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Ach, Afrika: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
 
 
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Ach, Afrika: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents [Taschenbuch]

Bartholomäus Grill
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (25 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2003
Informativ, fesselnd geschrieben, "zuweilen allerdings recht pointillistisch" findet Rezensent Andreas Eckert diese Auseinandersetzung mit der "Geschichte und Gegenwart der Gesellschaften südlich der Sahara". Als Kernthese des Buches beschreibt Eckert, dass die Folgen von Sklavenhandel und Kolonialismus zwar bis heute spürbar seien, aber für die katastrophale Situation nicht allein verantwortlich gemacht werden könnten. Auch raffgierige Despoten und die generelle Modernisierungsverweigerung trügen Mitschuld am Elend des Kontinents. Trotz teilweise faszinierender Einblicke vermisst der Rezensent jedoch wirklich neue Gedanken im Buch des Zeit-Korrespondenten Bartholomäus Grill. Hart gehe er mit seiner Berufsgruppe, den Journalisten und ihrer Afrika-Berichterstattung ins Gericht. Doch auch er sei nicht gefeit gegen Klischees und Generalisierungen, findet Eckert. Allerdings habe Grill die Größe vergangene Irrtümer schonungslos einzugestehen.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Pressestimmen

"Grills 'Ach Afrika' ist sicherlich das fairste und gescheiteste Buch, das in den vergangenen Jahren von einem deutschen Autor über den Kontinent vorgelegt wurde." (Süddeutsche Zeitung )

"Das beste deutschsprachige Afrika-Buch der vergangenen Jahre." (Spiegel )

"Was 'Ach, Afrika' von der Fülle ähnlich gut gemeinter Werke unterscheidet, ist seine erzählerische Kraft. Streckenweise liest sich 'Ach, Afrika' wie ein Roman, lässt Bilder von schauriger Kraft entstehen und schlägt literarische Verbindungen zwischen dem Leben einfacher Menschen und der großen Politik." (Kölner Stadt-Anzeiger )

Kurzbeschreibung

Afrika ist ein Kontinent der Widersprüche, geprägt durch die reiche Vorstellungskraft seiner Menschen, ihre sozialen Regeln und Rituale, ihre Träume und Tabus, ihre Machtstrukturen und Glaubenssysteme. Diese Welt erscheint oft roh und gewalttätig, dann wieder zeitlos heiter und gelassen. Bartholomäus Grill hat sie uns erschlossen.



Klappentext

"Da schreibt einer, der schreiben kann. Die Geschichten, hintergründig und kurzweilig, dramaturgisch geschickt inszeniert und gespickt mit Erfahrungen, Erlebnissen und Bekanntschaften. Die Sprache, auch dann noch atemberaubend, wenn der Inhalt dem Leser längst den Atem geraubt hat."
Westfälische Nachrichten

"Spannend und sehr lesenswert. Besonders weil Grill es versteht, abwechselnd als Reporter anschaulich und packend mitten aus dem Geschehen zu berichten und dann, mit der nötigen Distanz als Analytiker, die Probleme des Kontinents unter die Lupe zu nehmen."
Deutsche Welle

"Momentaufnahmen, die sehr genau beobachtet und anschaulich und treffend formuliert sind [...] ein Vergnügen beim Lesen."
Nürnberger Nachrichten

Über den Autor

Bartholomäus Grill, 1954 in Oberaudorf am Inn geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte. Er war politischer Redakteur der "Zeit", ehe er 1993 als deren Korrespondent nach Afrika entsandt wurde. Zu seinen Veröffentlichungen zählen, neben Reportagen in "GEO", das Buch "Der letzte Treck. Südafrikas Weg in die Demokratie" und "Safina", eine Tierfabel für Kinder. Der Autor lebt seit vielen Jahren in Südafrika.

