(Vorsicht, Spoiler!)
Es gibt Filme, die kaum laufen können, weil sie eine Kette mit einer schweren Kugel hinter sich herschleppen, auf denen so etwas wie "Ich bin kein Unterhaltungsfilm, sondern ein Film für Intellektuelle und Kunstliebhaber" steht. Dann wiederum gibt es viele Filme - und dies sind mir die liebsten -, die Anspruch mit einer packenden Umsetzung eines Plots verbinden können. Von den vielen, vielen Streifen, die nur den Anspruch haben zu unterhalten und sogar dies nicht unbedingt immer tun, wollen wir lieber schweigen, um nicht etwa die Fans von solchen Werken wie "300" zu verärgern. Und dann wiederum gibt es Filme, die zum Nachdenken anregen können, obgleich es gar nicht mal eine ausgemachte Sache ist, daß sie dies auch wirklich wollten.
Zu diesen letzteren würde ich auch den Thriller "Rollercoaster" von James Goldstone aus dem Jahre 1977 zählen, der von einem aalglatten Soziopathen (Timothy Bottoms) und seinem Plan handelt, US-amerikanische Vergnügungsparks mit der Drohung terroristischer Anschläge auf Fahrgeschäfte zu erpressen. Um zu zeigen, daß er es ernst meint, bringt der Erpresser zunächst einmal eine Achterbahn in voller Fahrt zum Entgleisen und sorgt dafür, daß es Tote und Verletzte gibt. Dies tut er jedoch so geschickt, daß in der Öffentlichkeit der Anschein eines Unfalls vorherrscht, es also noch nicht zu einer Massenhysterie kommt, die er jedoch jederzeit - sollte seinen Geldforderungen nicht nachgekommen werden - auszulösen vermöchte. Im Sicherheitsinspektor Harry Calder (George Segal) wähnt er einen ihm irgendwie ähnlichen Gegner, den er indes genauso an der Nase herumführen zu können glaubt wie den zuständigen FBI-Mann Hoyt (Richard Widmark). Doch Calder zeigt recht bald, daß man ihn nicht unterschätzen sollte.
Auch wenn sich die Sehgewohnheiten seit den 70er Jahren deutlich geändert haben, kann man "Rollercoaster" als Thriller meiner Meinung nach immer noch einiges abgewinnen, denn Goldstone versteht es, Spannung durch Verzögerung zu erzeugen, während der Trend heute eher dahin geht, den Plot zu beschleunigen. Aber auch Goldstones Verlangsamungstechnik zeitigt ihre Wirkung, wie man ganz zu Beginn des Filmes sehen kann, denn hier weiß der Zuschauer zwar, daß gleich eine Katastrophe geschehen wird, doch der Regisseur begleitet die Achterbahn eine ganze Runde lang mit der Kamera, bevor dann schließlich in der darauffolgenden Fahrt die Bombe vom Erpresser gezündet wird. Dazwischen gibt es eine Montagefolge von detail shots, in denen unter anderem die Gesichter der Passagiere, die ans Gleis fixierte Sprengladung, die Augen des Täters oder die noch intakten Gleise zu sehen sind. Getreu dieser souveränen Inszenierung wartet auch die finale Auseinandersetzung zwischen dem Erpresser und seinen Gegnern mit einigen retardierenden Momenten auf, auch wenn hier nicht alle Möglichkeiten - beispielsweise die Anwesenheit der Tochter (übrigens Helen Hunt in einer ihrer ersten Rollen) und der neuen Lebensgefährtin Calders am Ort des Geschehens, den sie nämlich alsbald nach einer Warnung des Helden brav verlassen - vollends ausgeschöpft werden. George Segal gibt einen geistig unabhängigen und selbstbewußten Protagonisten, der gerade dabei ist, sich das Rauchen abzugewöhnen, während Timothy Bottoms sehr überzeugend in der Rolle des kaltblütigen, gewieften Killers ist. Auch Richard Widmark brilliert als kantiger FBI-Mann, während Henry Fonda eigentlich nur in zwei Szenen zu sehen ist - als Calders Vorgesetzter - und im weiteren Verlauf des Filmes gar nicht mehr in Erscheinung tritt.
