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Wunschdenken von Naturromantik und edlen Wilden, Nachrichtenklischees vom flächendeckenden Dauerstammeskrieg und Hungerelend, Dritte-Welt-bewegtes Bemitleiden der Opfern einer angeblichen Erste-Welt-Verschwörung gegen die Armen der Welt, oder kaum verhohlener Rassismus, geboren aus der Resignation, dass "die Afrikaner" anscheinend nichts auf die Reihe kriegen, um ihre Armut und ihre Probleme in den Griff zu kriegen: Das sind so die Pole, zwischen denen sich Afrika-Darstellungen für gewöhnlich bewegen.
Bartholomäus Grills Buch ist anders. Zwanzig Jahre lang berichtet er schon für die "Zeit" und gelegentlich auch für andere Medien aus Afrika, vorzugsweise aus dem "eigentlichen" Afrika südlich der Sahara. Anders als die meisten Schreiber versucht er erst gar nicht erst, gut 50 Länder und hunderte Millionen Menschen auf einen Nenner und Zähler zu reduzieren. Grill gibt zu, dass ihn der Kontinent immer noch verwirrt. Dass er immer Außenstehender ist, oft Privilegierter, immer nur Facetten wahrnimmt - und dabei immer Gefahr läuft, nur die eigenen Erwartungen abzuhaken und den Rest zu übersehen.
Grill liefert zwölf Berichte. Jeder um die 30 Seiten lang, jeder mit vielen Querverweisen und Literaturtipps zum Tiefergehen. Es geht ihm um Geschichte und Kultur, den Schwebezustand zwischen einer verlorenen Vergangenheit und dem nicht erreichten Anschluss an die Moderne. Es geht um Korruption, die Kleptokratien, hohe Politik, Wirtschaft. Grill berichtet über das alltägliche Überleben, die Mühseligkeiten, die mit dem Befahren schon einer Hauptstraße zur Hauptstadt verbunden sind, die Sorgen und Probleme der Leute in den Dörfern, den Städten; Aids, Warlords, Armut, Öde, Grausamkeiten stehen neben Tanz, Gastfreundschaft, Lebendigkeit, Vielfalt, Naturschönheit, Hoffnungen.
Dabei verliert sich Grill nicht im Theoretisieren: Präzise, lebendig, spannend schreibt der Mann, voller Einsichten und kluger Gedanken. Wie sein Fahrer zitternd einer Erschießung durch Milizionäre irgendeiner "anderen Seite" knapp entgeht. Wie er einen nebligen Sonnenaufgang am Rande eines Urwalds erlebte. Wie die Leichenreste Dahingemordeter vor und in einer Kirche stinken. Wie Grill hilflos an einem sterbenden Kind vorbeifuhr. Wie er als Gast bei einem Dorffest Frieden und Harmonie erlebte. Wie ihn die Bilder aus den Flüchtlingslagern verfolgen. Wie Menschen ihre Rente an einem Tag in einer Spelunke versaufen, Monat für Monat. Wie er Aufnahme in einem Dorf am Ende der Welt fand und eine gefährliche Krankheit überwand. Wie deutsche Politiker heutzutage die rassistische Sau rauslassen. Dass Häuptlinge eine Erfindung der Europäer sind und es keine Menschenfresserkulturen auf dem ganzen Kontinent gibt oder jemals gab. Dass viele Afrikaner, wie so viele Deutsche, dazu neigen, die Schuld für jegliches Unglück immer woanders zu suchen. Dass man auch in Afrika mit simplen Schuldzuweisungen und Klischees nicht weiterkommt.
Grills Reportagen sind unbequem, nicht besinnlich, gedankenreich, nicht gefällig, stehen nicht im Dienste irgendeiner "Sache" außer der, wahrhaftig zu berichten. Mit denen, die nur ihre Vorurteile pflegen wollen - oder die ihrer Leserschaft - zeigt er wenig Geduld.
Horizonterweiterung, das ist es, was Grill betreibt: Man erfährt viel über Afrika, und, wenn man sich darauf einlässt, noch mehr über die eigenen Vorurteile, Klischees und Dummheiten. Es gibt nicht viele Bücher, die das schaffen.
Kurzum: Für Leser mit und ohne große Vorkenntnisse bestens geeignet, sprachlich hervorragend, spannend und haufenweise Einsichten produzierend - exzellent.
Afrika werde seit Jahrzehnten nur durch die Brille der Katastrophenberichterstattung wahrgenommen: „Gefragt ist in der Regel die oberflächliche, flinke Depesche, die Sensationsmeldung oder die impressionistische Katastrophenstory, nicht die nachdenkliche Analyse oder die gelassen erzählte Geschichte." (Seite 27).
Was macht Grill anders? Aus exakten Beobachtungen, nachdenklichen Worten und mit viel Sympathie baut er ein Mosaik, in das er spannende Reiseerlebnisse und zahlreiche Gespräche mit Präsidenten und einfachen Menschen, mit Aidskranken und erfolgreichen afrikanischen Geschäftsleuten einfließen ließ. In sprachlich brillanten und fesselnden Essays baut er Bilder zu einem Dutzend Themen, zum Kolonialismus, zu Aids, zum Völkermord in Ruanda, zu afrikanischen Traditionen und zu den korrupten Machenschaften machtbesessener big men an den Spitzen zahlreicher afrikanischer Staaten. „Ach!"
Aber: Sind das alle Elemente des Mosaiks? Sind sie richtig zusammengesetzt? Wird das Bild aussagekräftiger, wenn Grill auf nur zwei, drei Seiten von Angola nach Somalia und dann nach Liberia springt, um besonders grausige Erlebnisse aus Kriegssituationen aneinander zu reihen? Auch die Jahre verschieben sich ineinander, um mit vergleichbaren Momentaufnahmen von Fehlinvestitionen der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit die These zu illustrieren, dass Afrika sich der Modernisierung verweigere.
Grills Sprachgewandtheit macht es den Lesern leicht, mit Interesse und stets wachsender Neugier mehr über Afrika zu erfahren, doch Lösungen für die gegenwärtige Malaise kann auch er nicht vorschlagen. „Ach!"
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