Der Briefroman, besser bekannt unter dem Titel "Geldkomplex", über "das liebe Geld" von Fanny zu Reventlow (das "Franziska" verpasste man ihr erst posthum) spielt in einem Sanatorium zur Heilung zerrütteter Nerven... aber so geradlinig, wie uns das heutzutage scheint, hängen in diesem Prachtstück Geld und zerrüttete Nerven natürlich nicht voneinander ab. Obendrein ist auch noch ein Vertreter der 1910 erste Furore machenden Psychoanalyse mit von der Partie. Doch wer hier tiefschürfende Seelengrabungen erwartet, ist auf dem falschen Dampfer.
Neben der Ich-Erzählerin, die in 25 Briefen eine Freundin auf dem laufenden hält, und einem labilen Psychoanalytiker treten noch einige skurrile Mitpatienten auf -- eine Existenz gescheiterter als die andere: Ein versoffener russischer Adliger samt Hofstaat und treuloser Braut; Intriganten; eine larmoyante Witwe; ein begnadeter Gründer von Aktiengesellschaften und ständiger Bankrotteur, und noch so einige Exzentriker jener Epoche. Eine vielversprechende Gesellschaft also, was die Unterhaltung betrifft (Und es sei gleich verraten: Aus dieser erlesenen Gesellschaft konstruiert Fanny zu Reventlow eine geistreiche Romanhandlung von sprühendem Witz, die ihresgleichen sucht).
Und dann ist da noch der "Miterbe" dabei -- ein ebenfalls dem Alkohol heftig zugeneigter exaltierter Russe, der zum Schein mit der Erzählerin verheiratet ist, um an sein Erbe zu kommen. Um dieses Erbe geht es hier vor allem. Das heißt, zunächst geht es natürlich um den "Geldkomplex" der Erzählerin -- so bezeichnet der Psychoanalytiker Dr. Baumann deren notorischen Geldmangel, die stetige Angst vor ihren Gläubigern und die Flucht ins Sanatorium. Die Erzählerin hingegen fasst Geld als ein heimtückisches "persönliches Wesen" auf, das ihr feindlich gesonnen ist und von dem sie erkannt hat: "durch liebevolle Indolenz verdirbt man's vollständig mit ihm".
Was der Psychoanalytiker als Symptome für die Störung einer existenziellen Beziehung zum Geld sieht, erkennt die Erzählerin selbst als die Ursache aller Komplexe: Geldmangel und die damit verbundenen existentiellen Sorgen als Wurzelwerk allen Übels. Dieser Geldkomplex bestimmt nicht nur die Handlungen der Ich-Erzählerin, sondern bald auch die der Handvoll Patienten, die sie um sich geschart hat. Schnell sind alle Mitglieder ihres kleinen Zirkels von ihren ursprünglichen Leiden kuriert: Alle rechnen sie, planen abenteuerliche Gründungen und Investitionen in Russland und Südamerika, spekulieren aufs wildeste, intrigieren und versuchen tapfer, Bankrotte zu ignorieren. Keine Idee ist zu verwegen, als dass man sie nicht ernst nähme.
Die Ich-Erzählerin erwartet ihrerseits eine Erbschaft, eben jene, die sie sich aufgrund der Scheinheirat mit dem "Miterben" gesichert hat -- und eben jene, die sie auf ganz unmetaphysische Weise von ihrem Geldkomplex heilen soll; so ist es geplant. Aber auch dieses Mal scheint sich das Geld gegen sie zu sperren... Die Geschichte schlägt einen Purzelbaum nach dem andern und endet schließlich in einem Fiasco furioso.
Die Geschichte einer Erbschaft also, die nach vielen verwegenen Irrungen ein überraschendes Ende nimmt, erzählt in geschliffenem Plauderton, begleitet von vielen wunderbar geschilderten spleenigen Gestalten, unterbrochen durch viele herrlich komische Szenen, die Sanatoriumsalltag und Verquastheiten der Psychoanalyse auf die Schippe nehmen -- ein Lesevergnügen der besonderen Art, in dem die Bedeutung des lieben Geldes in lakonischer Bosheit entlarvt und der Lächerlichkeit preisgegeben wird.
Wer sich ein wenig mit Fanny zu Reventlows Biographie befasst hat, wird unschwer die Ereignisse identifizieren können, die sie hier literarisch verarbeitet hat, ebenso wie die realen Vorbilder einiger Figuren: Ihr zweiter Ehemann, Alexander von Rechenberg-Linten, steckt z.B. hinter dem "Miterben" mit all seinen ausgesuchten Spleens; und ihr langjähriger Freund Albert Hentschel (Ludwig Klages bescheinigte ihm einen "Gründerwahnsinn") war das Vorbild für "Henry", den manischen Gründer von Aktiengesellschaften. Auch Scheinheirat und der Tessiner Bankenkrach, sogar die 20 seekranken Kühe auf hoher See haben höchst reale Vorbilder. Aber das heißt natürlich nicht, dass die Autorin mit "Ach, das liebe Geld" eine Art Autobiographie oder Lebensbeichte geschrieben habe; vor derlei Deutungen hüte man sich! Der reale Hintergrund war für sie Stofflieferant, é basta. Und außerdem: Man muss nichts über die Biographie dieser Autorin wissen, um sich über diesen Roman köstlich zu amüsieren. Was nicht bedeutet, dass einschlägige Kenntnisse von Schaden sind.