Monika Maron eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen wurde in Berlin geboren. Als sie 1988 wegen zunehmender Entfremdung die DDR verließ, übersiedelte sie für einige Jahre nach Hamburg, heute lebt sie wieder in Berlin. Zu ihren berühmtesten Büchern zählen "Flugasche" und "Stille Zeile Sechs". Vor fünf Jahren erschien ihr vorletzter Roman "Endmoränen", von dem sie nun mit "Ach Glück" die Fortsetzung geschrieben hat.
Die Protagonistin Johanna Mertin ist Mitte fünfzig und wohnt mit ihrem Mann Achim in einer sehr schönen Berliner Wohnung. Mit Achim, einem mit dem Rücken zur Welt sitzenden Germanisten, der über den Dichter Kleist forscht, ist sie seit kapp dreißig Jahren verheiratet. Beide haben den DDR Sozialismus unbeschadet überstanden und sich in der neuen Gesellschaft gut eingelebt. Johanna schreibt historische Biographien oder Vor- und Nachworte dazu. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter die erfolgreich studiert hat. Da könnte nun das schlichte Gemüt schnell sagen, Mensch, die Frau hat aber Glück im Leben. Aber ganz im Gegenteil, Hanna hat den Impuls alles über den Haufen zu werfen. Das letzte große Gefühl das die beiden miteinander geteilt haben, war die Freude über den Zusammenbruch der DDR. Seit dieser Zeit ähneln sich die Tage, alles ist bekannte Routine, die Freunde sind die gleichen, die Begegnungen sind immer die gleichen, es gibt kaum etwas Neues. Wenn Johanna an ihrem Schreibtisch hinter den Büchern und Manuskripten sitzt, dann sieht sie vornehmend den Rücken ihres Mannes. Die Arbeit erfüllt sie nicht und die Liebe die sie vielleicht vergeben möchte, dafür hat sie keinen Adressaten und sie hat auch das Gefühl, sie bekommt sie nicht zurück.
Früher, während der DDR Zeit, war das Schreiben von historischen Biographien eine erfüllende Tätigkeit, weil sie immer versucht hat darin geheime Botschaften zu verstecken, also Subtexte, die von denen, die das gelesen haben, dann auch verstanden wurden. Und dieser sie befriedigende Sinn ihrer Arbeit der ist verschwunden, diese Botschaften braucht keiner mehr. Die Tochter ist groß, erwachsen, aus dem Haus, führt ihr eigenes Leben, die braucht sie auch nicht mehr. Das Leben mit Achim ist leidenschaftslos. Sie hat das Gefühl, dass das Leben eine Endlosschleife geworden ist, in der sich ständig alles wie gewohnt abspult. Die eheliche Routine zermürbt sie.
Und so spielen Neuanfänge in diesem Buch eine sehr wichtige Rolle. Der erste Neuanfang passiert, als der kleine, schwarze, zottelige Hund Bredow ins Haus kommt. Johanna hat den ausgesetzten Hund an dem Abfalleimer einer Autobahnabfahrt gefunden, nach deren Namen hat sie ihn benannt. Durch die liebevolle Zuneigung zwischen Frauchen und Hund kommt ungeahnte Bewegung in den ehelichen Alltag. Johanna beobachtet den Hund und entdeckt immer wieder seine kreatürliche, scheinbar grundlose Freude am Leben, seine Fähigkeit zu lieben und Liebe zu empfangen. Und darin genau liegt das Defizit von Johanna, denn der Hund weckt in ihr auf diese Weise Gefühle, die sie lange nicht mehr gekannt hat. Das Verlorene will sie nun wiederhaben, fragt sich ob nicht etwas Fundamentales in ihr ungelebt gelblieben ist und sie kommt zu der Einsicht, dass die ideellen Lebensentwürfe eigentlich sehr viel früher enden als das Leben. Diese These stand auch am Anfang von Endmoränen". Jetzt sucht Johann nach einer Lösung aus diesem Dilemma, denn die berufliche Vorstellung und die von Liebe und Ehe senken sich irgendwie, wenn es an die Sechzig geht. Man spürt wie etwas zu Ende geht und da sind Neuanfänge nötig die Räume öffnen, ansonsten kommt unweigerlich der "Sinkflug". Es geht schlicht darum, offen zu bleiben, ständig aufs Neue nach Glück streben.