Auszug aus Ach, Afrika. Berichte aus dem Inneren eines Kontinents von Bartholomäus Grill. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Im afrikanischen Wechselbad
Annäherungen an einen fragilen Kontinent

Welchen Weg sollen wir nehmen? Den nach links oder den nach rechts? Oder doch den in der Mitte? Alle Wege sehen gleich aus. Ratlos stehen wir an der Gabelung zwischen Lisala und Gemena, irgendwo im Herzen des Kongobeckens, in einem unermesslichen Waldmeer, das von namenlosen Flüssen durchädert wird.
Wir sind zu fünft in unserer Reisegesellschaft. Adam, der Besitzer des Geländewagens, wohnhaft in Tansania, sein kongolesischer Chauffeur, der behauptet, jede Ecke seines Landes zu kennen, der Fotograf aus Paris, ein Marabut, ein heiliger Mann aus dem Tschad, der kein Wort sagt und immerzu sardonisch grinst, und, neben meiner Wenigkeit, noch eine hübsche Strahlenschildkröte, die dem Fahrzeughalter gehört. Unser Ziel, Bangui, die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, ist noch weit entfernt. Seit frühmorgens um sechs sind wir unterwegs und haben bis hierher knapp zweihundert Kilometer geschafft. Ungefähr siebzehn Kilometer pro Stunde. Die Straße, wenn man sie so nennen will, besteht aus Myriaden von Schlaglöchern, Schlammrillen, Kratern und Wasserlachen, die stellenweise zur Größe von Fischweihern angeschwollen sind; sie gleicht einem grünen Tunnel, der schier endlos durch den Urwald mäandert. Wir fahren in dämmrigem Licht und sehen kein Stückchen Himmelsblau. Drei Radfahrer, ein Bierlastwagen, zwei Schlangen - das sind die einzigen Begegnungen des heutigen Tages. Es ist schwül und heiß, die Luft liegt wie nasse Watte auf der Haut. Man schwitzt, der Staub verklebt die Augen, das lauwarme Wasser geht zur Neige. An jeder Kreuzung, jeder Abzweigung, jeder Wegzwille die gleiche Frage: Wohin sollen wir uns wenden? Die Landkarte gibt keine Auskunft, Wegweiser existieren nicht, der Chauffeur ist mit seinem Latein am Ende. Weit und breit findet sich kein Mensch, den wir fragen könnten. Jede Fehlentscheidung kann Tage kosten, denn die Pfade verlieren sich im Wald, enden an einem Sumpf oder stoßen auf einen unüberwindlichen Fluss. Sie führen ins Nichts oder genauer: in das, was wir für das Nichts halten.
So wie im kongolesischen Urwald erging es mir oft in Afrika. Die Wegscheide ist ein Sinnbild der Orientierungslosigkeit: Ich fühlte mich wie ein Elementarteilchen, das durch einen riesigen Kosmos treibt. Ich kam zum ersten Mal in ein großes Land, nach Nigeria, Angola oder in den Sudan, und fragte mich: Wo anfangen? Wie einen Überblick gewinnen, wo ich doch nur ein paar Splitterchen vor Augen bekommen, nur mit einem Dutzend Leute sprechen, zwei, drei Orte besuchen werde? Ich sah ein Ritual, ein Symbol, eine Geste, hörte eine Geschichte, erlebte eine Begebenheit und konnte das Wahrgenommene nicht einordnen oder begreifen. Es fehlten die historischen Kenntnisse, der religionssoziologische Hintergrund, das ethnographische Referenzsystem. Da stand ich dann und tat, was ein kluger Kopf einmal »hermeneutischen Kolonialismus« genannt hat: interpretieren, hineindeuten, spekulieren. