 Ermächtigungsgesetz - 1968 NS-Verfassung" mündete (S. 163 ff.), die aus dem Zerfall der APO entstehenden Psychosekten, wo auch ein früher Mentor des Rezensenten, Dr. Dieter Duhm (bekannt aus dem berühmten Film "Indiana Jones and the Temple of Duhm"), ausgiebig gewürdigt wird (S. 194 ff.), und schließlich den Zusammenhang zwischen Protestantismus und Pietismus einerseits und Gewalt andererseits (S. 282 ff.).
Kurz vor dem Ende dieses sehr gehaltvollen und sehr gut geschriebenen Buches zitiert der Verfasser einen Satz aus einem Brief Theodor W. Adornos vom 6. August 1969: "Aber es ist [der Studentenbewegung] ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt." Am selben Tage noch ist Adorno gestorben. Eine wichtige Ursache für seinen Tod war wohl der Tort, der ihm von den InternationalsozialistInnen, die doch seine SchülerInnen waren, angetan worden war. Adorno hat vornehm untertrieben: Es war weit mehr als nur ein Quentchen.
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Alle wichtigen Zahlen, Daten und Personen, 3. April 2008
Das Buch ist eine Zusammenfassung für alle, die zu jung sind um dabei gewesen zu sein und alle, die sich nicht mehr erinnern können, weil sie dabei waren.
Es beginnt zunächst ernüchternd. Nämlich mit einer langen und langweiligen Darstellung der Hippie-Bewegung in den USA.
Nachdem man sich da aber durchgekämpft hat, steigt die Qualität des Buches beachtlich an.
Positiv ist zunächst hervorzuheben, dass der Autor sich selbst vorstellt. Das ist normalerweise unüblich, erleichtert hier aber das Verständnis. Der Autor ist einer, der "68" mit dabei war. Also ein echter APO-Opa. Diese Information ist wichtig, denn sie verhindert Irritationen beim Lesen. So z.B. wenn der Autor Wolfgang Abendroth einen "namhaften Staatsrechtler" nennt (S. 166, dem Mann wurde sein Lehrstuhl entzogen!). Oder wenn er sich, dem Untertitel zum Trotz, nicht als Bilanzbuchhalter aufführt und den 'Überläufern' unter den 68gern ihren Wechsel zur politischen Rechten persönlich übel nimmt.
Im Hauptteil des Buches werden die Themen, Ziele und Methoden von 1968 ausführlich beschrieben. Nach ca. 150 Seiten kann man die Kommunarden Kunzelmann, Teufel und Langhans auseinander halten und auch Dutschke, Rabehl und Baader richtig zuordnen.
Im Mittelteil des Buches sind auch einige repräsentative Bilder abgedruckt.
Am Ende des Buches läuft der Autor noch mal zur Hochform auf.
Man erhält interessante Einblicke in die Gründung der Partei 'Die Grünen' und erfährt, dass etliche Protagonisten weniger friedens- und umweltbewegt waren, als man so meint.
Dann folgt ein Kapitel über die oben schon angesprochenen 'Überläufer' unter den 68igern. Dass der Autor sie wirklich alle in Bausch und Bogen zu bösen (Neo)Faschisten erklärt, liest sich fast wie persönliche Enttäuschung (s.o.). Es ist aber sehr interessant, dass jemand wie Horst Mahler sich nach Ansicht des Autors kaum grundlegend geändert hat (S. 251). So gab es wohl große inhaltliche Überschneidungen zwischen SDS - RAF - NPD. Nämlich Antiamerikanismus, Antizionismus/Antisemitismus und Antiparlamentarismus.
Sehr gelungen ist auch das Kapitel "Der Ursprung ist das Ziel". Hier werden die ideologischen und psychologischen Wurzeln von '68' dargelegt. In einer Bilanz müsste so was eigentlich an den Anfang. Aber die Darstellung am Ende hat auch auch Vorzüge. So hat man erst das Phänomen erfahren und kann dann die Ursachen zuordnen.
Im Fazit des Buches geht der Autor nochmal auf das Verhältnis von 68igern und Massenmedien ein. Ob man auch noch seinen Ausblick in der zweiten Hälfte des Fazits teilt, ist dann eher Geschmackssache.
Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch.
Einen Stern muss ich aber aus drei Gründen abziehen:
1. Wegen des langweiligen Hippie-Kapitels.
2. Sprachlich hapert es an manchen Stellen. Das liegt an den Schachtel- und Bandwurmsätzen von acht Zeilen und mehr, was sich auf das Verständnis niederschlägt.
3. Es wäre schön, wenn auch ein paar Worte zur Organisation der Revolte gefallen wären. Denn als Nachgeborener fragt man sich unausweichlich: "Wie konnten die denn ohne Handy und Internet einen Vietnam-Kongress veranstalten???".
