In den letzten 10 Jahren kommen fast jeden Monat diverse Neuerscheinungen zum Thema "Achtsamkeit" auf den Markt, die Grenzen zwischen praktiziertem Buddhismus und einer Art Wellness-Philosophie sind in diesem Bereich längst verschwommen (was mich persönlich allerdings nicht soo sehr stört - ich lese Bücher aus beiden Abteilungen); in gewisser Weise ist der Begriff inflationär geworden: Achtsamkeit ist "in".
Huppertz hat den Mut, den Begriff "Achtsamkeit" mit einem nüchternen Verstand (der ja in der "Szene" grundsätzlich keinen guten Ruf geniesst) und einem psychologisch-philosophischem Background zu umkreisen; der Hauptteil des Buches besteht darin, dass er die Eigenschaften der Achtsamkeit, wie Offenheit, Gegenwärtigkeit, Freude, usw. in einer sehr luziden und immer anspruchsvollen (aber sehr gut lesbaren) Form darstellt - dadurch unterscheidet sich dieses Buch ein wenig von ähnlichen Werken von J.Kornfield, Thich Nhat Hanh, usw. (die ich ebenfalls sehr schätze).
Als Einführungsbuch zum Thema Achtsamkeit, oder als spirituelle Erbauung (die selbstverständlich auch ihre Berechtigung hat) eignet sich das Buch nicht unbedingt, besser als Ergänzung oder zur notwendigen kritischen Standortbestimmung: "Achtsamkeit klingt gutartig und vielversprechend, aber auch ein wenig betulich und verschwommen" (S.21) Es ist wichtig, dass ein Buch zu diesem Thema einen solche Aussage zulässt.
Der Autor scheint die Lesegewohnheiten seiner Leser gut zu kennen: In seiner Einleitung schreibt er, dass man das Kapitel über "rationale Spiritualität" auch überspringen kann - da musste ich ein wenig schmunzeln.
Ich halte es für sehr wichtig, dass man auf seiner spirituellen Suche seinen kritisch-nüchternen Verstand nicht vollständig entsorgt (wie es nach meiner Beobachtung häufig geschieht); ein Buch wie dieses zeigt einmal mehr, dass diese Verbindung funktioniert.