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass dabei oft Zerrbilder, Wunschvorstellungen oder Projektionen entstehen, und wir müssen zunächst über uns selber reden, über die Fallstricke der Wahrnehmung und über die Interessen, die unsere Erkenntnisse leiten. Aber ich will dem ersten Kapitel des Buches nicht vorgreifen.
Eine Landmasse, in der Europa zehn Mal Platz fände, 650 Millionen Menschen, vielleicht 700 Millionen oder noch mehr, fünfzig Staaten, Tausende von großen Völkern und kleinen Ethnien, Kulturen und Religionen - ist es nicht vermessen, sich ein Urteil über diesen Erdteil zu erlauben? Und muss es nicht geradezu anmaßend wirken, wenn wir über das »Wesen« der Afrikaner reden und keine einzige ihrer zweitausend Sprachen sprechen? Es ist anmaßend - auch wenn man sich seit zwanzig Jahren mit ihrem Kontinent beschäftigt. Um also gleich an dieser Stelle falschen Erwartungen vorzubeugen: Dies ist kein enzyklopädisches Werk, keine Monographie über Afrika, sondern die Rückschau eines Korrespondenten, der seit 1980 versucht, diesen Kontinent zu verstehen. Es sind Depeschen aus einer Welt der Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche, Extreme und Enigmata; Momentaufnahmen von einem rauen und sanften, brutalen und feinfühligen, niederschmetternden und beglückenden Erdteil; Sequenzen aus einem schwer lesbaren Text, der immer wieder vor den Augen verschwimmt und sich in der Mannigfaltigkeit afrikanischer Länder und Landschaften, Völker und Kulturen, Menschen und Schicksale, Sprachen und Sitten, Geister und Götter auflöst. Am Ende steht ein unvollständiges Mosaik. Es ist mein Bild von Afrika.
Die weißen Flecken und Unschärfen auf diesem Bild haben mich am Anfang meiner Jahre in Afrika oft gewurmt. Das änderte sich, als ich das Tagebuch von Michel Leiris entdeckte. Der französische Literat hatte an der Dakar-Dschibuti-Expedition des berühmten Ethnologen Marcel Griaule teilgenommen. Am 5. Oktober 1931 notiert er: »Ich verzweifle daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag.« Der Poet Leiris hat sich mit dem allwissenden Forscher Griaule überworfen, weil er mit schonungsloser Offenheit die Grenzen der völkerkundlichen Erkenntnis beschreibt. Der Dichter will eintauchen in die »ursprüngliche Mentalität« und muss schließlich feststellen, dass er nur ein Afrique fantôme erlebt und ein Gefangener des eurozentrischen Blicks bleibt. Wir können uns nicht selber entfliehen. Die Bekenntnisse des Michel Leiris waren ein erhellender Trost.
