- Broschiert
- Verlag: Verlag Johannes Lang (März 1998)
- Sprache: Französisch, Englisch, Deutsch
- ISBN-10: 3931325113
- ISBN-13: 978-3931325114
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 2.409.006 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Louïze Labé übersetzen
Rainer Maria Rilke hat im November 1917 seine Übertragung der 24 Sonette der Lyoneser Dichterin Louïze Labé (15251566) in der Insel-Bücherei veröffentlicht. Seither gibt es eine «deutsche Labé», wie es einen «deutschen Shakespeare» gibt: einer der seltenen Glücksfälle völliger Entsprechung von einer zur anderen Sprache. Den französischen Originaltext und Rilkes Übertragung hat die Sozialpsychologin Marie Jahoda herausgegeben, mit einer kurzen Einführung und mit einer eigenen, englischen Übersetzung. Da kann man nun vergleichen oder kann man es nicht? Deutschsprachige Leser müssen sich gleich schon einer ersten Verwirrung erwehren: sie glauben nicht bei jedem zweiten, aber ungefähr bei jedem dritten Vers in ein Sonett von Shakespeare geraten zu sein.
Das liegt nahe. Eine Verwandtschaft ist da; keine sehr weitläufige. Hochmittelalterliche Liebesdichtung und das Modell des Sonetts, das Petrarca geschaffen hat, bilden da wie dort eine leicht erkennbare Folie. Dass aber Louïze Labé sich auch bewusst an Petrarca anlehnt, geht nur schon daraus hervor, dass das erste ihrer Sonette in seiner Sprache geschrieben ist; ausserdem übernimmt sie von ihm die Grundmetapher für das Liebeserlebnis: «I'ay chaut estreme en endurant froidure.»
So steht es im achten Sonett; aber schon im zweiten erscheint derselbe Vergleich, als Vorwurf an den Geliebten, in der englischen Fassung: «. . . leave me burning without choice, / while you remain remote and icy cold.» Dieser letzte Vers lautet im Original: «N'en est sur toy volé quelque estincelle.» Rilke übersetzt: «Und ist kein Funken auf dich selbst gefallen.» Marie Jahoda legt in ihrem Nachwort dar, dass die Übertragung eines Gedichts auch selbst ein Gedicht sein solle, damit sich bei den Lesern die Gesamtwirkung des Texts wieder herstellen könne. Deshalb müsse man den Anspruch auf eine wörtliche Wiedergabe preisgeben. Aber Rilke hat ihn nicht preisgegeben.
«. . . und ist kein Funken auf dich selbst gefallen» «while you remain remote and icy cold»: das ist nicht nur «nicht das gleiche», sondern es ist auch das eine die besondere Aussage dieses Verses und das andere ein Klischee, in das sich die Übersetzerin flüchtet. Sagt nicht schon Petrarca . . .? Ist nicht «the icy fire» das metaphorische Emblem des englischen Petrarkismus? Gewiss; aber wer so den Text durch den Kontext ersetzt, um einen passablen Vers zustande zu bringen, müsste sich doch Gedanken darüber machen, dass es ohne solch fundamentale Ungenauigkeit auch geht wie Rilke bewiesen hat.
«Crier me faut mon mal toute la nuit»; Rilke: «ich muss / das, was mir weh tut, schrein die ganze Nacht»; Jahoda: «then I surrender to the agony / that unrelentingly besets my heart.» Es steht in diesem letzten Vers des fünften Sonetts tatsächlich nichts anderes, als dass jemand in seinem Schmerz die ganze Nacht schreit; und vom Herzen ist nicht die Rede. So wenig wie vom Schicksal («fate») im Schlussvers des vierten, der bei Jahoda ausserdem das Gegenteil dessen sagt, was die Dichterin meint.
Was Rilkes Text seine eigene Prägung verleiht, ist eine Diktion, die sich von der Rede Louïze Labés in manchem zu unterscheiden scheint; am deutlichsten in den vielen Enjambements im häufigen Übergreifen des Satzes auf den nächsten Vers. Dieses Stilmerkmal kommt im Original nur ganz selten vor, Rilke aber verwendet es unbedenklich und hat damit Schule gemacht. Es gibt heute noch Übersetzer, die es unfehlbar poetisch finden, über möglichst viele Versenden hinwegzuflutschen. Ein Manierismus war das bei Rilke auch; aber weisen die Sonette, die er übersetzt hat, etwa keine manieristischen Elemente auf?
Der Dilettant in diesem Fall die Dilettantin glaubt, wenn man dichten wolle, könne man es nicht so genau nehmen. Aber der Dichter hat so genau übersetzt, dass sich nicht nur Dilettanten zu wundern brauchen. Aus der Camera obscura seiner sprachlichen Konzentration kommt die reine Entsprechung hervor. «Et aioutant à ta vertu louable / Ce nom encor de m'estre pitoyable, / De mon amour doucement t'enflamer?» «Zu deinen tausend Titeln käme dies: / dass deine Liebe sich erbitten liess, / sich an der meinen zärtlich zu entfachen.» Solch ungezwungene Präzision müsste jeden warnen, der es auch versuchen will. Hanno Helbling
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