Aus unerfindlichen Gründen dachte ich bei dem Namen "Monika Maron" immer an etwas Dröges, Verstaubtes, Rückwärtsgewandtes. Und bin nach der Lektüre von "Ach Glück" mehr als erfreut, mich geirrt zu haben.
Das Buch handelt von der Mittfünfzigerin Johanna, die verheiratet ist mit dem Wissenschaftler Achim. Die Beziehung der beiden läuft so vor sich hin. Man hat sich mit den Umständen arrangiert, tut, was man glaubt, tun zu müssen und wundert sich eigentlich nicht über die Abwesenheit von Glück. Man erwartet nichts Neues mehr vom/im Leben, und auch scheinbar Unbekanntes entpuppt sich letztlich als bloße Wiederholung von Bekanntem in anderem Gewand. "Ach Glück" - ein resignierter Seufzer, vielleicht ein wenig Wehmut und Erinnerung, ein Hauch Spott und Verbitterung. Das ist Johannas und Achims Leben, bis der Hund Bredow darin erscheint.
Der an einer Autobahnausfahrt aufgesammelte Bredow löst in Johanna Selbstreflexionen aus. Die Beobachtung des Hundes, die Art, wie dieser geradlinig seinen Bedürfnissen folgt und sich bei deren Erfüllung einfach nur zu freuen scheint, berührt etwas in Johanna. Hinzu kommt Johannas Bekanntschaft mit Igor, einem russischen Galeristen, der Johannas Wesen erkennt. Über die Bekanntschaft mit Igor ergibt sich "zufällig" ein Briefwechsel Johannas mit Natalia Timofejewna, einer uralten russischen Adeligen, die derzeit in Mexiko nach ihrem Glück sucht und dabei aufzublühen scheint.
Zu Beginn des Buches begegnen wir Johanna, wie sie zusammen mit 300 Menschen in einem Flugzeug nach Mexiko sitzt, um Natalja Timofejewna in Mexiko zu besuchen. Von dieser Perspektive aus wird erzählt, wie es letztlich zu diesem Entschluss Johannas kam, mit Mitte fünfzig ohne jeden erkennbaren Grund tausende Kilometer für unbestimmte Zeit in ein unbekanntes Land und zu unbekannten Menschen zu fliegen. Die Erzählerin schildert dies abwechselnd aus der Sicht von Johanna und aus der Sicht von Achim.
Den Antrieb Johannas erfahren wir pointiert im letzten Drittel des Buches, als Johanna sich mit Hannes (Ist derselbe Namensstamm Zufall? - Ich glaube nicht.) darüber unterhält, was ein gelungenes Leben ausmache. Hannes ist ein Bekannter einer Freundin Johannas, der sich erboten hat, den Hund Bredow während Johannas Mexiko-Aufenthalt zu betreuen. Die Frage nach dem gelungenen Leben beantwortet der weitgereiste Hannes mit dem Satz eines amerikanischen Mythenforschers: Follow your bliss.
"Verstehen Sie, was das heißt? Bliss ist so etwas wie ein inneres Wissen über sich selbst, die eigene Vorstellung von Glück.
Glück? sagte Johanna."
Diese Stelle ist für mich die Quintessenz. Abgesehen davon, dass ich den Follow-your-bliss-Satz und die dahinter stehende Idee persönlich für wahr halte, zeigt sich für mich an diesem Dialog, dass die Romanfigur Johanna längst ahnte, was sie sucht und dass dieser Satz auch ihre - vielleicht jahrelang verschüttete, aber nunmehr wiederentdeckte - gefühlte Wahrheit ist. Johanna FRAGT nicht: "Glück?", sondern sie SAGT es. Sie hat verstanden, dass die "Adoption" des Hundes Bredow, das Zulassen der Begegnung mit Igor, das Weiterschreiben an die ihr unbekannte Natalja, dass all dies ihre Art ist, ihrem Bliss zu folgen. Oder es wiederzuentdecken. Hannes setzt mit diesem Zitat lediglich in Sprache um, was Johanna fühlt und vielleicht (noch) nicht ausdrücken kann. So gesehen ist auch die Begegnung mit Hannes ein Teil von Johannas Bliss.
Wenn man das Buch nach der Lektüre zuschlägt, ist man guter Hoffnung, dass Johanna weiter suchen und in Mexiko und auch überall sonst das Richtige tun wird. Das Richtige für sich selbst. Und dass sich vielleicht irgendwann das Wesen des Seufzers "Ach Glück" wandelt in etwas Helles, Strahlendes. In ein Mit-sich-und-der-Welt-im Reinen-sein, anstatt sie nur zu ertragen.
Dass "Ach Glück" der zweite Teil einer Roman-Serie (erster Teil: "
Endmoränen") ist, sollte niemanden davon abhalten, mit diesem Buch den Einstieg in das Maron-Oeuvre zu wagen. Das Buch ist sehr gut für sich allein lesbar, wenngleich es mir persönlich Lust gemacht hat, die "Endmoränen" - und weitere Maron-Werke - nachzuschieben. Das liegt nicht zuletzt an den sensiblen Beobachtungen und an der treffenden und zugleich ästhetischen Sprache von Monika Maron.
Fazit: Eine Entdeckung.