Wie könnten wir zum Beispiel verstehen, was in der kleinen Buschklinik von Bâ Tadoh Fomantum vor sich geht? Fomantum ist ein traditioneller Heiler, ein Medizinmann, und seine Wirkstätte liegt im Wald hinter der Stadt Bamenda in Kamerun. Was will uns das merkwürdige Holzschild am Eingang bedeuten, auf dem wir eine Schlange mit Menschenkopf sehen? Sollen wir ernst bleiben, wenn der Wunderdoktor sagt, er müsse erst einmal prüfen, ob wir böse Geister mit uns führen? Wenn er androht, dass uns, falls dem so sei, Killerbienen und Giftnattern töten würden und auf den Fotografien nur Blut zu sehen wäre? Fomantum streut Erde, schaut ins Feuer, sprenkelt Wasser. Wir bestehen die Prüfung. Aber dann gehen die Fragen weiter. Muss diese schmutzige, teerartige Masse, die der Meister in die schwärende Wunde am Unterschenkel eines jungen Mannes kleistert, nicht eine fürchterliche Infektion auslösen? Nein, versichert der Patient, es werde von Tag zu Tag besser; er sei hier, weil man ihm im Krankenhaus vom Bamenda nicht mehr habe helfen können. Das leuchtet uns noch halbwegs ein. Aber was soll die seltsame Tortur auf dem Vorplatz? Warum sitzt die alte Frau, gefesselt zwischen zwei Speeren, in einem Kreis von Holzscheiten? »Hexen und Zauberer haben sie irre gemacht«, erklärt Fomantum, gießt Spiritus über die Scheite und zündet sie an. Ein Flammenring lodert um die Patientin. Gelähmt vor Angst starrt sie ins Feuer. Sie zittert, schließt die Augen, betet. Oder dort hinten, ebenso rätselhaft, aber nicht so martialisch, die nächste Behandlungsszene: vier Frauen, nackt und reglos. Helferinnen haben sie am ganzen Körper mit Lehm eingeschmiert. Fomantum beugt sich zu ihnen hinab, murmelt esoterische Formeln und drückt Schilfblätter in ihre Hände. Zwei Stunden müssen sie in dieser Haltung verharren, jeden Tag, »bis die Besessenheit aus ihnen fährt«.
Alles nur Mummenschanz? Afrikanische Quacksalberei? In Bamenda erzählt man von den sensationellen Heilerfolgen dieses Mannes. Die Menschen fürchten und verehren ihn. Wenn Schulmediziner mit ihrem Latein am Ende sind, suchen sie seinen Rat. Manchmal schicken sie scheinbar hoffnungslose Fälle zu ihm in den Wald. Das Gerücht, er könne auch Aids kurieren, weist Fomantum allerdings entschieden von sich. »Gegen diese Viren hat niemand ein Rezept.« Wir glauben, einen studierten Weißkittel reden zu hören. Im nächsten Moment führt er uns wieder an die Pforten eines Reiches, das von ätherischen Kräften und kryptischen Gesetzen durchwaltet wird. Es liegt jenseits unserer rationalen Welt, aber wenn wir die Sache vom Ergebnis her betrachten, gilt die alte Medizinerformel »Wer heilt, hat Recht.« Ich erzähle diese Geschichte, weil der Medizinmann in gewisser Weise auch mich geheilt hat. Oder sagen wir: Er hat mir den abendländischen Erkenntniszwang ausgetrieben, den Zwang, alles gedanklich durchdringen und sezieren zu müssen. In Afrika lernt man, mit Fragezeichen zu leben. Man erkennt, was man nicht erkennen kann. Und wird im Laufe der Jahre behutsamer, vorsichtiger, vielleicht auch gnädiger in seinen Urteilen über diesen Kontinent.