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine sehr ernüchternde Bilanz der Achtundsechziger , 31. Januar 2009
Kraushaars Veröffentlichung unterscheidet sich von Götz Alys Buch Unser Kampf: 1968 - ein irritierter Blick zurück in zumindest einem wichtigen Punkt: Die Aggressivität ist wesentlich gedämpfter. Dies rührt möglicherweise daher, dass Kraushaar nur ein "Tangentialachtundsechziger" (wie er sich selbst apostrophiert) war. (Dasselbe gilt übrigens auch für den Rezensenten.)
Aber die Hauptthesen sind nicht so viel anders. "Die Gewalt war das insgeheime Magnetfeld der Achtundsechzigerbewegung. Von ihr ging die stärkste, zugleich abgründigste Anziehung aus." (S. 82) Weitere "Magnetfelder" waren Sexualität und die Dritte Welt.
In der Sicht der Achtundsechziger waren Wirtschaft, Staat und Gesellschaft existierender Staaten schlechthin durch Gewalt geradezu konstituiert. (Lenins und Stalins Sowjetunion, Maos China, Pol Pots Kambodscha hätten sie wohl ausgenommen.) Gewalt (die später von Johan Galtung "strukturelle Gewalt" genannt werden sollte) provozierte und legitimierte "Gegengewalt", worunter alles mögliche subsumiert werden konnte, bis hin zu Brandstiftung, Bombenattentaten (beispielsweise auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 in Berlin-Charlottenburg) und brutalen und hinterhältigen Mord.
1968 konnte man in der Frankfurter Universität die Parole "Lest Wilhelm Reich und handelt danach! lesen. Eines der vielgelesenen Bücher Reichs trug den Titel "Die Funktion des Orgasmus. Zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens". Die Botschaft lautete, vereinfacht: Gib Dich den lebenden Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung hin, nur so können Du und die Gesamtgesellschaft gesunden. (Ein zeitgenössisches Analogon wäre wohl "Vögeln für den Frieden und gegen die globale Erwärmung".)
Die dritte Welt wurde den jungen "Internationalsozialisten" (wie Hermann Lübbe gerne und oft sagte und schrieb) insbesondere durch Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" ("Les Damnés de la Terre", 1961) bekannt. Sie identifizierten und solidarisierten sich sogleich mit unterdrückten Völkern in Afrika, Südamerika und Asien. "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", so dachten sie wohl im Geiste von Jesus (Mt 25, 40) und schrien - allerdings recht unjesuanisch - "USA - SA - SS", "Amis raus aus Vietnam!", "Waffen für den Vietcong", "Schafft zwei, drei, viele Vietnam!" Man könnte auch sagen: Die Internationalsozialisten übten - wiederum unjesuanisch - Fernstenliebe. Kraushaar formuliert es so: "Die Dritte Welt war eine 'Projektionsbühne' für romantisch aufgeladene Bilder eines internationalen Befreiungskampfes. Die fernen Guerrilleros diente der Achtundsechzigerbewegung als Ersatz für ihre im eigenen Land mehr oder weniger ge-genstandslosen revolutionären Hoffnungen. [...] Sich als Teil internationaler Solidarität zu verstehen, war zugleich der Versuch, an einem globalen Mythos teilzuhaben und sich auf diesem Weg einen revolutionären Nimbus zu geben. Das alles war reichlich überspannt und von einer Vermessenheit, für die bundesdeutsche Linksradikale offenbar besonders anfällig waren." (S. 109)
Das Buch mit seinen fast 340 dicht geschriebenen Seiten ist damit selbstverständlich noch nicht rezensiert. Weitere sehr interessante Punkte betreffen die Hysterie um die Notstandsgesetze, die in delirierenden Parolen wie "1933 Ermächtigungsgesetz - 1968 NS-Verfassung" mündete (S. 163 ff.), die aus dem Zerfall der APO entstehenden Psychosekten, wo auch ein früher Mentor des Rezensenten, Dr. Dieter Duhm (bekannt aus dem berühmten Film "Indiana Jones and the Temple of Duhm"), ausgiebig gewürdigt wird (S. 194 ff.), und schließlich den Zusammenhang zwischen Protestantismus und Pietismus einerseits und Gewalt andererseits (S. 282 ff.).
Kurz vor dem Ende dieses sehr gehaltvollen und sehr gut geschriebenen Buches zitiert der Verfasser einen Satz aus einem Brief Theodor W. Adornos vom 6. August 1969: "Aber es ist [der Studentenbewegung] ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt." Am selben Tage noch ist Adorno gestorben. Eine wichtige Ursache für seinen Tod war wohl der Tort, der ihm von den InternationalsozialistInnen, die doch seine SchülerInnen waren, angetan worden war. Adorno hat vornehm untertrieben: Es war weit mehr als nur ein Quentchen.
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