So kommt Bewegung durch die Bekanntschaft mit Igor, einem Russen, der eine Galerie in Berlin betreibt.Über die russische Gräfin Natalia Timofejewna lässt sich Johanna zu etwas überreden, was sie bisher im Leben noch nicht getan hat. Sie folgt einem Lockruf, startet einen Neuanfang, in dem sie kurz entschlossen und völlig überraschend zu einem Flug nach Mexiko startet. Dort sucht sie die Bekanntschaft der schon neunzig jährigen legendären Leonora Carrington, einer surrealistischen Malerin, Dramatikerin und Schriftstellerin. Johanna, ist von dieser ungezähmten, furchtlosen Frau, die wesentlich älter ist als sie, sofort fasziniert. Gleichzeitig ist da auch etwas Utopisches, wenn man als Frau in der besten Phase des Lebens ist und sieht da gibt es eine Frauenfigur, die sehr alt ist und offensichtlich immer noch irgendwie eine Verrücktheit hat und immer noch eine große Vitalität besitzt.
Während Johanna erwartungsvoll, irgendwo in einer Höhe von 10.000 Metern in ihrem Flugzeugsessel angeschnallt sitzt, ihr alle mögliche Dinge durch den Kopf gehen und sie einer fremdartigen fernen Welt und ihren Menschen entgegensieht, läuft, irrt der ratlose, sympathische Achim ziellos durch Berlin, sucht die alten Plätze auf, träumt von gemeinsamen Ritualen , trifft andere Leute mit denen er kommuniziert. Er kann sich einfach nicht erklären, warum Johanna ihn verlassen hat. Ein "hergelaufener" Hund kann doch nicht ihr ganzes Leben in Frage stellen. Schließlich versucht er sich zu beruhigen, sie sei ja nur für zwei Wochen weg. Sein großer innerer Monolog ist eine Schlüsselszene in dem Buch.
Grundsätzlich stehen Männer und Frauen unterschiedlich vor dem Thema Alter und altern. Alter zählt für Frauen immer noch anders als für Männer. Männliche Attraktivität definiert sich nicht allein über "die glatte Haut", sondern auch über beruflichen Erfolg und gesellschaftlichen Status. Johanna hat einmal irgendwo das hässliche Bild des erotischen Abfallhaufens auf die Frauen über fünfzig Jahre angewandt. Insofern sind die Betrachtungsweisen der Geschlechter sehr verschieden. Aus diesem Grund hat die Autorin geschickt eine Konstruktion gewählt, bei der auch neben der Carrington, die Mittlerfigur, die Aristokratin Timofejewna ebenfalls schon neunzig Jahre alt ist. Damit unterstreicht Monika Maron, dass Johanna, wenn sie sich auf Reisen begibt, nicht einen andern Mann sucht, sondern zwei uralten Frauen bei der Suche nach dem, was sie im Leben vermisst, nachreist und nicht nur den Mann mit dem sie scheinbar Probleme hat, austauscht. Fazit: Sie sucht keinen neuen Mann, sondern sie sucht das Neue in sich selbst oder in der Welt. Dieser Umstand hat wesentlich mehr Charme.
Auffällig sind auch sehr viele Mensch Tier Begegnungen, Mensch-Tier Faszinationen, ja fasst auch Verschmelzungen, wobei der Hund Bredow eine wichtige Rolle spielt.
Monika Maron hat also mit "Ach Glück", Johannas und Achims Geschichte aus "Endmoränen" weiter erzählt. Das Buch endet mit der Landung von Johanna in Mexiko City. Und damit beginnen dann auch für den Leser die Fragen nach dem Glück, wie es zu finden und wie es zu pflegen ist. Und es bleibt auch die Hoffnung, dass es für Achim einen Neuanfang gibt. Damit ist die Geschichte abgeschlossen und wir werden nicht mehr erfahren, was das Paar Johanna und Achim weiter erleben wird. Es geht eigentlich der Autorin nur darum, einen Raum zu öffnen und etwas zuzulassen, neues Leben einfach zuzulassen, egal wie es ausfällt. Fazit: Wer aufhört nach dem Glück zu streben, wird unglücklich sein.
Monika Maron erzählt die Geschichte der auseinander driftenden Lebensspuren, dieser beiden seit Jahrzehnten vertrauten Menschen, ruhig und gelassen, mit Subtilität und großer Weisheit, in einer einfühlsamen und doch unsentimentalen Sprache. Es gibt Bücher, mit denen man gerne alleine ist. Nach der Lektüre dieses Buches sollte man einen Gesprächspartner haben, denn es enthält Situationen, die zur Debatte reizen und Gedanken die sicher einer näheren Betrachtung wert sind. Es ist ein Buch das an Empfindungen, Verflechtungen und Ebenen so reich ist wie der teuerste Teppich an Knoten.
Monika Maron liest dieses wunderbare Buch ungekürzt als Hörbuch, wobei Stimme und Sprachmelodie beeindrucken.