*

Ein kleines, fröhliches Negerlein - mein Archetypus von Afrika stieg aus einem Malbuch. Ich malte das Negerlein aus, gelb die Schnabelschuhe, froschgrün die Pluderhose, himbeerrot den Fes auf seinem Kopf. Als ich des Lesens kundig war, entdeckte ich in einer Holzkiste auf dem Dachboden das Buch »Unter Wilden und Seeräubern« von Ludwig Foehle. Es enthielt Geschichten aus dem Negerreich Kilema und Bilder von wilden Kriegern, die mit Speeren durch den Busch liefen, von Krokodilen im Mangrovensumpf, von tropenbehelmten Kolonialisten in weißem Kattun. Eine Szene erfüllte mich mit großer Furcht: Ludwig, der wackere Sohn des Baumwollpflanzers, sucht mit dem Fernrohr den Rand des Dschungels ab und sieht, wie Buschiri, der Araberhäuptling und Sklavenjäger, einem Missionar die Ohren abschneidet und mit einer riesigen Keule den Schädel eines wachsbleichen Kindes zertrümmert. »Ach, wenn die Weißen tot und alles zerstört wäre, dann, ja dann dürften sie wieder faulenzen, und das hieß bei ihnen glücklich sein«, seufzt der Erzähler. Er porträtiert natürlich auch folgsame und fleißige Eingeborene wie Sam, den »treuen Neger von Bagamoyo«, der sich gegen die Revolte seiner blutrünstigen Brüder stellt. Nicht alle Mohren haben eine schwarze Seele.
»Weihnachten 1940« stand vorn im Buch. Ein Geschenk meines Großvaters an meinen Vater. Der alte Grill konnte es nie verwinden, dass dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg die Kolonien weggenommen worden waren. Er schimpfte wie viele seiner Nazi-Genossen in der Weimarer Zeit über den »Schandfrieden von Versailles« und über die »Kolonialschuldlüge«. Zurück die deutschen Ostgebiete! Wir wollen unsere Kolonien wiederhaben! Der Revisionismus sollte auch die nationalsozialistische Barbarei überdauern, und so fragte mein Vater mich, wie ihn sein Vater gefragt hatte: Welcher ist der höchste Berg Deutschlands? Die Zugspitze? I wo. Der Großglockner? Auch nicht. Es ist der Kilimandscharo in Deutsch-Ostafrika, und ich lernte, seine beiden Gipfel, den Kibo und den Mawenzi, zu benennen. Winnetou, der edle Apache, war der größte Held meiner Kindheit. Aber Afrika, das lockte noch viel mehr als das Amerika der Indianer. Der Kongo! Timbuktu! Sansibar! Die sagenumwobenen Mondberge! Das waren die Projektionsflächen allen kindlichen Fernwehs, die Inbegriffe der Fremde, der Urnatur, der exotischen Gegenwelt. Und geradezu zwangsläufig sollte mich im Jahre 1980 die erste Reise nach Afrika in das Land unter dem Kilimandscharo führen. Meine Motive waren freilich ganz andere als die der Vorväter: Ein bisschen Abenteuer und viel Solidarität mit den »Verdammten dieser Erde«.
Aus dem Staat, der unterdessen Tansania hieß, wurden revolutionäre Dinge berichtet. Wir hörten von einem afrikanischen Sozialismus, von einem Dritten Weg zwischen dem repressiven Sowjetkommunismus und dem räuberischen Kapitalismus. Wir studierten die Texte von Präsident Julius Nyerere, der ehrfürchtig mzee genannt wurde, großer Lehrer. Die Schlüsselbegriffe seiner Philosophie hatten den Klang von politischen Mantras: Self reliance, mit eigenen Kräften die Unterentwicklung überwinden, und ujamaa, gemeinsam leben und arbeiten, eine politische Maxime, die die Traditionen der Dorfgemeinschaft mit einem modernen Genossenschaftswesen verband. Dort unten brannte uhuru, die Fackel der Freiheit, dort mussten wir hin.
