Frido Mann Achterbahn Rowohlt
ISBN 3498045105
Wie kann man im Schatten eines so großen Dichters wie Thomas Mann leben?
Frido, der erste und sehr geliebte Enkel von Thomas Mann, hat sein Leben als Achterbahn beschrieben. Der Titel des Buches wurde zu Recht gewählt, denn dem Jungen wurden viele Jahre lang ständig wechselnde Aufenthaltsorte und ebenso wechselnde Bezugspersonen zugemutet. Die ersten acht Jahre in Kalifornien, wo er 1940 geboren wurde, gehörten allerdings noch zu den schönsten in seinem Kinderleben.
Das Haus seines Großvaters Thomas Mann in Pacific Palisades, die Tanten und Onkel, die dort zahlreich erschienen, hat er in lebhafter Erinnerung. Dazu die vielen Besucher der aus Nazideutschland geflohenen Elite,--es bleiben schöne Erinnerungen.
Schon im kleinsten Baby- und Kindesalter wurde er häufig für längere Zeit bei seinen Großeltern abgegeben. Seine Eltern, Th. Manns Sohn Michael und dessen Frau Gret, führen zeitlebens ein unstetes Leben, das sie in aller Herren Länder führt. Familienleben mochten und wollten sie nicht.
Für den kleinen Jungen festigt sich daher früh eine enge Bindung an den Großvater. Dieser konnte schöne Geschichten erzählen, nahm ihn auf ausgedehnte Spaziergänge mit und war eine ruhige und zuverlässige Erscheinung. Die Großmutter war eher aufbrausend, dabei zärtlich und fürsorglich.
Aus der Perspektive Fridos erfahren die Charakterisierungen aller Mitglieder der Familie Mann, die schon aus anderen Biographien bekannt sind, eine glaubwürdige Ergänzung.
Die exzentrische Erika, das verrückte Mönle, in der Geschwisterfolge das Pendant zu Golo, der Selbstmord von Klaus: Frido bekommt immer nur Schattierungen mit. Er registriert sensibel, wie das Verhalten der Erwachsenen auf ihn wirkt.
Kompliziert ist seine Rolle als Echo im Dr. Faustus, für die er die Vorlage gab. Bekanntlich wird Echo nach qualvollem Leiden mit vier Jahren buchstäblich vom Teufel geholt.
Die Blicke der Erwachsenen und Besucher zeigen ihm, dass man irritiert ist von dem Bild, mit der er zur Romanfigur wurde. Was es bedeutete, mit dem bösen Omen dieser vom Tode bedrohten Figur durchs Leben zu gehen, schildert Frido ausführlich und erläutert die Gedanken, die Th. Mann bewegt haben könnten, ihn zur Leitfigur dieser Rolle zu machen.
Fridos Weg führt nach dem Ende des Krieges und nach den einigermaßen glücklichen Kinderjahren in Kalifornien in die Schweiz, wo ein ungewöhnlich unruhiges Leben für ihn beginnt. Beide Großeltern leben nun am Zürichsee, und sie bleiben auch erreichbar für die Kinder.
In seinen Aufzeichnungen zeigt Frido die Eltern als in sich zerrissene Gestalten, die ihren Kindern überhaupt nicht gerecht werden können. Sie tauchen nur sporadisch auf und schieben ihre Kinder ständig herum. Brüche kamen häufiger vor. Versöhnungen wurden vom Sohn betrieben, der jedoch dabei Hürden zu überwinden hatte.
Die zahllosen Orte, an denen Frido lebte und zur Schule ging, müssen eine Qual für das Kind gewesen sein.
Er beschreibt sein Leben ehrlich und aufrichtig. Es wurde von den übermächtigen Persönlichkeiten der Familie Mann überschattet. Sich daneben zu behaupten, war schier unmöglich.
Der Tod des Großvaters 1955, ein jähzorniger Vater und eine kalte Mutter haben ihn sehr verunsichert. Man fragt sich, wie er unter diesen Bedingungen überhaupt zu einer gefestigten Persönlichkeit heranwachsen konnte. Es ist ihm mit Energie, immer neuen Anläufen, der Begleitung durch die richtigen Persönlichkeiten zum rechten Zeitpunkt gelungen.
Früh schon hatte er eigene Vorstellungen für seine Berufswahl. Er wurde Musiker, Theologe, Psychologe und Arzt, Doktor und Professor.
Seine vorübergehenden Aktivitäten an der Universität Leipzig/ DDR brachten ihn in Misskredit. Vieles wurde ausprobiert, und manches wieder verworfen. Ein Irrender und Suchender war er wohl lange Zeit.
Die marode und zerrüttete Familiengeschichte wird aus Fridos Sicht noch einmal aufgerollt. Seine Ehe mit C., einer Tochter Werner Heisenbergs, hat ihm möglicherweise auf seinem Lebensweg Richtung und Halt gegeben. Auch diese Ehe aber war nicht frei von Anfechtungen.
Auf seiner Suche ist die katholische Theologie lange Zeit für ihn bedeutsam.
Seine inneren Kämpfe und Anstrengungen sind wie in einem Tagebuch festgehalten. Er berichtet über die zahlreichen Ortswechsel, Erfahrungen, freundschaftlichen Begegnungen und beruflichen Fortschritte. Der Nachfahre Thomas Manns kann auf den Ruhm des Großvaters bauen und muss ihn zugleich abschütteln.
In einem mehr ironischen als heiteren Prolog kann man nachlesen, wie es ihm anlässlich der Jahresfeiern in Lübeck zu Ehren des Großvaters erging. Einladungen an ihn wurden vergessen und teils übergangen, als sei er ein überflüssiges Anhängsel der Familie Mann. Zuletzt ist Frido Mann ein eigenständiges Leben geglückt. Die Dankbarkeit für den Großvater gewinnt die Oberhand vor den Bedrückungen, die er als Mitglied der Familie Mann wie alle anderen Abkömmlinge auch aushalten musste.
Zur Abrundung dessen, was die Familie Mann für die Literaturgeschichte durch den Übervater Thomas Mann darstellte, liefert das Buch einen weiteren wichtigen Baustein.
Ein sorgfältig reflektiertes, ehrliches und aufschlussreiches Kapitel der Familie Mann findet mit dieser Autobiographie ein Ende.