Anscheinend haben wir es mit einem typischen Thriller der 70er Jahre zu tun, der sicher nicht zu den ganz großen Filmen zählt, aber durchaus einiges zu bieten hat. Doch kommt hinzu, daß man in "Rollercoaster" durchaus eine hinter der Story verdeckte Aussage lesen kann, von der ich allerdings nicht weiß, ob sie durch den Regisseur und die Drehbuchschreiber auch wirklich als eine solche beabsichtigt war. Ich glaube, dies war wahrscheinlich eher nicht der Fall, denn ursprünglich war es geplant, den Erpresser mit einem greifbaren Motiv auszustatten - nämlich dem Wunsch, das erpreßte Geld seinen Eltern zukommen zu lassen, deren kleinerer Vergnügungspark durch die Anziehungskraft der Großen des Gewerbes in den Ruin getrieben worden war. Indes ließ man diesen Gedanken fallen, da man sich besorgte, dadurch eventuell Sympathie für den in der Endfassung doch sehr kalt, sowohl -blütig wie auch -schnäuzig, wirkenden Verbrecher zu erwecken. Durch den Verzicht auf diesen Hintergrund läßt sich dieser Film meines Erachtens aber auch als Kritik am Umgang mit dem Vietnamtrauma lesen - und das geht so:
Am Anfang des Filmes zeigt Timothy-Bottoms-Charakter an einer Schießbude, daß er ein ausgezeichneter Schütze ist. Auf die Frage des Schaustellers, ob er etwa auch der Army angehört habe, schweigt er vielsagend und geht seiner Wege. Außerdem kennt sich der junge Mann sehr gut mit Sprengstoff, Zündern und anderem technisch-tödlichen Krimskrams aus. Nimmt man nun all diese Anhaltspunkte zusammen und berücksichtigt, daß der Film 1977 entstanden ist, dann liegt es sehr nahe, in dem jungen Mann einen Vietnam-Veteranen zu sehen. Dieser Vietnamheimkehrer nun unternimmt Anschläge auf verschiedene Achterbahnen in Vergnügungsparks. Besonders das letzte dieser Fahrgeschäfte - das gerade eröffnet wird - ist mit allen Insignien des amerikanischen Patriotismus geschmückt, es ist flaggenstarrend und über und über mit den Nationalfarben der Vereinigten Staaten bedeckt. Da es darüber hinaus sehr schnell, hochmodern und lärmend ist sowie oberflächliche Unterhaltung gegen Cash verspricht, ist es eine perfekte Metapher für den amerikanischen Lebensstil, die Konsumorientierung und die Oberflächlichkeit des amerikanischen Durchschnittsbürgers [1]. Dieses Wertesystem wird nun vom Vietnamveteranen attackiert, d.h. die an Kriegstraumata leidenden Ex-Soldaten, diese - um mit dem Man in Black zu sprechen - "walkin', talkin' miracle[s] from Vietnam", die von ihren Kindern bestenfalls geliebt, aber nicht verstanden werden, mit den Geschichten, die sie erzählen könnten, sind wie ein Stachel im fettigen Fleisch der Wohlstandsgesellschaft, deren Hemd zu straff sitzt, als daß sie sich darunter ausgiebig kratzen wollte. Selbst der Held, Sicherheitsinspektor Calder, weiß im Laufe des Wettlaufs mit seinem Gegner schließlich nicht mehr, wer ihn am meisten anwidert - sein Chef Davenport, der FBI-Agent oder der Killer.
Ich gebe zu, diese Lesart des Filmes ist ein wenig abenteuerlich und mag dem einen oder der anderen recht abstrus erscheinen, aber das Ende des Filmes scheint mir eine Bestätigung zu sein, denn hier sehen wir ein Verhalten, das wir in der Realität wohl auf diese Weise nicht antreffen würden: Nachdem der Bottoms-Charakter von den Achterbahnwagen überrollt worden ist (der Alltagstrott mit seiner Hektik und seinen Verlockungen setzt sich gegen die Nachdenklichkeit, die die Auseinandersetzung mit einem Veteranen bei manchem erzeugen mag, am Ende durch), gibt es einen kurzen Schockmoment in der Umgebung, doch dann geht das bunte Jahrmarktstreiben - auch an der Achterbahn - weiter, als sei gar nichts geschehen. Es war mithin eigentlich dieses mir unrealistisch erscheinende Ende, das mich zu der oben vorgestellten Lesart gebracht hat.
Man unterschätze also niemals einen Thriller aus den 70ern. Nach diesem sage ich mir: "What a (hobby horse) ride!"
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[1] Um mich gleich vom modernen Amerika-Bashing zu distanzieren, das in gewissen Kreisen ein Bestandteil politischer Korrektheit ist, möchte ich hinzufügen, daß ich den amerikanischen Durchschnittsbürger nicht per se für oberflächlicher und konsumorientierter halte als den westeuropäischen.