Wir, das waren neun junge Leute, Dritte-Welt-Bewegte, die in Longido, einem kleinen Nest nahe der kenianischen Grenze, von der Theorie zur Praxis schreiten und das tansanische Experiment unterstützen wollten. Unser Partner im Dorf war Estomihi Mollel, ein Masai, der in Australien Soziologie studiert und sich für das kleine Longido große Pläne ausgedacht hatte: einen Staudamm, ein alternatives Tourismusprojekt und ein Dorfgemeinschaftshaus, bei dessen Bau wir helfen sollten. Wir machten uns also daran, Lehmziegel zu produzieren. Schon am zweiten Abend entbrannte eine lange Diskussion. Dürfen wir an der Wasserstelle hinter dem Haus duschen oder war das ein europäischer Luxus, der ein knappes Gut verschwendete? Die Streitfrage erledigte sich, nachdem wir feststellten, dass das Wasser an der Viehtränke ununterbrochen lief, ohne dass irgendein Dorfbewohner daran Anstoß genommen hätte. Es war die erste Desillusionierung. Auch der anfängliche Enthusiasmus sollte bald schwinden, denn es erwies sich als ziemlich mühseliges Geschäft, in der Gluthitze der Savanne Lehmziegel zu backen, und die Qualität unserer Produkte ließ zu wünschen übrig. Überdies half uns kein einziger Einheimischer beim Ziegelmachen. Das Ergebnis unserer Mühe war ein schiefer Hühnerstall für Esto und seine Großfamilie. Das Dorfgemeinschaftshaus aber blieb eine fixe Idee.
Anschließend reisten wir durchs Land, besichtigten Projekte, ließen uns von Funktionären die Probleme auseinander setzen. Und sahen vor lauter Solidarität die Realität nicht mehr, den allgegenwärtigen Mangel, die Misswirtschaft und Korruption, die repressiven Tendenzen. Schuld an den weniger erfreulichen Erscheinungen waren stets finstere Außenmächte, der Kolonialismus und seine Spätfolgen, die ungerechte Weltwirtschaftsordnung, die obstruktive Haltung des Westens. Die schlechten Weißen und die guten Schwarzen - die Misere Afrikas, daran gab es für mich nicht den geringsten Zweifel, war zu achtzig Prozent durch exogene Faktoren verursacht. Heute sehe ich es genau umgekehrt: Die Afrikaner selber, namentlich die politischen Eliten, tragen die Hauptverantwortung für den maroden Zustand ihres Kontinents. Als ich fünfzehn Jahre später als Journalist nach Tansania zurückkehrte und ein Modelldorf besuchte, war von
"ujamaa" nicht mehr viel zu spüren. Ich sah brachliegende Nutzflächen, einstürzende Scheuern, grasüberwucherte Maschinen. Das Dorf Kwalukonge - ein Spiegel von Tansania: drei Jahrzehnte unabhängig, friedlich, verschlafen, heruntergewirtschaftet, mit Entwicklungshilfe überschüttet wie wenig andere Länder und trotzdem kein bisschen besser dran als zum Ende der Kolonialzeit. Die Utopie des Aufbruchs war an der Wirklichkeit zerschellt. Rot leuchtete nur noch die Laterit-Erde. Und meinen Freund Esto Mollel hatte ein tragisches Schicksal ereilt; er lag querschnittsgelähmt in seinem Häuschen in Longido - die Folge eines bösen Sturzes.
Bei meinem dritten Besuch in Longido, im Spätherbst 2001, war Esto nicht mehr. Er hatte bis zuletzt an seinem Projekt gearbeitet, ließ sich auf seinem klapprigen Toyota-Pritschenwagen durch den Busch karren, trommelte eine Helferschar zusammen, suchte Sponsoren, sammelte Spenden. Am Eingang des Dorfes stand seine Hinterlassenschaft: ein kleines Informationszentrum über die Masai und den Untergang ihrer Hirtenkultur. Junge Männer und Frauen verkauften Kalebassen, fertigten Schmuck aus Glasperlen oder boten Lehrwanderungen zu den "bomas" an, in denen die Masai angeblich noch wie ihre Vorväter leben. Estos kühne Visionen hatten sich nicht realisiert, aber da waren immerhin ein paar Arbeitsplätze und eine Hand voll selbstbewusster junger Leute. Ich ging an sein Grab im Schatten der großen Schirmakazie, unter der wir einst unsere misslungenen Lehmziegel gebacken hatten. Dieser Mann hat meine Affäre mit Afrika eingefädelt. Er verkörpert den unerschütterlichen Optimismus der Afrikaner, ihren Humor und ihre Schlitzohrigkeit, ihren Müßiggang und die Kunst, mit einfachsten Mitteln zu überleben. Esto Mollel war mein "mzee", mein erster afrikanischer Lehrer. Auch seinem Andenken ist dieses Buch gewidmet.

*

Dürre, Hunger und Seuchen, Krieg und Massenelend - will das denn in Afrika nie aufhören? Es gibt Tage auf diesem Erdteil, da wird man unweigerlich vom Pessimismus befallen, ja von einer lähmenden Depression. Man fährt durch die endlosen Slums in der Ebene vor Kapstadt. Verläuft sich in einem Bidonville von Dakar oder in einem Flüchtlingslager im Kongo. Sieht in Malawi ein Kind am Hunger sterben, das so alt ist wie der eigene Sohn. Steht fassungslos an einem Massengrab in Ruanda. Trifft in Sierra Leone einen Mann, dem Rebellen beide Arme abgehackt haben. Man möchte verzweifeln an der unsäglichen Grausamkeit dieses Kontinents und kann dem Leid Afrikas und dem der Afrikaner nichts mehr entgegensetzen. Man kapituliert. Und hört das Geraune der Untergangspropheten. "Africa nigra", verfluchter, verlorener Kontinent. Schwarzes Unheil.
Dann gibt es die anderen Tage, Tage, die heiter und hoffnungsfroh stimmen, weil sie die unbändige Lebenslust und verschwenderische Schönheit des Kontinents offenbaren. Wir haben das Glück, bei den Dogon den Tanz der Masken zu erleben oder eine prächtige Initiationsfeier der Bamiléké. Beobachten, wie sich ein gewöhnlicher Urnengang in Mosambik in ein Volksfest der Demokratie verwandelt. Hören von einem Regenmacher in Guinea die verrücktesten Geschichten über die Wettergötter. Begreifen in einer schwülen Nacht in Kinshasa, was Tanzen wirklich bedeutet. Bewundern allerorten die Kreativität der Armut, den Erfindungsreichtum der Menschen. Lernen ihre Langsamkeit, ihren unerschütterlichen Gleichmut schätzen, das afrikanische Amor fati, den Alltagswitz, die Lust am Palaver, am Spiel, das Lachen und Lächeln, das über die Not triumphiert. Oft kommt es uns vor, als ob gerade die Kargheit und der Mangel die größte Schönheit hervorbrächten. In der monotonen Graubräune der Halbwüste sehen wir die fröhlichsten Kleiderfarben, im dunklen Regenwald die wundervollsten Skulpturen, im langweiligsten Dorf die grazilsten Tanzfiguren.
Die Schönheit kann allerdings auch täuschen. Wir stehen im milchigen Frühlicht, die ersten Sonnenstrahlen fallen in die Fluchten eines Palmenhains, handtellergroße Falter steigen aus dem Gras - eine Szene so unwirklich und zauberhaft wie in einem Gemälde von Watteau. Denken wir. Aber der Nebel weicht, es wird hell und heiß, zwischen den Baumreihen entdecken wir Männer mit Macheten. Es sind Lohnsklaven, und das Idyll ist eine Plantage. Die Kokospalmen wirken jetzt wie Soldaten, die getrimmt wurden für die Erzeugerschlacht auf dem Weltmarkt.
Oft ärgern wir uns auch über die Afrikaner, über die Impertinenz von Amtspersonen, über die Allgegenwart von Abzockern und korrupten Beamten, über die Grobheit und Brutalität in den Metropolen, über die Faulheit, die Schlampigkeit und die unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Wir behausen ein schäbiges Zimmer, Wasser tropft durch die Decke, die Toilette ist zugeschissen, und am Morgen erfrecht sich der Hotelmanager, den Preis zu verdoppeln, weil über Nacht angeblich der Umtauschkurs gestiegen ist. Es kommt zu einem lautstarken Disput, und wir sind froh, dass uns niemand dabei beobachtet, denn sonst könnten wir für üble Rassisten gehalten werden. Aber irgendwann ist das Problem gelöst. Wir warten in der Frühstücksbaracke, Tropenregen hämmert auf das Blechdach, nach einer Stunde des Wartens sind wir glücklich, weil ein Spiegelei kommt und eine Tasse braunes Wasser, das hier Kaffee genannt wird. Unser Blick fällt auf das kleine Aquarium neben der Anrichte. Es ist ausgetrocknet, auf dem Grund liegen Glühbirnen. Wir müssen hellauf lachen.
Afrika ist ein Kontinent, der nicht zur Ruhe kommt und zugleich in ewiger Starre gefangen scheint, der sich irgendwo auf dem Weg zwischen Tradition und Moderne befindet und am Rande dieses Weges verwirrte Menschen zurücklässt. Wir erleben den Stupor der Provinz, das immer gleiche, bewegungslose Dorf, die Stille, die der Krieg gebiert, und die verheerende Aids-Pandemie. Wir sehen andererseits gewaltige Bewegungen, Millionen von Entwurzelten, die von irgendwo nach nirgendwo irren, Völkerwanderungen vom Land in die großen Städte, verrohte Milizen und Horden von Kindersoldaten, die ganze Staaten terrorisieren. Im Bergland von Abessinien begegnete mir einmal ein Heer von Kriegsgefangenen, hunderttausend Männer in Lumpen, hunderttausend leere, schicksalsergebene Gesichter - es war wie eine surreale Erscheinung, die meine Generation nur aus den Geschichtsbüchern über den Zweiten Weltkrieg kennt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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